Griechenland: Mit Vollgas in die Pleite?

In der Eurozone werden Szenarien für einen Schuldenerlass Griechenlands von bis zu 60 Prozent durchgespielt. Experten ziehen eine ernüchternde Bilanz über die Reformbemühungen der Athener Regierung.

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Merkel – (c) Dapd (Thomas Lohnes)

Berlin/Athen/Apa/Red. Die Hinweise auf eine schmerzhafte Umschuldung Griechenlands verdichten sich. Mehrere internationale Agenturen berichteten am Sonntag, dass in der Eurogruppe Szenarien eines Schuldenschnitts (Haircut) von bis zu 60 Prozent durchgespielt werden. Das bedeutet, dass internationale Geldgeber bis zu 210 Milliarden Euro verlieren.

Betroffen davon wären nicht nur Banken, sondern auch die Steuerzahler in vielen Ländern. Österreichs Finanzkonzerne haben drei Milliarden Euro an Griechenland verliehen, das meiste Geld kam von der „Bad Bank“ der verstaatlichten Kommunalkredit.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel erklärten am Sonntag Abend nach einem Krisentreffen, man werde das Nötige tun, um die Rekapitalisierung der Banken sicherzustellen. Wegen Griechenland wollen Merkel und Sarkozy noch den Bericht der sogenannten „Troika“, der Expertengruppe der Europäischen Union, der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds (IWF), abwarten. Dieser soll voraussichtlich am 24. Oktober vorliegen.

Die Vertreter der Troika zogen am Wochenende allerdings eine ernüchternde Zwischenbilanz. „Es ist offensichtlich, dass das Programm nicht aufgeht“, erklärte Poul Mathias Thomsen, der Leiter der IWF-Delegation. Durch das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung habe sich die Lage zuletzt verschärft. Für heuer wird eine Staatsverschuldung von 356,5 Milliarden Euro erwartet, was 161,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIPs) entspricht. Vom Urteil der Troika hängt es ab, ob die EU-Länder noch einmal Milliarden nach Griechenland überweisen werden. Ohne das Geld wäre die Regierung in Athen ab November zahlungsunfähig.

Rettungsfonds auch für Banken

So gut wie alle griechischen Zeitungen titelten am Wochenende, dass eine schmerzhafte Lösung unausweichlich sei. „Mit Vollgas in die Pleite“ oder „In Richtung einer Endlösung“ lauteten die Schlagzeilen. Zu den Befürwortern eines großen Schuldenschnitts gehört Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble. „Möglicherweise sind wir im Juli von einem zu geringen Prozentsatz der Schuldenreduktion ausgegangen“, erklärte Schäuble am Sonntag. Statt der im Sommer beschlossenen 21 Prozent sollen die Banken nun deutlich mehr abschreiben.

Schäuble will daher sicherstellen, dass die Finanzinstitute von den Staaten mit Kapital ausgestattet werden, um weitere Ausfälle zu verkraften. Als besonders gefährdet gelten französische Banken, die in der Eurozone die meisten griechischen Anleihen halten. Merkel und Sarkozy haben sich am Sonntag auf einen Kompromiss geeinigt. Deutschland ist im Gegenzug für einen Griechenland-Schuldenschnitt bereit, den Franzosen beim europäischen Rettungsfonds EFSF mehr Flexibilität zuzugestehen. Die Regierung in Paris hatte bisher einen „Haircut“ strikt abgelehnt – vor allem wegen der schwierigen Lage der französischen Banken. Nun sagte Deutschland zu, dass der Rettungsfonds EFSF nicht nur den angeschlagenen Euroländern, sondern auch verstärkt den Banken zur Verfügung stehen soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2011)

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