Palma. Es ist ein unscheinbares Kabel mit nicht einmal zehn Zentimeter Durchmesser, das aus der Wand eines Industriebaus am Rand der mallorquinischen Hauptstadt Palma ragt. Und dennoch könnte dieses Kabel Teil einer wahren Revolution auf dem Energiesektor sein. Denn durch das Kabel fließt nicht – wie seit über 100 Jahren üblich – Wechselstrom, sondern Gleichstrom.
Nur so war es möglich, die Baleareninsel mit dem 250 Kilometer entfernten spanischen Festland zu verbinden. Denn bei Wechselstromkabeln im Meer verhindert die Isolation nach rund 80 Kilometern das Fließen von Strom. Für Mallorca bedeutet diese neue Verbindung, die im Oktober ihren Betrieb aufnehmen soll, eine deutliche Reduktion der Kosten und des CO2-Ausstoßes. Denn bisher musste der Strom auch im Sommer durch das mitunter unwirtschaftliche Verbrennen von Kohle oder Diesel produziert werden, während es auf dem Festland bereits Überschüsse an Solarstrom gibt.
Für Europa könnte dieses Kabel eines der ersten eines neuen „Supernetzes“ sein, das den Kontinent mit riesigen Solaranlagen in Nordafrika und großen Windparks in der Nordsee und dem Atlantik verbindet. So sind Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) ja auch integrale Bestandteile des Projekts „Desertec“, durch das Mitte des Jahrhunderts gut ein Sechstel des europäischen Strombedarfs aus Nordafrika kommen soll.
Solarstrom in Alaska?
Durch den Umstieg von fossiler Energie auf erneuerbare Quellen sei ein Ausbau des Stromnetzes unumgänglich, sagt dazu Michael Süß, Chef der Energiesparte von Siemens, die das Kabel zwischen Festland und Mallorca errichtet hat. Denn auch innerhalb des Kontinents müsste man die Frage stellen, wo die Produktion von Solar- oder Windstrom am effizientesten ist. Und das sei oft nicht in der Nähe von großen Ballungszentren oder Industriebetrieben. „Wir als Siemens bauen Wind- oder Solaranlagen überall. Da aber beispielsweise Norddeutschland einen Solarquotienten auf dem Niveau von Alaska hat, muss man hinterfragen, ob Sonnenstrom dort sinnvoll ist“, so Süß.
Er plädiert daher, den Strom dort zu produzieren, wo es die besten Voraussetzungen dafür gibt. Um die Energie dann zu den Verbrauchern zu bringen, bräuchte es „echte Stromautobahnen in Europa.“ Diese Aufgabe könnte von HGÜ übernommen werden.
Denn auch auf dem Land können die Gleichstromleitungen genutzt werden. Ab einer Distanz von 600 Kilometern sind sie Wechselstrom-Hochspannungsleitungen (Drehstrom) wirtschaftlich überlegen. Ein weiterer Vorteil gegenüber den ungeliebten 380-kV-Leitungen ist der geringere Platzbedarf (Gleichstrom benötigt nur zwei statt drei Kabeln und geringere Abstände zwischen den Kabeln). So müssen die Masten statt 41 Metern nur 16 Meter breit sein und können dennoch eine größere Menge an Strom übertragen. Zudem sind auch die Verluste um bis zu 50 Prozent geringer.
Aufwendige Umwandlung
Allerdings hat Gleichstrom auch einen entscheidenden Nachteil – er ist nicht Wechselstrom und kann daher nicht einfach ins Netz eingespeist werden. Am Anfang und am Ende der Leitung muss daher eine aufwendige Umwandlung erfolgen. Dies hat jedoch auch den Vorteil, dass sie wie eine Art „Firewall“ wirkt – ein eventueller Blackout auf der einen Seite setzt sich nicht auf die andere Seite fort. In den letzten Jahren wurden daher immer mehr HGÜ gebaut. So wurden bereits Sardinien mit Italien und die Niederlande mit Norwegen verbunden. Die weltweit größte HGÜ steht aber in China (von Siemens gebaut). Sie bringt fünf Gigawatt Strom – das entspricht fünf AKW-Reaktoren – von zwei Wasserkraftwerken über 1400 Kilometer zur Industriestadt Guangzhou.
Laut Siemens wird sich in den nächsten zehn Jahren der weltweite Bestand an HGÜ von 100 Gigawatt auf 350 Gigawatt nahezu vervierfachen. Dann könnte es auch Verbindungen quer durch Europa geben und etwa Solarstrom aus Algerien direkt in das heimische Netz fließen.
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