Trichet: EZB wird Inflation "sehr genau" beobachten

Die Europäischen Zentralbank belässt den Leitzins bei 1,5 Prozent. EZB-Präsident Trichet signalisiert einen neuen Anleihen-Aufkauf.

EZB beläßt den Leitzins bei 1,5 Prozent
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EZB beläßt den Leitzins bei 1,5 Prozent
(c) EPA (Boris Roessler)

Die Europäische Zentralbank bleibt bei ihrer Politik der regelmäßigen Zinspausen. Der EZB-Rat beließ bei seiner Sitzung am Donnerstag in Frankfurt den Leitzins wie erwartet bei 1,5 Prozent. Zugleich signalisierte EZB-Chef Jean-Claude Trichet, dass die Notenbank ihr Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen unmittelbar wieder aktivieren könnte. Er sagte vor Journalisten, er wäre nicht überrascht, wenn noch während der Pressekonferenz eine Marktaktivität zu beobachten wäre. Händler sagten kurz darauf, die EZB kaufe portugiesische und irische Staatsanleihen am Sekundärmarkt an.

Anleihen-Aufkaufprogramm immer aktiv

Zuvor hatte Trichet betont, er habe niemals gesagt, dass das Programm ruhe. "Es ist ein fortlaufendes Programm, und wir sind absolut transparent. Wir haben bei unseren Treffen das Anleihe-Aufkaufprogramm der EZB (SMP) immer diskutiert. Sie werden sehen, was wir tun", sagte Trichet. Die EZB hatte seit März keine Staatsanleihen mehr gekauft, und jüngste Äußerungen von Vertretern der Notenbank hatten nahegelegt, dass das Programm faktisch außer Betrieb sei. Nachdem zuletzt Spanien und Italien an den Finanzmärkten unter Druck gerieten, wurden allerdings Forderungen laut, dass die EZB wieder aktiv wird.

Wortwahl wird sehr beachtet

Zur Inflationsentwicklung sagte Trichet: "Wir beobachten alle Entwicklungen hinsichtlich der Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität weiter sehr genau." Volkswirte hatten vor der Pressekonferenz gesagt, eine erneute Verwendung der Worte "sehr genau" würde eine weitere Zinsanhebung noch in diesem Jahr signalisieren. An den Märkten wird bisher jedoch eine weitere geldpolitische Straffung wegen der Schuldenkrise in Europa nicht vor 2012 erwartet.

Der EZB-Präsident sagte, die jüngsten Daten zeigten eine gewisse Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den vergangenen Monaten. "Nun wird mit einer maßvollen Expansion gerechnet", so Trichet. Er betonte zugleich, die Unsicherheit sei derzeit hoch. Seit April hat der EZB-Rat die Zinsen in zwei kleinen Schritten angehoben und damit den allmählichen Ausstieg aus der Krisenpolitik des extrem billigen Geldes begonnen.

Schuldenkrise: EZB pumpt Geld in Märkte

 Auch gibt die EZB den Geldhäusern bessere Planungssicherheit und beugt einer großen Vertrauenskrise am Geldmarkt vor. Sie packt dafür ein eigentlich längst weggelegtes Instrument wieder aus: Am 10. August wird die Zentralbank den Geschäftsbanken zusätzlich für sechs Monate Geld leihen - zu einem an die Leitzinsentwicklung gekoppelten Zinssatz.  Zudem verlängerte die Zentralbank die Möglichkeit für die Finanzinstitute, unbegrenzte Kredite für drei Monate aufzunehmen.

EZB zwischen den Fronten

Volkswirte sehen die EZB in einer Zwickmühle. Höhere Zinsen helfen zwar im Kampf gegen die Inflation: Kredite werden tendenziell teurer, das mindert die Neigung von Unternehmen und Verbrauchern, auf Pump zu investieren und zu konsumieren. Nach den letzten EZB-Prognosen wird die Inflation getrieben von einem Schub bei den Energie- und Rohstoffpreisen im laufenden Jahr: Die Teuerung stieg auf 2,6 Prozent (Spanne: 2,5 bis 2,7).

Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher könnten sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass die Konjunktur im Euro-Raum an Schwung verlieren könnte. Auch die Euro-Schuldenkrise ist noch nicht beendet, im Gegenteil. Nach dem Euro-Gipfel zur Griechenland-Rettung sind jetzt Spanien und vor allem Italien in den Fokus geraten. Beobachter schließen daher nicht aus, dass sich die Währungshüter bis zum Jahresende Zeit mit einem weiteren Zinsschritt lassen könnten.

(APA/Ag.)

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