Rom/Wien/La. Es ist nicht leicht, die letzte Hoffnung seines Heimatlandes zu sein. Die Erfahrung muss dieser Tage Giulio Tremonti machen, Finanz- und Wirtschaftsminister von Silvio Berlusconi und der mit Abstand renommierteste Wirtschaftsexperte in der italienischen Regierung. Seit die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone ins Visier der verunsicherten Anleger gerückt ist, gilt der 63-jährige Steuerexperte und Professor an der Universität Pavia in internationalen Investorenkreisen als Einziger, der den Abstieg Italiens in die Liga der Schuldensünder noch aufhalten kann.
Der laut Tony Blair „gebildetste Wirtschaftsminister Europas“ scheint sich des Ernstes der Lage bewusst zu sein: Sollte er zum Rücktritt gezwungen werden, würde dies das Ende der europäischen Einheitswährung bedeuten, raunte Tremonti am vergangenen Freitag gegenüber dem „Corriere della Sera“. Nur er könne gewährleisten, dass die Spreads (also die Zinsdifferenzen) zwischen italienischen und deutschen Anleihen im überschaubaren Bereich verbleiben.
Die Sorge ist nicht unbegründet, denn zwischen dem Finanzminister und seinem Vorgesetzten Berlusconi fliegen neuerdings die Fetzen – Stein des Anstoßes ist just das 51 Milliarden Euro schwere Sanierungspaket, das Tremonti durchs Parlament bringen möchte und das Berlusconi aufgrund der darin enthaltenen Sparmaßnahmen ganz und gar nicht gefällt. Zweck des Unterfangens: Italiens Haushalt soll bis 2014 ausgeglichen bilanzieren. Ob (und in welcher Form) das Paket geschnürt wird, ist noch nicht klar. Tremonti versprach am gestrigen Montag, das Parlament werde Teile des Sparprogramms noch im Laufe der Woche absegnen und so „ein starkes Signal“ an die Märkte senden. Genau darum durfte es am vergangenen Freitag bei dem Arbeitslunch zwischen Tremonti und Berlusconi gegangen sein, das nach Angaben des Finanzministers „freundschaftlich“ verlief.
Neben seiner langjährigen Erfahrung – Tremonti war bereits 2001 bis 2004 und 2005 bis 2006 Finanzminister – hat der Politiker im Zwist mit Berlusconi noch einen weiteren Trumpf im Ärmel: Seine Freundschaft mit Umberto Bossi, dem Chef der Lega Nord. Sollte die drittgrößte Partei des Landes dem Premier ihre Unterstützung verweigern, wären die Tage Berlusconis endgültig gezählt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2011)
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