Toprating wackelt: Frankreichs Schulden gefährden Eurorettung

18.10.2011 | 18:12 |  NIKOLAUS JILCH (Die Presse)

Wird Frankreich herabgestuft, könnte der EFSF-Schirm scheitern. Die Ratingagentur Moody's kündigte an, Frankreichs Kreditwürdigkeit in den kommenden Monaten prüfen zu wollen.

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Wien. Frankreich gerät immer stärker unter Druck. Am Dienstag stiegen die Risikoprämien für französische Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit der Euro-Einführung. Die Ratingagentur Moody's kündigte an, Frankreichs Kreditwürdigkeit in den kommenden Monaten prüfen zu wollen. Ein Verlust des französischen Topratings „AAA“ hätte weitreichende negative Folgen für den Euro-Rettungsschirm EFSF (Europäische Finanzstabilitätsfazilität), sagen Ökonomen.

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„Verliert Frankreich die Topbonität, würde die EFSF in ihrer jetzigen Form nicht mehr funktionieren“, sagt Lüder Gerken, Vorstand des Centrums für Europäische Politik (CEP) in Freiburg, zur „Presse“. Deutschland wäre dann der einzige große Garant mit AAA-Rating für die EFSF. „Deswegen ist man in Berlin und Paris auch so nervös.“ Wenn Frankreichs Triple-A-Rating fällt, sinkt die Fähigkeit des Rettungsfonds, günstige AAA-Kredite aufzunehmen, aufgrund des französischen Anteils um 35 Prozent. Beim derzeitigen EFSF-Volumen von 440 Milliarden müsste Deutschland dann seine Garantien von 211 auf 318 Milliarden aufstocken. Ob dies politisch durchsetzbar wäre, ist mehr als fraglich. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) schließt eine weitere Aufstockung deutscher Garantien bisher aus. Der aktuelle Auslöser für die Zweifel an Frankreichs Bonität ist die kritische Lage seiner Banken. Die Großbanken BNP Paribas, Société Générale und Crédit Agricole dürften bis zu 20 Milliarden Euro Kapitalspritze vom Staat benötigen. Generell sei eine Herabstufung Frankreichs wegen dieser nationalen Bankenhilfen nicht ausgeschlossen, sagt Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

 

Leistungsbilanz als Problem

Der EFSF-Rettungsschirm läuft Gefahr zu scheitern, sollte Frankreich sein Toprating verlieren. Gleichzeitig gilt die EFSF auch in ihrer heutigen Ausstattung als zu klein, um die Schuldenkrise wirksam bekämpfen zu können. Weil eine weitere Ausweitung in Deutschland, Österreich und anderen AAA-Staaten politisch kaum durchsetzbar wäre, wird derzeit über eine „Hebelung“ der EFSF auf zwei bis drei Billionen Euro nachgedacht. Das Problem: „Jede Hebelung der EFSF, die zu einer Erhöhung der Ausfallswahrscheinlichkeit der Garantien führt, wäre auch Gift für den Erhalt des AAA-Ratings Frankreichs“, sagt Belke. Frankreichs Bonität ist demnach eine Gefahr für die EFSF, und die EFSF ist eine Gefahr für Frankreichs Bonität. Die europäische Politik befindet sich so in einer Zwickmühle: „Im Extremfall würde sich auch die Wahrscheinlichkeit für das Auseinanderbrechen der Eurozone erhöhen“, sagt Belke. Die Staatsschuldenquote Frankreichs würde nächstes Jahr schon fast 90 Prozent des BIPs ausmachen. Zusätzliche Bankenrettungspakete würden jede Chance, das Budgetdefizit zu senken, zunichtemachen.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy hatten zwar angekündigt, bis Ende Oktober einen „Masterplan“ zur Lösung der Euroschuldenkrise vorzulegen, Merkel ließ ihren Sprecher aber am Montag ausrichten, dass die „Träume“ von einem Ende der Krise „wieder nicht erfüllt werden“. Frankreich hat ähnliche Probleme wie Griechenland, Spanien und Italien. „Das zentrale Problem ist die Erosion der Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Lüder Gerken vom CEP. „Die Wirtschaft ist nicht in der Lage, international erfolgreich zu sein – die Importe übersteigen die Exporte. Das zweite Problem sind die sehr hohen Staatsschulden und die hohe Neuverschuldung.“

Moody's stellt deswegen den aktuell noch stabilen Ausblick für Frankreichs Bonitätsnote auf den Prüfstand. Die Deutsche Bank geht in einer aktuellen Analyse davon aus, dass Frankreichs Bonitätsaussichten mittelfristig auf „Negativ“ zurückgestutzt werden. Gerken: „Ich bin ehrlich gesagt erstaunt, dass Frankreich heute noch ein Triple-A-Rating hat.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2011)

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84 Kommentare
 
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Gast: mysterium
19.10.2011 08:23
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Hatten wir schon in der Zwischenkriegszeit - nichts daraus gelernt, die Experten, wie es scheint.


Antworten Gast: Chaos- und Krisenerforscher
19.10.2011 13:45
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Die Experten wissen schon, welche Effekte passieren werden

- man ist einfach so plump oder selbstüberschätzt in etwa gleich zu agieren, wie schon agiert wurde.

Diese Bankenkrise wurde ja bewusst geschaffen- ebenso die Weltwirtschaftskrise 1929. Bei beiden war Goldman Sachs als wichtiger Chaos-Impulsgeber involviert.

Am leichtesten enttarnen sich Hintergründe ohnehin, wenn man einfach hinterfragt- so simpel ist es.
- zB was dadurch zu wessen Vorteil geändert wird, wohin Geld umverteilt wird, also ganz einfach wer davon profitiert.

Eigentlich geht es ohnehin immer nur um (mehr) Macht(-sicherung), mehr Kontrolle (läuft mit einer neuen Ordnung- im eigenen Sinne- einher), um (noch mehr) Geld oder gegen einen Gegner.

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Oh, welch Überraschung!

Wenn man ein paar Lahme zusammenbindet und verpflichtet einen Bettlägrigen mitzuschleppen, wird keiner davon zu einem Rennläufer, sondern die Lahmen ziemlich bald auch bettlägrig.

Wer hätte das gedacht? Eigentlich jeder, außer unsere Politiker. Die lassen sich diese banale Erkenntnis nur leider einige Milliarden kosten. Wenn diese Schuldenbombe hochgeht, dann können wir uns jedenfalls warm anziehen.

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Der EFSF-Rettungsschirm läuft Gefahr zu scheitern, sollte Frankreich sein Toprating verlieren.

Hoffentlich ist bald Schluss!

Gast: Silvan
19.10.2011 08:04
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eine aufs Maul

hoffentlich bekommen die Franzosen eine aufs Maul und der Rettungsschrim kommt nicht zustande! wir würden uns viel Geld ersparen und Österreich könnte noch länger weiterwursteln

Gast: daxi
19.10.2011 07:33
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denn sie wissen nicht- was sie tun und anrichten- europa wird im casinobankenstrudel zermalmt und kaputt spekuliert


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Hebelung rechtens?

Die Frage die sich mir stellt ob die Hebelung rechtlich abgesichert ist. Bei mir hat es den schalen Beigeschmack eines Betruges.

Antworten Gast: EU - Europas Untergang
19.10.2011 10:40
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Re: Hebelung rechtens?

Beigeschmack eines Betruges???

Das ist doch das allerwesentlichste Geschäft der Politik!!!

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Frankreich 90%, Österreich 75%

Staatsschulden. Wo ist da der wesentliche Unterschied.

Praktisch sind fast alle europäischen Länder pleite.

Im Prinzip war jedem Menschen mit funktionierendem Hausverstand bereits in den 90er Jahren klar, dass das endlose Schuldenmachen nicht dauerhaft funktionieren wird. Ich kann mich noch an einige private Diskussionen in dieser Zeit erinnern.

Wir können eigentlich fast froh sein, dass es doch noch SO lange irgendwie ging. Doch leider nähert sich das Ablaufdatum anscheinend jetzt doch.


Re: Frankreich 90%, Österreich 75%

Ja, bei dem Sturz aus dem 120. Stockwerk ist "bis jetzt alles gut gegangen". Wir sind ja jetzt erst 1 m über dem Boden...

Re: Frankreich 90%, Österreich 75%

einfache Lösung wird kommen:

Die EZB wird die Zinsen auf Null senken und dann allen Pleitestaaten Gratis-Kredite drucken. Da die Masse der Bevölkerung das Problem dahinter nicht durchschauen wird, wie in den USA, kann das Spiel dann noch jahrelang weiter gehen.
Wird wirklich extem spannend, wann dann tatsächlich weltweit Hyperinflation eintreten wird.

Gast: weisses kaninchen
19.10.2011 00:33
2 0

Alice wir sollten uns beeilen, es ist schon spät :-)

darum jetzt aber ganz schnell alles beschliessen, bevor die ratingagenturen die staaten runter raten .
. weil wenn es endlich beschlossen wird, dann wird wieder alles ganz sicher und die ratingagenturen raten uns wieder rauf, obwohl sie uns ja gerade deswegen runter raten ...

Du hältst das für unmöglich ? frage doch die weisse königin, die hat schon als kleines mädchen gelernt jeden tag an mindestens sechs unmöglichkeiten zu glauben.
also warum sollten wir nicht an eine siebente unmöglichkeit glauben ?


Ohne Mut zu Reformen kann Krise nicht bewältigt werden.

Während jeder Person mit Hausverstand klar ist, daß Bürgschaften und Garantien das Risikopotential erhöhen und man somit wenn man selbst Geld braucht mehr dafür bezahlen muß, will uns unsere Regierung immer einreden, daß der Eurorettungsschirm den Österreichern nichts kostet. Zuerst wurden und die Haftungen als Geschäft für Österreich verkauft, jetzt müssen wir uns auf einen Schuldenschnitt bei Griechenland vorbereiten und mittlerweile zahlen wir auch bereits höhere Zinsen bei Eigenaufnahmen im Vergleich zu Ländern, welche keine Eventualverpflichtungen eingegangen sind.

Damit die Politik die Bevölkerung nicht ungestraft permanent für dumm verkaufen kann, bedarf es der Möglichkeit eines vom Volke initierten rechtlich verbindlichen Volksentscheides.

Und eine schlechtere Entscheidung als die Berufspolitiker kann das Volk auch nicht treffen, den beim Rettungsschirm wurde bisher nur viel Steuergeld nahezu wirkunglos verbrannt. Hinzukommt, daß die Gemeinschaft der Steuerzahler für die Fehlentscheidungen der Politik gerade stehen müssen und diese auch bei hohen Verlusten kaum wirklichen Konsequenzen ausgesetzt sind. Damit die Politik sorgfältig mit Steuergeld umgeht sollte sie eine wenn auch nur symbolische Haftung übernehmen.

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Was mich doch wundert ist,

dass das Volk jetzt fast schon mehrheitlich verlangt, dass die Banken und das Finanzsystem nicht "gerettet" werden soll.

Ich dachte eigentlich, dass das Volk aufbegehren wird, sobald es die ersten Schmerzen verspüren wird.
Aber derzeit befürchten nur Politiker, dass Schmerzen kommen, vor allem für sie selbst.

Wird sich das Volk durchsetzen können?
Dann ist ein Deflatinsschock zu erwarten.
Können sich die Politiker durchsetzen, so sollten wir mit Inflation rechnen.

Jedenfalls stehen uns angespannte Zeiten der großen Orientierungslosigkeit und Unsicherheit bevor. In solchen Zeiten geht es in der Regel auch politisch und gesellschaftlich turbulent zu.

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Re: Was mich doch wundert ist,

Ich halte das nur für Propaganda, aber nicht für eine korrekte Darstellung der allgemein herrschenden Meinung.

Wenn das Finanzsystem zusammenbricht wären auch praktisch alle Privatversicherungen zur Pensionsvorsorge etc. mit einem Schlag wertlos. Dazu zählen auch Firmenpensionen, die meist so angelegt sind.

Eine Rettung hat allerdings - denke ich, ich bin kein Fachmann - nur dann einen Sinn, wenn die Größe der Banken reduziert werden muss und Wett-Geschäfte künftig entweder koplett verboten werden oder zumindest anständig besteuert werden. Casinos müssen ja auch Steuern zahlen. Wenn Wetten als Bankgeschäft getarnt sind, dann umgeht man diese Steuern. Ich denke, so sollte man das sehen.

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Re: Re: Was mich doch wundert ist,

Die Rettung sollte natürlich an strikte Bedingungen geknüpft sein.

Der Staat könnte einen Anteil an der Bank erstehen und damit ein Mitspracherecht.
Aber ich denke, dass das nicht viel ändern wird, denn die meisten Politiker sind ja in das Bankensystem voll integriert - spätere Posten winken.

Lösungsvorschlag

Warum stellt man nicht etwas aus dem EFSF für Frankreich zur Verfügung und knüpft dies an ein Maßnahmenpaket so wie man es in Griechenland getan hat? Das Triple "A" wäre gesichert, der EFSF hätte seinen Zweck erfüllt und Frankreich könnte dies früher oder später auch zurückzahlen.

Bin von der Hebelungsidee absolut nicht begeistert. Wenig geistreich Versicherungen dafür aufkommen zu lassen, zum Schluss zahlen doch die Garantiegeber.

Gast: mariecheen
18.10.2011 22:55
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eine Währung, die "gerettet" werden muß, ist keine Währung !


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Re: eine Währung, die "gerettet" werden muß, ist keine Währung !

es geht nicht um die währung

Gast: Ösi
18.10.2011 22:36
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Nur keine Panik auf der Titanic! Es ist alles im Lot auf den River-Boot!

Hat noch keiner was vom langen Hebel gehört?
Man nimmt 400 Milliarden Euro Rettungsschirm und der bürgt für das Achtfache! (zum Bleistift halt).
Dann sind das 3200 Milliarden. Und damit wieder langer Hebel und schon sinds ? Tja, oh Wunder über 25.000 Milliarden Euro.
Also Geld haben wir genug. Zwar nicht in der Tasche aber wir können es uns von den Banken leihen. Und die bekommens von der Zentralbank. Und die aus dem Drucker.

Holladero, ich zieh mir zum Schlafen die Lederhose an und fühl mich sicher!

so long
Ösenpower

Gast: Gasti
18.10.2011 21:24
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Das konnte ja niemand ahnen, gell?

Kretins.

Gast: troublewater
18.10.2011 21:15
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alle länder europas kommen dran, die finanzjongleure lassen kein land aus- auch österreich nicht- für die steuerzahler, arbeitnehmer u.pensionisten wirds teuer u.gefährlich - sozialabbaubudgtes werden vorangetrieben um die casinobanken am leben zu erhalten.


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Re: alle länder - Es sind nicht die Jongleure, ...

Es sind nicht die Jongleure, es sind das Europäische Parlament und die Regierungen!

Frankreich ebenso wie Italien spielten doch schon "Geldentwertung" als Europa noch im Wiederaufbau war und lebten so schon seit jeher auf Kosten "der Gemeinschaft".

Die Gemeinschaftswährung lässt nun einzelnen Staaten keine "Wertberichtigungen" mehr zu: >66% der Österreicher fielen auf den EURO-Nepp herein - ein komisches Licht fällt da auf unsere "Nationale Intelligenz"?

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Re: Re: alle länder - Es sind nicht die Jongleure, ...

abwertung kommt einem schuldenschnitt sehr nahe.

Antworten Gast: gaston11
18.10.2011 22:42
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Re: alle länder europas kommen dran, die finanzjongleure lassen kein land aus- auch österreich nicht- für die steuerzahler, arbeitnehmer u.pensionisten wirds teuer u.gefährlich - sozialabbaubudgtes werden vorangetrieben um die casinobanken am leben zu erhalten.

pssst! noch nicht zu viel vorgreifen. es muss ja dann für Österreichs Politiker überraschend dargestellt werden können.
so wie nach dem Rücktritt des Finanzminister Pröll: "alles ist vorbei. die Krise wurde gemeistert. wir haben gute Arbeit geleistet" - erst nach ihm , war es dann "überraschend" doch noch nicht ganz vorbei...

9 1

Wan schreit der erste Stopp?

Der Politikerpostenrettungsschutzschirm scheint doch nicht aufzugehen.

 
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