Eco Austria: Konkurrenz für Wifo und IHS

06.09.2011 | 18:26 |  HANNA KORDIK UND FRANZ SCHELLHORN (Die Presse)

Die Industriellenvereinigung, eine Interessenvertretung mit rund 3500 Mitgliedern, gründet ein neues Wirtschaftsforschungsinstitut: „Eco Austria“ soll ab 2012 vor allem wirtschaftspolitischen Input liefern.

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Wien. Die heimischen Konjunkturforschungsinstitute Wifo und IHS bekommen „Konkurrenz“: Die Industriellenvereinigung ist gerade dabei, ein neues Wirtschaftsforschungsinstitut zu gründen. Es wird Anfang nächsten Jahres seine Arbeit unter dem Namen „Eco Austria“ aufnehmen. Und einen Leiter des Institutes gibt es auch schon – nämlich Ulrich Schuh, bisher Ökonom beim IHS.

Die Industriellenvereinigung, eine Interessenvertretung mit rund 3500 Mitgliedern, lässt sich die Sache einiges kosten: Mit 300.000 Euro jährlich soll das neue Institut dem Vernehmen nach unterstützt werden. Es soll sich allerdings weniger auf Konjunkturprognosen spezialisieren, wie es das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung und das Institut für Höhere Studien und übrigens auch die IV selbst schon tun.

Vielmehr ist daran gedacht, mit „Eco Austria“ einen Thinktank auf die Beine zu stellen: Die derzeit vorgesehenen sechs bis sieben Mitarbeiter sollen vor allem wirtschaftspolitische Modelle entwickeln und der Politik damit wichtigen Input liefern. In diesem Bereich sieht die Industriellenvereinigung in Österreich derzeit eine große Lücke.

 

Sprengstoff für Wifo und IHS

Ein friedliches Nebeneinander von künftig drei österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituten also: so weit die offizielle Version. Dennoch bergen die Pläne der Industriellenvereinigung einigen Sprengstoff in sich: Schon im Jahr 2009 hat die Industriellenvereinigung Unmut vor allem über das Wifo bekundet. Das Wirtschaftsforschungsinstitut werde zunehmend ein Verfechter linker Ideologien – und das ging vielen IV-Mitgliedern entschieden gegen den Strich: Nachdem Raiffeisen seine finanziellen Zuwendungen an das Wifo damals gänzlich einstellte, folgte im Sommer 2009 die Industriellenvereinigung. Jahrelang hatte sie 235.000 Euro an das Wifo gezahlt, flugs wurde der Beitrag auf 100.000 Euro zusammengestrichen.

Auch das IHS wird mit den Plänen der Industriellenvereinigung zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt konfrontiert: Ende des Jahres geht der jahrelange IHS-Chef Bernhard Felderer in Pension. Sein designierter Nachfolger, der Tiroler Christian Keuschnigg, hat zu Beginn seiner neuen Tätigkeit also gleich eine Herausforderung mehr zu bewältigen.

Dem Vernehmen nach wird die Industriellenvereinigung die finanzielle Unterstützung von Wifo und IHS auch nach der Gründung von „Eco Austria“ weiter gewähren. Jedenfalls sollen derzeit keine Kürzungen geplant sein.

Brisant ist die Gründung des Thinktank aber auch aus einem anderen Grund: Wie „Die Presse“ berichtete, wird unter den IV-Mitgliedern zunehmend Unmut über die Wirtschaftspolitik der Regierung laut.

 

Massive Kritik an Regierung

Wiederholt wurde IV-Präsident Veit Sorger von etlichen Mitgliedern händeringend aufgefordert, eine neue wirtschaftsliberale Partei zu gründen. Was Sorger freilich in eine veritable Zwickmühle brachte: Als Chef einer politisch unabhängigen Interessenvertretung sah er sich zu so einem Schritt außerstande.

Der nun initiierte und finanziell unterstützte Thinktank könnte so gesehen als Kompromissangebot an die aufgebrachten Mitglieder interpretiert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2011)

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4 Kommentare

Die Degenerierung des Wifo zur linken Kaderschmiede

ist unbestritten! Wie unabhängig war doch das Wifo unter Prof. Nemschak, ja selbst unter Direktor Seidl , der später sozialistischer Staatssekretär in der Regierung war, herrschte noch Meinungsvielfalt im Wifo.

Vor drei Tagen konnte man von Prof. Aiginger im Nachrichtendienst des ORF lesen, wie er die Grenze für die Häuselbauer ziehen würde, damit diese für ihre Häuschen nicht Vermögenssteuer zahlen müssen! 80 m2 Wohnfläche und 300 m2 Grund!! Für Familien mit Kindern sind diese Häuserln sicher zu klein, auch 300 m2 Garten reichen nicht zum Spielen in frischer Luft! Auch die neuen Reformideen der Fau Schratzentaler für die Einkommensteuer und natürlich alle Vorschläge von Stephan Schulmeister atmen sozialistische Schrebergarten Kultur aus. Ich freue mich über diese schon lange notwendige Konkurrenz und Korrektur für das Wifo sehr!!!

Gast: Jesse James
08.09.2011 18:28
1

Echte Expertise erfordert Konzentration und Unabhängigkeit

Anstatt die ohnehin stark beschränkten Mittel für die Forschung noch weiter zu streuen und damit umgekehrt die Forscher den Geldgebern noch höriger zu machen, wäre eher angebracht, wenn konzertiert Kapazitäten geschaffen werden, die auch wirklich unabhängig die Wahrheit sagen dürfen.

Dazu scheint aber der Mut zu fehlen - Politiker wie Interessensvertreter wollen offensichtlich lieber das gesagt bekommen, was sie hören wollen. Warum ist die IV nicht mit allen noch so konträren Spielern zusammengegangen, um ein wirklich unabhängiges Institut zu schaffen?
Dahinter stecken sicherlich auch persönliche Ambitionen.
Lieber den eigenen kleinen Schrebergarten beherrschen, als gemeinsam zu echten, glaubwürdigen und brauchbaren Ergebnissen zu kommen.

Gast: Raubritterangriff auf die Steuerzahler
08.09.2011 06:26
2

Neoliberales roll-back des Staates zur Profitemaximierung der Industriellen

Schuh ist eine leicht zu handhabende Marionette, also so gesehen eine gute Wahl als Erfüllungsgehilfe. Die den Output diktierenden "grauen Eminenzen" brauchen sich somit weiterhin nicht unnötig zu exponieren.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem großartig als "Think-tank" beschriebenen Institut um ein quasi als Knüppel fungierendes Lobbying-Instrument der IV, um die träge Regierung in Ermangelung eigener Expertise zum profitemaximierenden Vorteil der Industriellen in die gewünschte Richtung treiben zu können und um gleichzeitig die öffentliche Meinung durch bezahlte billige "Experten" entsprechend kalmieren und manipulieren zu können.

Zu erwarten ist neoliberale Wirtschaftspolitik US-amerikanischer Provenienz (u.a. American Enterprise und Cato Institute sowie Heritage und Atlas Foundation sowie deren spin-offs und diverse Varianten als Troubadoure und Requisitenkabinette), deren reichlich vorhandene Modelle nur für die spezifisch österreichischen Verhältnisse modifiziert werden müssen. Als "Experten" dienen gerne die gehypten Professoren der "Mont Pélérin Society". Zum Adaptieren von deren Inputs braucht man dann neben Schuh nur einige ansonsten arbeitslose und daher minderbezahlte Jungakademiker.

Gemessen am minimalen Ressourceneinsatz wird die zu erwartende Rendite dieses Lobbying-Vehikels für die Industriellen beträchtlich sein.

Nur die Bevölkerung wird als Resultat der zu ihren Lasten geplanten Kostenüberwälzungsstrategie dazu noch mehr Steuern zahlen müssen.

Gast: Raubritterangriff auf die Steuerzahler
08.09.2011 05:27
1

Neoliberales roll-back des Staates zur Profitemaximierung der Industriellen

Schuh ist eine leicht zu handhabende Marionette, also so gesehen eine gute Wahl als Erfüllungsgehilfe. Die den Output diktierenden "grauen Eminenzen" brauchen sich somit weiterhin nicht unnötig zu exponieren.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem großartig als "Think-tank" beschriebenen Institut um ein quasi als Knüppel fungierendes Lobbying-Instrument der IV, um die träge Regierung in Ermangelung eigener Expertise zum profitemaximierenden Vorteil der Industriellen in die gewünschte Richtung treiben zu können und um gleichzeitig die öffentliche Meinung durch bezahlte billige "Experten" entsprechend kalmieren und manipulieren zu können. Zu erwarten ist neoliberale Wirtschaftspolitik US-amerikanischer Provenienz (u.a. American Enterprise und Cato Institute sowie Heritage und Atlas Foundation sowie deren spin-offs und diverse Varianten als Troubadoure und Requisitenkabinette), deren reichlich vorhandene Modelle nur für die spezifisch österreichischen Verhältnisse modifiziert werden müssen. Als "Experten" dienen gerne die gehypten Professoren der "Mont Pélérin Society". Zum Adaptieren von deren Inputs braucht man dann neben Schuh nur einige ansonsten arbeitslose und daher minderbezahlte Jungakademiker.

Gemessen am minimalen Ressourceneinsatz wird die zu erwartende Rendite dieses Lobbying-Vehikels für die Industriellen beträchtlich sein.

Nur die Bevölkerung wird als Resultat der zu ihren Lasten geplanten Kostenüberwälzungsstrategie dazu noch mehr Steuern zahlen müssen.

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