Irland will ab 2012 keine Euro-Hilfen mehr

07.10.2011 | 17:21 |   (DiePresse.com)

Der erste notleidende Euro-Staat will den Rettungsschirm verlassen und den Weg zurück auf den Kapitalmarkt einschlagen.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Irland will als erstes der notleidenden Euro-Länder von internationaler Hilfe unabhängig werden und den Weg zurück an den Kapitalmarkt einschlagen. Die Regierung wolle bereits im kommenden Jahr testweise wieder Staatsanleihen auf den Markt geben, sagte der irische Premierminister Enda Kenny am Freitag in Dublin in einem Interview mit dem Fernsehsender Bloomberg. Das hoch verschuldete Land plane, so schnell wie möglich wieder frisches Geld an den Finanzmärkten zu besorgen.

Irland sei "bestens positioniert", sagte Kenny später vor 300 Wirtschaftsvertretern mit irischen Wurzeln aus fast 40 Ländern der Welt. Unter allen Staaten der Eurozone, die derzeit unter einer hohen Verschuldung leiden, habe sich Irland beispielhaft entwickelt. Die Wirtschaft habe im zweiten Quartal das zweitgrößte Wachstum aller 27 EU-Länder gezeigt, sagte der Premierminister am Freitag zum Auftakt der internationalen Wirtschaftskonferenz in Dublin.

Mehr zum Thema:

Wirtschaft wächst dank starker Exporte

"Die Haushaltssituation hat sich stabilisiert." Der Premierminister rechnet schon bald mit einer Hochstufung der Kreditwürdigkeit des Landes durch die Ratingagenturen. Die irische Wirtschaft wächst dank starker Exporte wieder, die Steuereinnahmen gingen in den ersten neun Monaten um 8,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr nach oben. Der Schuldenberg bleibt mit über 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aber enorm.

Irland plane im kommenden Jahr weitere Einsparungen in einem Volumen von 4 Mrd. Euro, um das Haushaltsdefizit weiter zu senken. In den vergangenen neun Monaten war laut Finanzministerium bereits eine Reduzierung des Defizits um 3 Mrd. Euro gelungen. Kenny rechnet damit, dass sein Land das vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Union (EU) gesetzte Defizit-Ziel von 10,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in diesem Jahr unterschreiten wird. Im vergangenen Jahr standen noch 32 Prozent Neuverschuldung zu Buche - ein Rekord in der Eurozone.

Das Land hatte im vergangenen Jahr Hilfe von EU und IWF beantragt und musste als erstes Mitglied der Eurozone unter den Rettungsschirm schlüpfen. Irland war nach dem Platzen einer Immobilienblase und der folgenden Krise seines aufgeblähten Bankensektors in eine schwere Staatskrise geschlittert.

Die internationalen Institutionen garantierten Kredite in Höhe von 67,5 Mrd. Euro. Weitere 17,5 Mrd. Euro brachte Irland selbst auf. Hinzu kamen bilaterale Kredithilfen im kleineren Umfang, etwa aus dem Nachbarland Großbritannien. Die Zinslast für die Kredite, ursprünglich bei durchschnittlich rund 5,8 Prozent, konnte Kenny nach seiner Amtsübernahme im vergangenen März dank der irischen Haushaltsdisziplin in Verhandlungen deutlich nach unten korrigieren.

(APA)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

2 Kommentare
0 0

>Der Schuldenberg bleibt mit über 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aber enorm<


Enorm auch die Nettoauslandsverschuldung (NIIP)

Irland: - 97,8%/BIP (2009)

Portugal: -108,5%/BIP (2009)

Spanien: -93,6%/BIP (2009)

Griechenland: -83,1%/BIP (2009)

Österreich: -0,5%/BIP (2010)

China (VR): +37,1%/BIP (2009)

Deutschland: +37,3%/BIP (2009)

Belgien: +45%/BIP (2009)

Japan: +56,1%/BIP (2009)

Norwegen: +79,3%/BIP (2009)

Schweiz: +136,1%/BIP (2010)

Taiwan: +153,3%/BIP (2010)

Singapur: +224,2%/BIP (2010)

Hongkong: +353,1%/BIP (2009)

http://en.wikipedia.org/wiki/Net_international_investment_position

http://www.querschuesse.de/fitch-stuft-spanien-herab/

Gast: brfs
07.10.2011 23:32
0 0

Bravo Irland!

Nach einiger Zeit der Eurokrise kann man beobachten, dass das IWF-Rezept der Einsparungen nur Rezession, Arbeitslosigkeit und größere Schulden gebracht hat. Das gilt insbesondere für Griechenland und Portugal, dort wo Paul Thomsen den IWF vertritt. In Irland dagegen hat man von Anfang an darauf bestanden, dass die niedrige Körperschaftssteuer, sowie weitere Vorteile für irische und internationale Investoren, wie z.B. niedrige Lohnnebenkosten u.ä. erhalten bleiben. Dieses Rezept ist aufgegangen und die irische Wirtschaft kann einen Zuwachs für heuer melden! Und als erste Maßnahme folgt die Verabschiedung aus dem IWF mit seinen so tollen Rezepten. Sicherlich gibt es Parallelen zu anderen "Kunden" des IWF, wie Argentinien und Ungarn. Was sagt das für den Rest der Eurozone aus?

AnmeldenAnmelden