Ein Toter: Lage in Griechenland eskaliert

20.10.2011 | 18:24 |  CORINNA JESSEN UND OLIVER GRIMM (Die Presse)

Vor der Entscheidung über einen Schuldenschnitt liegen in Athen die Nerven blank. Betroffene Bürger nahmen an der bisher größten Demonstration teil. Das Parlament beriet indessen das nächste Sparpaket.

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[ATHEN/Brüssel] Es waren so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr, und sie blieben. Sie blieben, auch als es auf dem Athener Syntagma-Platz zu den fast schon obligatorischen Ausschreitungen am Rande der größten Streikkundgebung seit Ausbruch der Schuldenkrise kam: Ein 50-jähriger Mann starb bei den Unruhen. Nach Angaben des Spitals habe er einen Herzstillstand erlitten und sei nicht verletzt worden.

Die Demonstranten protestierten gegen neue Sparauflagen. Kurz vor dem EU-Gipfel am kommenden Sonntag wollten sie aber auch auf ihr aussichtsloses Schicksal aufmerksam machen. Das griechische Parlament stimmte am Abend für das Sparpaket, das weitere Kürzungen von Einkommen, Pensionen und Sozialleistungen bringen wird.

„Es geht nicht mehr darum, was wir uns nicht mehr leisten können, es geht ums nackte Überleben!" Stavros Mavrakis ist mit seinem siebenjährigen Sohn auf die Demonstration gekommen, „damit er überhaupt noch eine Zukunft hat", sagt der Beschäftigte im Finanzministerium. Auf seiner monatlichen Lohnabrechnung kommen unterm Strich gerade noch 400 Euro heraus, nach Abzug aller Steuern, Kürzungen und der Rate für einen staatlichen Baukredit. „Und all die Sondersteuern kann ich erst recht nicht zahlen." Stavros will mit seinem Protest nun wenigstens das neue „Multigesetz" (Sparprogramm) verhindern, das auch noch Entlassungen im öffentlichen Dienst einleitet, Gehälter über eine allgemeine Besoldungsordnung vereinheitlicht und im Privatsektor Tarifverträge abschafft. Dagegen haben die beiden großen Gewerkschaftsverbände des Landes zum Generalstreik aufgerufen. „Sie sollen sehen, dass wir nicht alles mit uns machen lassen."

Denn die Troika, die Vertreter von EU, EZB und IWF, haben die Auszahlung der sechsten Tranche an Hilfskrediten (acht Mrd. Euro) an das bankrottgefährdete Land an die Verabschiedung des „Multigesetzes" gekoppelt. Am Donnerstag signalisierten sie erneut nur eine halbe Zustimmung. Ein endgültiges grünes Licht gab es nicht.

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Schuldenschnitt unausweichlich


Die Troika kommt zum Schluss, dass ein Schuldenschnitt unausweichlich sei. Denn Griechenland ist nicht mehr in der Lage, seine Kredite eines Tages wieder aus eigener Kraft zurückzuzahlen. Das steht im Letztentwurf des neuen Berichts, der der „Presse" vorliegt. „Verglichen mit dem Ausblick vor ein paar Monaten hat sich die Schuldentragfähigkeit wesentlich verschlechtert angesichts der Verzögerungen bei der wirtschaftlichen Erholung, der Budgetkonsolidierung und beim Privatisierungsplan", heißt es darin. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die beim Juli-Euro-Gipfel vereinbarte Abschreibung von rund 21 Prozent der griechischen Staatsschuldenquote nicht ausreichen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2011)

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39 Kommentare
 
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Gast: Biersauer
26.10.2011 03:42
0

Die Einzigen, welche mit der Griechenlandstützung gerezttet werden,..

sind die Spekulanten, welchen Griechenland das
geliehene Geld schuldet. Aber die arbeitende Bevölkerung muss dafür büssen.
Deswegen sind die Krawalle verständlich, weil das wird demnächst bei uns eintreffen, wenn unsere Lethargie nachlässt.

Gast: das volk hat immer recht
27.11.2014 16:51
0

Lage in Griechenland eskaliert

wenn sich die polizei aus dem geschehen heraushalten würde, wären die schuldigen
bald geschichte.

Gast: blüht´sunsauch?
21.10.2011 11:48
0

Griechischer Souverän!

So geht´s dem Souverän, wenn die "Repräsentativen" stiften gehn!

Gast: For
21.10.2011 10:08
0

Die Schlägertruppe der EU soll auch schon inkognito in GR gelandet sein

Wer nichts mehr zu verlieren hat, zerstört dann halt die Grundlagen, die den Reichen ein angenehmes Leben machen.

Es wird noch viel mehr Tote geben, bevor wieder Licht am Horizont erkennbar ist. Geht scheinbar nicht anders.

Antworten Gast: Biersauer
26.10.2011 03:47
0

Re: Die Schlägertruppe der EU soll auch schon inkognito in GR gelandet sein

.. wenn der Phönix aus der Asche aufsteigt, weiß man wann das Chaos zuende geht, es ist zu erwarten dass es in Ö. ebenfalls bald soweit ist, denn die Suppenaugen vergrößern ungestört dent Schuldenberg und wenn im kommenden Winter noch die Arbeitslosigkeit dazukommt?

Antworten Gast: Falschwählender Nichtwähler
21.10.2011 10:41
0

Re: Die Schlägertruppe der EU soll auch schon inkognito in GR gelandet sein

Das ist jedem historisch versiertem Menschen längst klar geworden. Das war immer so. Das ist der Lauf der "Zivilisation"

Gast: warleiderabsehbar
21.10.2011 09:50
1

die deregulierten finanzmärkte haben es geschafft- chaos,unruhen, sozialabbau in ganz europa; für europas arbeitnehmer u.pensionisten sind schlimme zeiten angebrochen. den spekulanten- und eliteninteressen wird alles untergeordnet.

alleine in der schweiz liegen an die 200mrd. euro schwarzgelder von reichen griechen.
wieviele billionen schwarzgelder der reichen europäer in andorra, monaco, österreich oder in den anderen schattenfianzplätzen liegen - darüber schweigt man lieber. das internationale finanz- und casinobankensystem hat nun dimensionen erreicht- dass übertrifft schon längst die schlimmsten befürchtungen der eu u. eurokritiker
ein internationales vernetztes system von börsen- finanz- und bankensystemen spielt mit der eu nur mehr katz und maus.
nach unabhängigen oecd berichten sind auch in österreich die vermögenssteuern auf kapital-u. vermögen auf dem niedrigsten niveau aller zeiten. kapital-u.vermögenssteuern nur auf oecd durchschnitt würden mind.4-6 mrd. euro einbringen. aber man verzichtet wegen der vermögenden und stiftungsmillionäre darauf- daher müssen die arbeitnehmer u.der mittelstand entsprechend höhere steuern eisten. die steuern auf arbeit sind daher in österreich so hoch wie kaum irgendwo. dieses unsoziale steuerungleichgewicht wird durch die eu bankenlobbypolitik sogar verschlimmert. die spö will als ausgleich für fehlende finanztransaktions-kapital-u.vermögenssteuern (von der spö selbst abgeschafft) weiter die asvg pensionen und asvg invaliditätspensionen massiv kürzen u. einsparen. und die eu will nun schon 2 billionen für die bankenrettungen aufwenden,so viele politiker. europas sozialer frieden u. demokratien werden durch diese euweite bankenlobbypolitik massiv gefährdet.

Gast: freund?
21.10.2011 09:31
0

rettungsloser balkan,



dritte-welt für immer. das ist GR.

kein geld mehr da runter.

wir kriegen es ja nicht geschenkt, verdammt !

Verglichen mit dem Ausblick vor ein paar Monaten hat sich die Schuldentragfähigkeit wesentlich verschlechtert angesichts der Verzögerungen bei der wirtschaftlichen Erholung

Jaja, eine echte Überraschung. Da auszuschliessen ist, dass irgendjemand mit nur minimalstem Sachverstand etwas anderes geglaubt haben könnte, ist der gegenwärte Zustand also mit voller Absicht herbeigeführt worden.
Da GR aber (ausgenommen relative Höhe der Verschuldung) keinen Sonderstatus hat, ist es naiv anzunehmen, dass es sich um ein Einzelschicksal handeln wird. Was wiederum klar macht, wie unverantwortlich es ist, auch unsere Neuverschuldung einfach locker flockig weiterzuschreiben. Wir sollten den Anschauungsunterricht nutzen, um auch bei uns notwendige Reformen einzuleiten.

Österreich ist reich genug

Österreich soll endlich zahlen für die Griechen. Anhebung der Einkommensteuer auf 60% für ALLE. Und schon geht sich das leicht aus.

Re: Österreich ist reich genug

eh klar, und mein Auto bekommen sie auch, die Griechen, gell?

Re: Re: Österreich ist reich genug

Wenn es mit der sozialen Ungerechtigkeit so weiter geht und die Armen noch mehr zum Ausgeleich der Finanzkrise zahlen müssen, dann werden sie dein Auto ohnehin holen, ob du es willst oder nicht. Also weise sein und für Gerechtigkeit sorgen!

Antworten Gast: vbn
21.10.2011 09:20
2

Re: Österreich ist reich genug - stimmt...


... aber je reicher jemand ist, desto geiziger wird er.

Das erklärt auch, warum immer mehr Leute auf Griechenland schimpfen. Genau jene die für ein paar Cent Unterschied Milch aus Polen und Kleidung aus Kidnerarbeit kaufen um sich noch einen größeren SUV zu kaufen!

KEIN Österreicher braucht auf Griechenland oder sonst ein Land schimpfen. Korruption und SCHWARZARBEIT ist hier ALLGEGENWÄRTIG!!

Gast: vbn
21.10.2011 08:24
3

Das sch... Geld regiert die Welt !


Hoffentlich schaffen es EU und die Medien nicht den Griechen ihr äußerst liebenswerte, menschliche Art und Lebensweise zu nehmen.

GELD ist nämlich nicht alles.

Re: Das sch... Geld regiert die Welt !

Solange jedem sein Geld wichtiger ist als alles andere wird das auch immer so bleiben.

Re: Das sch... Geld regiert die Welt !

Geld ist alles. Alles andere ist uninteressant. Ich zum Beispiel besitze etwa 500 Millionen Euro. Und bis Ende 2012 will ich auf eine Milliarde kommen. Da kann man sich keine Freundschaften oder andere Sentimentalitäten leisten.

Denn Griechenland ist nicht mehr in der Lage, seine Kredite eines Tages wieder aus eigener Kraft zurückzuzahlen.

war schon 2008 klar!

Gast: osman.ü.
21.10.2011 07:46
3


Gast: Reflector
21.10.2011 01:36
7

Wieviel Monate?

Ein irischer Politiker beschrieb beim Staatsbankrott Islands den Unterschied beider Länder knapp mit "Sechs Monate"

Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis es den 'Kern', also auch Ö trifft, FR wackelt schon wegen seiner Banken ...

Gast: alfman61
20.10.2011 23:04
10

gegen brüssel

das erste todesopfer im kampf der bevölkerung gg die verschiedensten diktate aus brüssel bzw von den internationalen banken.
möge dieser tod nicht umsonst gewesen sein, sondern uns anderen europäern helfen, endlich etwas gg die arroganz der mächtigen zu unternehmen.

schluss mit der bankenhilfe, schluss mit dem euro, schluss mit den unfähigen politikern.
für einen gold-standard, für freie individuen, für ein selbstbestimmtes leben in würde.

Re: gegen brüssel

jaja ... die Politiker sind Außerirdische und fallen jedem Volk vom Himmel.

Re: gegen brüssel

Und für freie Liebe!

Antworten Gast: Politiker der Erste
21.10.2011 07:55
6

Re: gegen brüssel

Ich frage mich ja immer wer denn die Politiker gewählt hat.

Da wahr`s dann keiner.

Antworten Antworten Gast: Falschwählender Nichtwähler
21.10.2011 10:39
0

Re: Re: gegen brüssel

Es ist wahr, da wars dann keiner.
Ich habe sie tatsächlich nicht gewählt. Aber auch jeden fall, machen sie doch erst mal einen alternativen vorschlag? Nciht wählen? Schwachsinn, das "verstärkt" die "treuen" Wähler nur. Ungültig ? Besser, aber in wahrheit auch Wertlos, wenn nur 1 Österreicher gültig eine Partei wählen würde, würden die Politiker noch immer regieren und laut vom 100% -der - Stimmen - Sieg jubeln, und sich nicht darum scheren dass 99,999999% sie nciht wollten. Kleinpartei? Abgesehen davon dass man keine Ahnung hat was diese Parteien wirklich wollen ist auch das eine Verschwendete stimme, die kommen eh nie, bzw nie mit genug Stimmen in den NR um eine Auswirkung zu haben. "Groß"-Parteien? SVÖVP - Kein Kommentar
Grüne? Haben sich disqualifiziert, würden einfach nur, sobald sie gewinnen mit der SVÖP eine 3fach Regierung bilden ( Die Spö dürfte dann alleine nciht mehr genug stimmen für Rot Grün haben, ansonsten das)
Das Bzö - Ein Scherz
Die FPÖ- bitte, hält irgendwer die blauen tatsächlich für fähiger als die Anderen???????

Tja also, ich habe sie trotzdem nciht gewählt und will deswegen ncihts von
armseligen "Wer hat sie denn gewähöt" gejammer hören!

Gast: Kritischer Betrachter
20.10.2011 22:59
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"Es waren so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr, und sie blieben."

Russia Today Video von 2009: 100000 Menschen protestierten laut Russia Today schon 2009 auf der Straße gegen Steuereinsparungen

http://www.youtube.com/watch?v=rshdJZruH_0

Keine Ahnung, wie viel diesmal auf der Straße waren- aber die Problemstellung zieht sich nun schon Jahre.

Ich persönlich meine, es ist eine Frechheit, wie EU Politiker Politik machen. Es wurde zwar Geld - auch von uns - nach Griechenland verteilt- dieses hat ja aber nur Verbindlichkeiten des griechischen Staates bei vor allem ausländischen Banken gerettet.

Den Griechen selbst geht es 2011 schlechter als 2009.

Eine Unverschämtheit Politik auf Kosten der Masse der Bürger in Österreich (Griechengeld kann vom Steuerzahler bezahlt werden) UND Griechenland (hat selber keinen Vorteil, ist in noch schlimmerer Situation), aber nur für Banken und wenigen dahinter zu machen!


Re: "Es waren so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr, und sie blieben."

In Wirklichkeit protestieren die Leute gegen sich selbst. Sie haben ja die Sozialisten mit kurzen Unterbrechungen in Griechenland die letzten 40 Jahre lang an die Macht gebracht. Und nun ist das Land aller Initiative und Wertschöpfungskraft beraubt und ein Sanierungsfall.

 
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