Griechenland: Berater wollen Treuhandlösung

Roland Berger, die größte Strategieberatung mit europäischen Wurzeln, hält den Haircut für vermeidbar - wenn Athen Staatsbesitz über 125 Milliarden an eine EU-Treuhand verkauft. Plan könnte die Pleite abwenden.

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(c) REUTERS (JOHN KOLESIDIS)

Wien/Gau. Othmar Karas macht Furore. Im Juli schlug der ÖVP-Europa-Abgeordnete im „Presse“-Interview eine rasche Versilberung des griechischen Staatsvermögens durch den Verkauf an eine Treuhandgesellschaft vor, um Athen vor dem Bankrott zu bewahren. Nun hat Roland Berger, die größte Strategieberatung mit europäischen Wurzeln, ein ganz ähnliches Konzept präsentiert. Allerdings mit anderen Dimensionen: Anstatt der 50 Milliarden Euro an Privatisierungserlösen, von denen Karas sprach und die sich Athen schon auf seine Aufgabenliste geschrieben hat, könnten sogar 125 Milliarden rasch die Kassen füllen und die Pleite abwenden.

Der Plan im Detail: Die Regierung gründet eine Holding, die veräußerbares öffentliches Vermögen wie Häfen, Flughäfen, Autobahnen und Immobilien im Wert von 125 Milliarden zusammenfasst (das sind, je nach Bewertung, 30 bis 40 Prozent des Staatsschatzes). Die Holding wird dann an eine „europäische Institution“ zu diesem Wert verkauft. Das Geld müsste von anderen Eurostaaten aufgebracht werden, entsprechend ihrer Anteile am aktuellen Rettungsschirm.

Aufgabe der Treuhandgesellschaft wäre, die einzelnen Vermögenswerte ohne Eile und zu vernünftigen Preisen weiterzuverkaufen. Da zu den anvisierten Assets auch verlustbringende Staatsfirmen zählen, für die sich in ihrem jetzigen Zustand kaum ein Käufer finden ließe, soll die EU-Treuhand zusätzlich etwa 20 Milliarden Euro investieren, um diese Unternehmen zu sanieren. EU-Infrastrukturmittel von 15 Milliarden könnten dafür zusätzlich eingesetzt werden.

Athen aber könnte mit dem Soforterlös aus dem Verkauf in Bausch und Bogen seine Verbindlichkeiten bei der Eurogruppe ablösen und die Schuldenquote von 145 auf 88 Prozent seiner Wirtschaftsleistung drücken – ohne Umschuldung. Die Berater erwarten sich davon auch einen kräftigen Wachstumsimpuls für die griechische Wirtschaft: Die „Spirale von Sparen und Schrumpfen“ könnte durchbrochen werden.

 

Applaus von Finanzminister Schäuble

Wie realistisch ist dieser Vorschlag? Die Uhr tickt, schon Mitte Oktober könnte Griechenland pleite sein, wenn die nächste Tranche aus dem Hilfsprogramm nicht überwiesen wird. Bis dahin wäre auch ein Verkauf nicht möglich. Aber: „Ist das Verfahren festgelegt, können wir uns einen Vorschuss vorstellen“, erklärt Roland-Berger-Partner Stefan Schaible im Gespräch mit der „Presse“.

Bleibt die Frage der politischen Durchsetzbarkeit: Würden die Griechen solch einem massiven Eingriff jemals zustimmen? Schaible hält das für möglich, „wenn man geschickt kommuniziert, dass es hier eben nicht um einen Notverkauf zu schlechten Preisen geht“. Applaus für den Vorschlag kam gestern vom deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble: „Diese Überlegung liegt auf der Linie, in der wir auch denken.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2011)

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