Wien/Jaz/Reuters. Um rund 20 Prozent haben die weltweiten Börsen in den vergangenen vier Wochen an Wert verloren. War das nur eine Kurskorrektur auf den Finanzplätzen, weit abseits der „Realwirtschaft“? Oder wurde an den Börsen ein kommender Abschwung oder gar eine Rezession vorweggenommen? Darüber zerbrechen sich Ökonomen, Politiker und Börsenanalysten seit Tagen die Köpfe. Und immer mehr von ihnen glauben, dass dem Crash an der Börse auch ein Crash bei Industrie und Handel folgen könnte.
So beziffert Joachim Fels, Chefökonom der US-Bank Morgan Stanley, in der „Welt am Sonntag“ das Risiko einer neuerlichen Rezession in der Eurozone mit „50 Prozent“. „Die schwachen Märkte schwächen die Konjunktur – was wiederum die Märkte belastet. Das ist ein Teufelskreis, aus dem es keinen einfachen Ausweg gibt“, so Fels.
US-Anleihen als Indikator
Aber nicht nur in Europa geht das Rezessionsgespenst um. Auch die US-Wirtschaft könnte nach Ansicht des weltgrößten Händlers von Staatsanleihen, Pimco, schon bald wieder schrumpfen. Die niedrigen Renditen bei US-Anleihen seien ein eindeutiges Zeichen für eine solche Entwicklung, meint Pimco-Chef Bill Gross. Denn Anleger reagieren im Vorfeld von Rezessionen jedes Mal gleich: Sie meiden riskantere Investments wie Aktien und bringen ihr Geld in sichere Häfen wie Gold oder US-Staatsanleihen. Die Renditen der Treasuries waren dadurch Ende der Vorwoche das erste Mal seit 1950 unter die Grenze von zwei Prozent gerutscht.
Im zweiten Quartal hat sich das Wachstum in den meisten Industrieländern deutlich abgeschwächt und blieb häufig unter den Erwartungen. Von einer Rezession kann aber noch nirgendwo die Rede sein. So wuchs Deutschlands Wirtschaft zwischen April und Ende Juni im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum erneut um 2,8 Prozent. Die US-Wirtschaft konnte um 1,3 Prozent zulegen. Österreichs Konjunkturwachstum betrug sogar 3,7 Prozent und lag damit deutlich über dem EU-Schnitt von 1,7 Prozent. Doch auch wenn es keinen rationalen Grund für einen Abschwung gibt, können Unsicherheit und mangelndes Vertrauen schnell von den Finanzmärkten auf andere Wirtschaftsbereiche überschwappen, sagen Experten. „Auch 2008 haben die Turbulenzen auf den Märkten an sich nichts mit realen Werten zu tun gehabt, sondern sind nur mit Panik und Herdentrieb zu erklären. Doch das nützt nichts, wenn es trotzdem zur Ansteckung auf die Realwirtschaft kommt“, sagt Thomas Straubhaar, Chef des deutschen Weltwirtschafts-Instituts.
Ähnlich sieht das der britische Stanford-Professor Nicholas Bloom in der „FAZ am Sonntag“. Er hat 16 sogenannte Unsicherheitsschocks (unter anderem die Ermordung Kennedys und den ersten Golfkrieg) untersucht. „Und eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Schocks führen zu schweren kurzfristigen Rezessionen.“ Die Kapitalmärkte hätten ihr Tief in der Regel sechs bis acht Wochen nach dem Schock, die Volkswirtschaften ein paar Monate später.
Nicht wie 2008/09?
Doch nicht alle glauben daran, dass wie in der Krise 2008/09 auch jetzt der Börsencrash zu einer Rezession führt. „Ich sehe nichts, was auf eine Rezession in Deutschland hindeutet“, meint etwa die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Unterstützung erhält sie dabei vom deutschen Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt, der keinen Grund sieht, „die sehr positiven Prognosen infrage zu stellen“.
Entscheidend dürfte der weitere Verlauf der Schuldenkrise in den USA und Europa sein – des Hauptgrunds für die derzeitige Unsicherheit. Auf Beruhigungstour war in dieser Frage am Wochenende US-Vizepräsident Joe Biden in China, dem Hauptgläubiger der USA. China brauche sich laut Biden keine Sorgen über die Zahlungsfähigkeit der USA machen. „Wir werden schon aus purem Eigeninteresse niemals zahlungsunfähig werden“, so Biden.
Der US-Anleihenhändler Pimco sieht in den niedrigen Renditen von amerikanischen Staatsanleihen ein untrügliches Zeichen für eine bevorstehende Rezession in den USA. Laut dem Chefökonomen von Morgan Stanley liegt auch in Europa die Gefahr einer Rezession bei 50 Prozent. Als Grund wird die allgemeine Unsicherheit angegeben, die bereits die Finanzmärkte erfasste und auf die „Realwirtschaft“ überschwappen könnte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2011)
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