Wien/Höll. Die Vorgänge in Italien werden auch von der österreichischen Bankenaufsicht mit Argusaugen verfolgt. Denn mit der Bank Austria ist einer der größten Wiener Finanzkonzerne in italienischen Händen. Die Aktie der Bank-Austria-Mutter UniCredit hat sich zum „Pennystock“ entwickelt – so werden Wertpapiere genannt, die weniger als einen Euro kosten. In den vergangenen Monaten halbierte sich die Marktkapitalisierung der Mailänder Großbank auf 14 Mrd. Euro. Investoren sind aus mehreren Gründe beunruhigt:
Auf dem Heimatmarkt Italien macht UniCredit Verluste. Im ersten Halbjahr 2011 retteten die Töchter in Deutschland und Österreich das Konzernergebnis. Hinzu kommt, dass UniCredit mit 40 Mrd. Euro in italienischen Staatsanleihen investiert ist.
Italien hat nach Griechenland den zweithöchsten Schuldenstand in der Europäischen Union. Mit der am Dienstag von Standard & Poor's erfolgten Rating-Herabstufung verteuert sich für das Land die Kreditaufnahme. Trotzdem schließt UniCredit-Chef Federico Ghizzoni einen Zahlungsausfall Italiens aus.
Bedenken wegen Kapitalerhöhung
Vor Kurzem traf sich Italiens Wirtschaftsminister Giulio Tremonti mit Ghizzoni und den Chefs anderer Finanzkonzerne, um die Lage zu analysieren. Denn für Banken in den Euro-Krisenländern Italien und Spanien, die anders als etwa Griechenland und Portugal nicht unter den Euro-Rettungsschirm geschlüpft sind, ist die Refinanzierung schwieriger geworden. Sie kommen teilweise nur schwer an frisches Geld oder müssen dafür tief in die Tasche greifen. Der Unterschied zwischen den einzelnen Instituten in Europa werde immer größer, urteilten die Experten der Ratingagentur Standard & Poor's.
Anders als die Wiener Erste Bank und Raiffeisen Bank International ist UniCredit bislang ohne staatliche Hilfe ausgekommen. Bereits im Vorjahr holte sich die Mailänder Großbank vier Mrd. Euro von der Börse. Wegen der schwierigen Lage auf den Finanzmärkten denkt Ghizzoni jetzt wieder über eine Kapitalstärkung nach. Wie diese aussehen wird, ist allerdings offen. Ghizzoni will die Details erst im November bekannt geben. Analysten gehen davon aus, dass sich das Institut zwischen drei und vier Mrd. Euro beschaffen wird. Ghizzoni hat zuletzt behauptet, dass seine Aktionäre grundsätzlich bereit seien, bei einer weiteren Kapitalerhöhung mitzumachen. Doch das scheint nicht der Fall zu sein. Am Dienstag erklärte Dino De Poli, Präsident der Stiftung Cassamarca, die an der UniCredit beteiligt ist, dass sein Institut Schwierigkeiten hätte, eine neue Finanzspritze zu unterstützen. Auch der Präsident der Stiftung „Banco di Sicilia“, Giuseppe Puglisi, meldete Bedenken wegen der Kapitalerhöhung an. Angesichts des niedrigen Börsenkurses müsste UniCredit ziemlich viele neue Aktien verkaufen, um die Milliarden zu bekommen.
Ghizzoni arbeitet daher bereits an einem „Plan B“. Seinen Angaben zufolge könnte eine Kapitalstärkung auch durch die Reduktion risikoreicher Aktivitäten und den Verkauf von Assets erfolgen. In der Vorwoche berichtete eine Mailänder Wirtschaftszeitung, dass sich UniCredit von der türkischen Tochter Yapi Kredit und der polnischen Bank Pekao trennen will. Ein solcher Schritt wäre mit größeren Auswirkungen für die Bank Austria verbunden gewesen. Denn die Wiener Tochter ist innerhalb des Konzerns für das Geschäft in Zentral- und Osteuropa zuständig.
Tausende Mitarbeiter werden abgebaut
Schließlich wies UniCredit die Spekulationen über die Abgabe der Töchter in Polen und in der Türkei als „absolut fundamentlos“ zurück.
Dennoch müssen sich die Mitarbeiter auf härtere Zeiten einstellen. Bei der Deutschland-Tochter HypoVereinsbank werden 700 Jobs gestrichen. Der Abbau soll nach Möglichkeit bis zum Jahr 2013 abgeschlossen sein. Betroffen davon ist die Zentrale in München mit rund 4000 Stellen. Der Vertrieb und das Kundengeschäft in den Filialen sollen hingegen verschont bleiben. Auch in Italien soll es tausende Beschäftigte weniger geben. Bei der Bank Austria dagegen ist kein Kahlschlag vorgesehen, versichert Bankchef Willibald Cernko. Die Wiener Tochter ist profitabel. Sie erwirtschaftete im ersten Halbjahr einen Nettogewinn von 640 Mio. Euro. Trotz aller Probleme weist der UniCredit-Konzern immer noch eine Kernkapitalquote von neun Prozent auf.
Stadt Wien setzt viel Geld in den Sand
Von der Talfahrt der Aktie ist auch die Stadt-Wien-nahe AVZ-Stiftung betroffen. Die Stadt Wien war einst der größte Eigentümer der Bank Austria. Die Beteiligung wurde um 1,7 Mrd. Euro in Aktien der HypoVereinsbank und später in UniCredit-Papiere getauscht. Inzwischen ist der Wert auf 100 Mio. Euro gesunken. Die AVZ-Stiftung kommentiert das nicht. Die Wiener Opposition wirft den Sozialdemokraten rund um Bürgermeister Michael Häupl vor, ein Milliardenvermögen in den Sand gesetzt zu haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2011)

WirtschaftswachstumDas Plus und Minus der EU-Länder im ersten Quartal
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet
UrlaubÖsterreicher im EU-Ranking voran