Europa wappnet sich für neue Bankenkrise

Das Misstrauen unter Banken wächst. Die Europäischen Zentralbank muss mit Ausleihungen in die Bresche springen und kündigte an, den Banken Dollar-Liquidität zur Verfügung zu stellen.

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(c) AP (Michael Probst)

Frankfurt/Red/Ag. Die Krise der europäischen Banken spitzt sich offenbar dramatisch zu: Die Ausleihungen der Banken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) steigen dramatisch an, was auf Probleme auf dem Interbankenmarkt hindeutet. Die EZB hat angekündigt, den Banken Dollar-Liquidität zur Verfügung zu stellen, was darauf hindeutet, dass einige Institute Probleme haben, sich auf „normalem“ Weg mit Dollars zu versorgen. Und in Deutschland bereitet sich die Regierung auf eine groß angelegte Bankenrettungsaktion vor, falls die Griechenland-Rettung nicht wie erwartet funktioniert.

Die positive Nachricht unter all den Hiobsbotschaften: Die Ratingagentur Fitch hat mitgeteilt, dass sie derzeit keine deutsche Bank „unter Beobachtung“ für eine Bonitätsabstufung habe. Die Institute seien gut kapitalisiert und würden heuer ordentliche Gewinne abliefern. Im kommenden Jahr könne sich das aber ändern.

Sorgen bereitet Beobachtern vor allem, dass das Misstrauen unter den Instituten offenbar wieder dramatisch steigt. Die Kurzfristausleihungen der Institute bei der EZB haben sich zuletzt auf 3,14 Mrd. Euro verzehnfacht. Gleichzeitig sind die Einlagen bei der EZB von 75,5 auf 87 Mrd. Euro gestiegen.

Die Banken nehmen die EZB normalerweise nicht gern in Anspruch, weil sie dort für Ausleihungen vergleichsweise hohe Zinsen (2,25 Prozent) bezahlen müssen und für ihre Einlagen nur sehr niedrige Zinsen (derzeit 0,75 Prozent) bekommen. Bei Geschäften untereinander, im sogenannten Interbankenhandel, sind die Konditionen wesentlich günstiger.

Wenn dieser Interbankenhandel, so wie jetzt, stark zurückgeht, dann deutet das auf großes Misstrauen der Banken untereinander hin. Zuletzt ist der Interbankenhandel nach der Lehman-Pleite im Jahr 2008 praktisch zum Erliegen gekommen.

 

Hohe Abflüsse aus dem Euroraum

Der starke Rückgriff auf die EZB könnte freilich auch damit zu tun haben, dass die europäischen Banken starke Abflüsse verzeichnen: Nach Angaben der US-Finanzagentur Bloomberg ziehen verunsicherte Sparer und Geldmarktfonds in großem Stil Einlagen ab, um diese in „sicheren Häfen“ zu veranlagen. Dieser Trend könnte die Probleme der Branche deutlich verschärfen, hieß es.

Die deutsche Regierung bereitet sich nach Angaben der „Financial Times Deutschland“ bereits konkret auf eine groß angelegte Bankenrettungsaktion vor. Wenn die nächste Tranche der Griechenland-Hilfe nicht rechtzeitig freigegeben wird, dann „brauchen die Banken sofort Geld“, werden deutsche Regierungsspitzen zitiert. Eine Pleite Griechenlands würde nämlich auch andere Staaten wie Italien „anstecken“ – und zu großen Bankenproblemen führen. Die dann notwendigen Milliardenhilfen müssten mit dem erweiterten Euro-Rettungsschirm abgefangen werden.

Der „steht“ freilich noch nicht, die nationalen Parlamente müssen erst zustimmen. Über Verspätungen bei diesem Prozess zeigte sich der österreichische Notenbankgouverneur Ewald Nowotny am Donnerstag „tief beunruhigt“. Zu den Vorgängen in Österreich – Oppositionsmanöver im parlamentarischen Finanzausschuss hatten kurzfristig sogar die Wall Street abstürzen lassen – meinte Nowotny, einigen Politikern sei „zu wenig bewusst, dass ihre Äußerungen auf den Finanzmärkten auf die Waagschale gelegt“ werden. Wenn der erweiterte Rettungsschirm an nationalen Parlamenten scheitere, dann breche der Griechenland-Rettung ein wichtiger Pfeiler weg, so der Notenbankgouverneur.

Auf einen Blick

Eine veritable Bankenkrise kommt auf Europa zu, falls die nächste Tranche der Griechenland-Rettung nicht freigegeben wird. Die deutsche Regierung bereitet sich nach Zeitungsberichten schon auf eine groß angelegte Bankenrettungsaktion vor. Das Misstrauen der Institute untereinander steigt wieder stark an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2011)

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