Inflationssteuer: "25 Jahre negative Realzinsen"

13.07.2011 | 18:10 |   (Die Presse)

IV-Chefökonom Christian Helmenstein sieht eine Entschuldung durch Mini-Zinsen und wesentlich höhere Inflationsraten. Die Phase einer solchen „finanziellen Repression“ wäre ein Programm von mindestens 25 Jahren.

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Wien. Wie haben Großbritannien und die USA nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Schuldenberge abgebaut? Nicht durch eine schnelle Teilentschuldung („Haircut“), sondern durch negative Realzinsen. Dabei werden die Zinsen für Sparer nach unten gedrückt. Auf diese Weise können sich die betroffenen Staaten günstig Geld leihen. Das erleichtert wiederum die Rückzahlung der hochverzinsten Altschulden. Im Gegensatz dazu wird die Inflation hoch gehalten. Das Resultat ist ein negativer Realzins. Die Zeche zahlen Sparer, Inhaber von Lebensversicherungen und Pensionskassen. Der Chefökonom der Industriellenvereinigung, Christian Helmenstein, hält es für wahrscheinlich, dass auch die Eurozone auf diese Weise die jetzigen Probleme löst. Die Phase einer solchen „finanziellen Repression“ wäre seiner Meinung nach kein Programm von zehn, sondern mindestens von 25 Jahren.

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Die Sparer zahlen für die Krise

Bereits seit Mitte 2009 sind in Europa die Inflationsraten höher als die Zinsen. Offiziell hat sich zwar die Europäische Zentralbank (EZB) zum Ziel gesetzt, dass die Inflationsrate nicht auf über zwei Prozent steigen darf. „Die Frage ist nur: Wie messen wir Inflation?“, merkt Helmenstein an.

Laut IHS und Wifo wird die Inflationsrate in Österreich heuer auf 3,2 Prozent beziehungsweise 3,0 Prozent steigen. Helmenstein gibt aber zu bedenken, dass die Inflation laut dem sogenannten „Mini-Warenkorb“, also bei den Gütern des täglichen und wöchentlichen Bedarfs, schon jetzt mit 5,6 Prozent deutlich höher liegt. Im Vergleich dazu ist der EZB-Leitzinssatz mit 1,5 Prozent niedrig. Neue Eigen-
kapitalvorschriften zwingen Banken und Versicherungen verstärkt dazu, in sichere Staatsanleihen zu investieren. Doch de facto machen sie damit ein Verlustgeschäft. Die Renditen für zehnjährige deutsche Staatsanleihen liegen nur noch bei 2,7 Prozent. Ein Viertel vom Ertrag holt sich der Staat durch die Kapitalertragssteuer.

Laut Helmenstein handelt es sich bei dieser „finanziellen Repression“ um eine Verteilung der Kosten von Schuldnern zu Gläubigern. Im Klartext zahlen die Gläubiger, also die Sparer und Steuerzahler, für die Krise. „Man kann das auch Inflationssteuer nennen“, kritisiert der Ökonom. Um die Märkte jetzt schnell zu beruhigen, sollte seiner Ansicht nach der Euro-Rettungsschirm auf 1,5 Billionen Euro aufgestockt werden. Denn die bisherigen Hilfspakete hätten sich schon vorweg als zu klein herausgestellt.

Ein klassisches Beispiel für eine „finanzielle Repression“ sind die USA, wo 1945 die Staatsschulden auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts explodiert waren. Zehn Jahre später ist der Wert auf die Hälfte gesunken.

Es gab weder eine Hyperinflation noch einen „Haircut“, sondern der Trick lag bei den negativen Realzinsen. Dies setzt aber die Fähigkeit des Staates voraus, die Zinsen künstlich niedrig zu halten. In Europa müsste dabei die EZB mitspielen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2011)

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22 Kommentare

Negative Realzinsen

Kann mir irgendjemand genau erklären, wie ein Staat bei negativen Realzinsen seine Schulden abbaut?

Gast: Markus Trullus
20.12.2011 08:56
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meld mich mal wieder; ich weiß, ich träume...

Aus der Misäre gibt es nur einen Weg: den des ausnahmslosen, harten Arbeitens , den der massiven Reduktion der staatlichen Ausgaben, den der massiven Reduktion an Steuern, gnadenlose Verfolgung von Korruption und Schwarzarbeit, Leistungsgerechte Entlohnung, für absolut Scheiternde ein Auffangnetz (einiges echt zugestandenes Sozialgebilde), dann würden die Schulden viel schneller getilgt werden können, Überschüsse erzielt werden, die in Bildung und F&E angelegt würden. Aber das bleibt bei diesen Bürgern, die immer wieder GROKO wählen, wohl ein Pardiestraum... unerreichbar....

Gast: litzelo
17.07.2011 22:50
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finanzielle Repression LÄNGST da

Wir haben bereits Negativzinsen.
Es gibt KEINE sichere Geldanlage mehr, die den Kaufkraftverlust auch nur ausgleicht, geschweige denn einen Gewinn bringt.
Gold-und Silberpreis, sowie der schw.Franken zeigen klar, daß der Markt bereits weiß, daß die Notenbanken Geld drucken werden, bis es keine Bäume mehr gibt.

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IV-Chefökonom Christian Helmenstein

würde wohl gerne auch neue Steuern wie: Erleben- Ableben- Existenz- Atem- Pulsfrequenz- ... und was weiss man noch alles für Steuern einführen, bzw vorhandene anheben, nur ja natürlich nicht Gewinne antasten, welche ja weiterhin privat sein müssen und Spenden samt Erbewie auch Gruppenbeseuerung (Betrug) weiterhin rechtens sein sollen ?!

WER vertritt endlich dei Interessen des Volks, das all diesen Wahnsinn bezahlen muss ?????

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ein weiterer Ökonom, der selbst bestens versorgt

die untere Schicht für sein Klientel bezahlen lassen möchte ?
Das hatten und haben wir bereits, und sind nicht länger willens, für derlei Unsinn weiterhin bezahlen zu müssen !

Gast: Schabernank(e)
14.07.2011 14:28
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Aber hallo!

Anhand der weniger Beiträge hier sieht man wieder wie wenig so existenzielle Themen die breite Masse interessieren.

Hätte in Tirol ein Moslem einen Ochsen vergewaltigt, wir hätten hier schon an die 200 gehässige postings, mindestens.

der Herr Chef-Ökonom übersieht dabei allerdings,

dass man der breiten Masse das Sparen erst wieder möglich machen muss.
Auf lange Sicht soll man die Kuh melken, nicht umbringen.

Vorsorge?

In der Theorie ist der Vorsorgegedanke ja richtig. In der Praxis zieht man dabei voll die A....-Karte. Wer nicht vorsorgt hat halt weniger und wird vom Staat erhalten, wer vorsorgt hat nach Inflation auch weniger und muß von den eigenen Reserven leben.

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Re: Vorsorge?

besitzen heute nur noch geschützte Ökonome udn staatlich garantierte Arbeitsverweigerer um solche weiterhin fordern zu können !
Welcher Arbeiter (Leistungsträger) eventuell mit Familie),kann denn heute noch sparen ?
Selbst Privatvorsorge ist heute keine sichere Altersvorsorge mehr, wie einige davon Betroffene berichten können.....


Gast: Bürge(r)&Zahler ltd.
14.07.2011 09:39
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In den Krallen

Passiert laufend. Zinsen unter der Inflation. Darauf 25% Steuer. Mich wundert es, dass die Kapitalertragsteuer noch nicht verfassungsrechtlich pulverisiert wurde. Hätte ich Zeit und Geld würde ich dies angehen. Es kann ja wohl nicht sein, dass man seine Verluste auch noch versteuern muß. Zu bedenken ist der gesellschaftliche Aspekt des Sparens, der bei diesen Übelegungen völlig außer Acht gelassen wird. Politiker müsssen über diesen Tellerrand hinaussehen.

Antworten Gast: Halbwissen
14.07.2011 13:42
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Re: In den Krallen

Hätten Sie Zeit und Geld würden Sie in der Schweiz leben und nichts bezahlen.

Jetzt wissen Sie warum niemand der es sich leisten könnte klagt.

Antworten Gast: sparefroh
14.07.2011 11:22
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Re: In den Krallen

stimmt, unter diesen Voraussetzungen müsste der Kreditnehmer die Kapitalertragsteuer entrichten, denn er profitiert indem er sich durch Inflation entschuldet und nicht der "Ent-sparer"!

Gast: Bürger1
14.07.2011 09:25
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Wie immer...

Belohnt werden die leichtsinnigen Luftikuse, bestraft werden verantwortungsvolle Sparer, die rechtzeitig Rücklagen gebildet hätten. Brave new economy.

Gast: common sense
14.07.2011 01:16
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Träumerei

Wenn man sich anschaut was der gleiche Herr vor 3 wochen noch behauptet hat zu greece " Griechen Sparprogramm erfolgreich" siehe http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/672423/IVChefoekonom_GriechenSparprogramm-erfolgreich?from=simarchiv
dann weiss man gleich, dass er nix auf dem Kasten hat...

die Währungsreform (weltweit) wird so und so kommen (müssen), und zwar sehr bald.

Gast: Freiheit
14.07.2011 00:43
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hallo!!!!!! das lauft doch schon seit der krise so

also wirklich? keiner hat das bemerkt??? zinsen am boden, inflation auch waehrend der krise hoch. wow also ich glaube ich bewerbe mich fuer den posten dieses oekonomen. genau das hat jeder vorrausgesagt weil die regierungen keine groesseren schritte machen. strategie ist man nimmt langsam aber sicher jenen die noch vermoegen haben durch direkte oder indirekte enteignung etwas weg. direkt - neue abgaben, neue steuern, indirekt ueber die inflation und negativzinsen. natuerlich kommen fuer unsere heinis in der politik sparen, das richtige machen nicht in frage sondern da ja in oesterreich nur mehr 35% der bevoelkerung nettozahler sind schoen brav denen noch mehr brocken in weg schmeissen. werde schoen brav spekulieren - die machen es einem wirklich zu einfach!!!!!!

Ja so hätt es die IV gerne...

Die Kleinsparer sollen´s blechen, derweilen die Herren aus der Industrie umdisponieren und ihr Vermögen retten.

Zinsen

Seltsam, erstens gibt es einige Leute aus der Branche die meinen die Zinsen werden steigen, und zweitens heizen niedrige Zinsen die Inflation noch mehr an, was das reale Wirtschaftswachstum bremst, weil zu viel billiges Geld in Umlauf kommt. Die niedrigen Zinsen gibt's normalerweise nur um die Wirtschaft in Schwung zu bringen, sobald der Schwung da ist, so wie jetzt, werden die Zinsen raufgefahren, sonder hebt die Inflationsrate ab.
Es gab Zeiten da waren 10% Zinsen normal, und das ist noch nicht so lange her. Mit den Staatsschulden hat das aber im Prinzip nichts zu tun, da diese nicht unbedingt auf das Wirtschaftswachstum Einfluss haben.
Und dass Kredite ein guter Inflationsschutz sind ist auch keine wirklich neue Weisheit.
Europa wird wohl die Zinsen heben müssen, sonst werden wir wenig Chancen gegen China, Indien und Südamerika haben. Nur mit entsprechend hohen Zinsen werden wir Kapital anziehen in Konkurrenz zu den Schwellenländern. Daher wird der Leitzins wohl gehoben werden müssen. Auch wenn's weh tut, aber es tut weniger weh als niedrige Zinsen.

Gast: hackler
13.07.2011 21:42
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also den japanischen Weg

Ja, so schaut es aus, "Nullzinspolitik" eine Sanierung auf Kosten der Sparer. Wie Japan schon 21 Jahre hinter sich hat.

25 Jahre Inflation bei den Lebenshaltungskosten und Deflation in der Geldbörse.

Ob der verwöhnte Westen diese Roßkur durchstehen würde.
So aufopferungsvoll u. diszipliniert ist man hier nicht, wie in Japan. Sie finden bei uns keinen Pensionisten (Hackler), der sich freiwillig für Arbeit im Atomkraftwerk "Fukushima" melden würde.


Verschuldung

wie auch immer die "Krise" beendet wird, zahlen kann nur der, der die Mittel hat! Somit immer der Sparer!

Antworten Gast: fefe
14.07.2011 08:03
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Re: Verschuldung

Ich muss ehrlich sagen, ich verstehe die Logik nicht, dass niedrige Sparzinsen irgendwelche Schulden auflösen. Davon profitieren doch die Banken und nicht der Staat. Die Kreditzinsen sind ja nicht so sehr niedrig.

Ende der 1970er-Jahre hatte es ebenfalls sehr kritisch ausgeschaut, die Kreditzinsen lagen da in der Größenordnung von 16% allerdings die Sparzinsen auch sehr viel höher. Auch damals wurde damit gerechnet, dass das Geld umfällt, was aber nicht passiert ist.

Ich habe mittlerweile eine andere Theorie: Ich glaube, dass es derart hohe Vermögen in Geld gibt, für die es keine Entsprechung auf der Erde gibt. D.h. die so genannten wirklich Superreichen würden dann auch enorm verlieren. Gold gibt es nicht so viel und Immobilien und Firmen sind endlich. Das ist freilich nur eine eher praktische Überlegung. Ich denke daher, dass sich die Staaten durch eine angehobene Inflation - aber keine galoppierende - entschulden werden. Damit ginge nicht so sehr viel verloren, vor allem nicht alles.

Antworten Antworten Gast: Gast9876
14.07.2011 12:19
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Re: Re: Verschuldung

Ich denke dass Sie mit Ihrer Vermutung richtig liegen: Geld entsteht (wird geschöpft) als Schuld. Wenn der Schuldner nicht einmal mehr in der Lage ist mittels seiner Arbeitskraft (Produktivität) wenigstens den Zins zu bedienen, dann ist das System am Ende. Da die Schuld dann ganz offensichtlich nicht mehr zurückgezahlt werden kann, kommt es zum Vertrauensverlust und es ist der Wert des Geldes verloren. Die Zeche zahlen aber trotzdem die Zinssklaven, da die wirklich Vermögenden in reale Werte (Grund, Unternehmensanteile, Rohstoffe, ...) umgeschichtet haben.

Gast: rabe1
13.07.2011 20:50
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genau das

versucht man ja; die Statistikbehörden spielen auch brav mit mit der Verschleierung der Inflation und die Medien sind auch pflichtschuldig dabei, wenn es gilt, Anlageformen die nicht besteuert und weginflationiert werden können zu diskreditieren. Wenn zb das Wort Gold fällt, dann kommt zur qualifikation "sicherer Hafen" immer ein "vermeintlich" davor und ein ahnungsloser Raiffeisen-Heini, der früher am liebsten Lehmann-Papiere und Griechen-Bonds empfohlen hat, warnt "vor einer Blase".

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