26.05.2013 05:04 Merkliste 0

Energie: „Wir brauchen echte Stromautobahnen in Europa“

20.09.2011 | 20:24 |  Von Jakob Zirm (Die Presse)

Um das europäische Netz besser zu verknüpfen, setzt die Branche auf Gleichstrom, der einige Vorteile gegenüber den ungeliebten 380-kV-Leitungen hat. Allerdings hat Gleichstrom auch einen entscheidenden Nachteil.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Palma. Es ist ein unscheinbares Kabel mit nicht einmal zehn Zentimeter Durchmesser, das aus der Wand eines Industriebaus am Rand der mallorquinischen Hauptstadt Palma ragt. Und dennoch könnte dieses Kabel Teil einer wahren Revolution auf dem Energiesektor sein. Denn durch das Kabel fließt nicht – wie seit über 100 Jahren üblich – Wechselstrom, sondern Gleichstrom.
Nur so war es möglich, die Baleareninsel mit dem 250 Kilometer entfernten spanischen Festland zu verbinden. Denn bei Wechselstromkabeln im Meer verhindert die Isolation nach rund 80 Kilometern das Fließen von Strom. Für Mallorca bedeutet diese neue Verbindung, die im Oktober ihren Betrieb aufnehmen soll, eine deutliche Reduktion der Kosten und des CO2-Ausstoßes. Denn bisher musste der Strom auch im Sommer durch das mitunter unwirtschaftliche Verbrennen von Kohle oder Diesel produziert werden, während es auf dem Festland bereits Überschüsse an Solarstrom gibt.
Für Europa könnte dieses Kabel eines der ersten eines neuen „Supernetzes“ sein, das den Kontinent mit riesigen Solaranlagen in Nordafrika und großen Windparks in der Nordsee und dem Atlantik verbindet. So sind Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) ja auch integrale Bestandteile des Projekts „Desertec“, durch das Mitte des Jahrhunderts gut ein Sechstel des europäischen Strombedarfs aus Nordafrika kommen soll.

Solarstrom in Alaska?

Durch den Umstieg von fossiler Energie auf erneuerbare Quellen sei ein Ausbau des Stromnetzes unumgänglich, sagt dazu Michael Süß, Chef der Energiesparte von Siemens, die das Kabel zwischen Festland und Mallorca errichtet hat. Denn auch innerhalb des Kontinents müsste man die Frage stellen, wo die Produktion von Solar- oder Windstrom am effizientesten ist. Und das sei oft nicht in der Nähe von großen Ballungszentren oder Industriebetrieben. „Wir als Siemens bauen Wind- oder Solaranlagen überall. Da aber beispielsweise Norddeutschland einen Solarquotienten auf dem Niveau von Alaska hat, muss man hinterfragen, ob Sonnenstrom dort sinnvoll ist“, so Süß.
Er plädiert daher, den Strom dort zu produzieren, wo es die besten Voraussetzungen dafür gibt. Um die Energie dann zu den Verbrauchern zu bringen, bräuchte es „echte Stromautobahnen in Europa.“ Diese Aufgabe könnte von HGÜ übernommen werden.
Denn auch auf dem Land können die Gleichstromleitungen genutzt werden. Ab einer Distanz von 600 Kilometern sind sie Wechselstrom-Hochspannungsleitungen (Drehstrom) wirtschaftlich überlegen. Ein weiterer Vorteil gegenüber den ungeliebten 380-kV-Leitungen ist der geringere Platzbedarf (Gleichstrom benötigt nur zwei statt drei Kabeln und geringere Abstände zwischen den Kabeln). So müssen die Masten statt 41 Metern nur 16 Meter breit sein und können dennoch eine größere Menge an Strom übertragen. Zudem sind auch die Verluste um bis zu 50 Prozent geringer.

Aufwendige Umwandlung

Allerdings hat Gleichstrom auch einen entscheidenden Nachteil – er ist nicht Wechselstrom und kann daher nicht einfach ins Netz eingespeist werden. Am Anfang und am Ende der Leitung muss daher eine aufwendige Umwandlung erfolgen. Dies hat jedoch auch den Vorteil, dass sie wie eine Art „Firewall“ wirkt – ein eventueller Blackout auf der einen Seite setzt sich nicht auf die andere Seite fort. In den letzten Jahren wurden daher immer mehr HGÜ gebaut. So wurden bereits Sardinien mit Italien und die Niederlande mit Norwegen verbunden. Die weltweit größte HGÜ steht aber in China (von Siemens gebaut). Sie bringt fünf Gigawatt Strom – das entspricht fünf AKW-Reaktoren – von zwei Wasserkraftwerken über 1400 Kilometer zur Industriestadt Guangzhou.
Laut Siemens wird sich in den nächsten zehn Jahren der weltweite Bestand an HGÜ von 100 Gigawatt auf 350 Gigawatt nahezu vervierfachen. Dann könnte es auch Verbindungen quer durch Europa geben und etwa Solarstrom aus Algerien direkt in das heimische Netz fließen.

Auf einen Blick
Erneuerbare Energiequellen sind oft weit von Stromverbrauchern entfernt. Daher sind neue Leitungen notwendig. Die Branche setzt dabei auf Gleichstrom, da dabei geringere Verluste anfallen und auch im Meer weite Strecken überbrückt werden können.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

7 Kommentare
Gast: Lupus
21.09.2011 16:14
0 0

Wechselstrom war gestern !

Die Zukunft liegt klar bei HGÜ ! Was im Artikel leider fehlt , ist ein Hinweis auf die neue HGÜ Light
Technik. HVDC rechnet sich bereits - auch als Erdkabel- ab 150 Km. HGÜ Erdkabel wäre auch den Bürgern gut zu vermitteln und der Leitungsbau könnte sofort beginnen. Nur Mut liebe Leute !!!

Gast: funkenschuster
21.09.2011 12:33
0 0

Die "Branche"

mag wohl auf HGÜ's setzen, der Verbund und seine Subunternehmen allerdings nicht. Wahrscheinlich haben die verantwortlichen Herren in der HTL beim Film über Cabora Bassa eine Klassenfeier ausgeschlafen.
Derzeit sind sie gerade dabei, ohne Rücksicht auf Natur und Bevölkerung die Strecke zwischen Kaprun und OÖ zuzumasten, unterstützt von wehr- und ahnungslosen Salzburger Landespolitikern.
Es ist ganz klar, daß Wind- und PV-Strom Speicherkapazitäten brauchen, und daß Pumpspeicher wie Kaprun entsprechend leistungsfähige Anbindungen brauchen.
Allerdings ist es sehr kurzsichtig, dies mit "alter" Drehstromtechnik und extremer Beeinträchtigung der Bevölkerung zu tun. Diesmal können sie es wahrscheinlich noch durchsetzen, jedes zukünftige Projekt allerdings wird mit dem Makel dieser Leitung behaftet sein und nur noch mit enormem Aufwand realisierbar sein.

Re: Die "Branche"

HGÜ-Leitungen sind ja auch schon "alt" aber sehr teuer und nur für Übertragung von einem Punkt zum anderen geeignet, also nicht für Stromnetze. Deshalb macht man das nur dort, wo es mit Drehstrom nicht geht, z. B. für lange Unterwasserkabel.
So etwas zwischen Kaprun und Oberösterreich zu machen, wäre glatter Wahnsinn!

0 0

Nettes Geschäft,

jedenfalls für Siemens.

Wer wird das bezahlen?

Re: Nettes Geschäft,

Wie lange glauben sie wird noch Gas oder Öl bezahlbar sein, speziell wenn man bedenkt, dass Chinas, Indiens oder Brasiliens Ressourcenhunger immer größer werden ...

solarstrom aus (nord)afrika?

ich weiß nicht ob das wirklich so eine tolle idee ist

seit einem jahr wird einem ja vor augen gerührt wie instabil diese region wirklich ist, es ist fraglich ob sich europa von solchen ländern was den stromimport betrifft abhängig machen sollte.

baut man wirklich solarzellen in die wüste, so müsste europa dafür sorgen, dass das land, in dem es steht von einer starken,verlässlichen regierung (sprich defacto diktator) regiert wird, den man ordentlich schmiert und unterstützt, damit er ja loyal bleibt.
wie wir gesehen haben reicht das aber oftmals auch nicht aus, es wäre daher notwendig, dass europa im extremstfall, (sollte der diktator frech werde, oder eine neue unberechnbare regierung übernehmen) schnell militärisch eingreift um sie versorgung zu sichern.

natürlich könnte man mit einer demokratisch gewählten regierung gute deals abschließen, vorallem dann wenn diese für den strom entlohnt wird, jedoch besteht dann immer die gefahr, dass uu islamisten oder andere idiologisch motivierten extremisten die macht übernehmen, und die sind im schlimmsten fall derart von hass veblendet, dass sie sich nicht kaufen lassen.

fazit:
ein stromimport von afrika nach europa ist mit enormen risiken verbunden und ohne einem schlagkräftigen, (EU) heer nicht wirklich durchzuführen, es wäre meines erachtens daher sinnvoller den strombedarf europas so weit wie möglich durch "lokale" anlagen zu decken. offshore windkraft wäre z.b eien option

Re: solarstrom aus (nord)afrika?

Wenn wir für wirtschaftlichen Wohlstand in diesen Gegenden sorgen, werden auch stabile Verhältnisse entstehen.

Hobbyökonom