Griechenlands Schuld wird halbiert

26.10.2011 | 18:33 |  von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

Nach 22 Monaten Misere der hellenischen Staatsschulden ringen sich die Chefs der Euroländer zum Schuldenschnitt durch. Doch ob die Banken freiwillig mitmachen, ist unsicher.

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Brüssel. Die Banken haben das Ringen mit der Politik um griechische Staatsschulden verloren: Sie müssen auf mindestens die Hälfte ihrer Forderungen gegen den griechischen Staat verzichten, und nicht bloß auf 40 Prozent, wie sie das zuletzt angeboten haben.

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Dieses wichtigste Ergebnis des Brüsseler Krisengipfels stand schon vor Eintreffen der Staats- und Regierungschefs am Mittwochabend fest. „Die Menschen in Griechenland verdienen unseren Respekt und eine tragfähige Zukunftsperspektive“, sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch zu Mittag im deutschen Bundestag. Es zeige sich, dass „der Privatsektor einen erheblicheren Beitrag leisten muss. Die Beschlüsse vom Juli sind nicht mehr tragfähig. Ziel muss es sein, dass Griechenland bis zum Jahr 2020 auf eine Schuldenquote von 120 Prozent kommt.“

Diesen Feststellungen der Kanzlerin liegt der Befund der sogenannten „Troika“ zugrunde, also der Vertreter von Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, die alle drei Monate Griechenland prüfen. Ihr vertraulicher Bericht über die Fähigkeit Athens, seine Schulden irgendwann wieder selbst zu bezahlen, liegt der „Presse“ vor. Er zeigt, dass bei einer Abschreibung von 50 Prozent der Staatsschuld, die sich derzeit in den Büchern der privaten Gläubiger Athens befinden, die Staatsschuldenquote (sie wird an der jährlichen Wirtschaftsleistung gemessen) im Jahr 2020 120 Prozent betragen wird (siehe Grafik). In diesem Szenario müssten Euroländer und der IWF 114 Milliarden Euro an Krediten nach Athen überweisen, um Griechenland zu finanzieren. Würden die privaten Gläubiger auf 60 Prozent ihrer Forderungen verzichten, könnte man die Schuldenquote gar unter 110 Prozent senken. Hier müssten Eurozone und IWF 109 Milliarden Euro zuschießen.

 

Was ist „freiwillig“?

109 Milliarden Euro Staatshilfe: Auf diesen Betrag für ein zweites Griechenland-Paket haben sich die Chefs der Euroländer schon am 21. Juli geeinigt. Damals haben die Banken, vertreten durch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und sein Gegenüber von der BNP Paribas, Baudouin Prot, hingegen nur eine „Privatsektorbeteiligung“ von 21 Prozent angeboten.

Die Banken sollen nun also mehr als doppelt so stark zur Sanierung des hellenischen Staatshaushaltes beitragen, als noch vor drei Monaten erwogen. Das wirft die schon damals brennende Frage auf, wie sich diese „Privatsektorbeteiligung“ organisieren lässt, ohne damit einen jener Fälle zu schaffen, der in den Augen der Kreditratingagenturen als „Default“, also als Zahlungsausfall, gilt. Das hätte fatale Folgen, weil die Europäische Zentralbank dann griechische Bonds nicht mehr als Sicherheit für die Bereitstellung von liquiden Mitteln an die griechischen Banken annähme. Sie wären damit von einem Tag auf den anderen nicht mehr zahlungsfähig. Eine Panik der Sparer wäre neben dem völligen Versiegen der Kreditvergabe an private Haushalte und Unternehmen die Folge.

 

Brady Bonds auf europäisch

Um dies zu vermeiden, deutet sich eine Lösung an, die von unabhängigen Volkswirten schon vor Monaten vorgeschlagen wurde, ohne bei der Politik auf offene Ohren zu stoßen: Die Banken dürften das Angebot erhalten, ihre restlichen, ohnehin zusehends ans Wert verlierenden griechischen Bonds zu einem Fixpreis mit einem Aufschlag in bar zu verkaufen. Die griechische Tageszeitung „Kathimerini“ zitierte am Mittwoch den griechischen Finanzminister Evangelos Venizelos, demzufolge die Banken und Versicherungsunternehmen pro 100 Euro an griechischer Staatsschuld im Tausch 15 Euro bar sowie 35 Euro in 30-jährigen Anleihen mit sechsprozentiger Verzinsung erhalten würden.

Dieses Angebot wäre für die privaten Gläubiger reizvoll genug, um sich freiwillig ihrer hellenischen Ramschanleihen zu entledigen. Es würde den sogenannten Brady Bonds entsprechen, mit denen die USA in den 1980er-Jahren eine ähnliche Krise ihrer Banken beendet haben.

Eine Vorbedingung dafür erfüllte der Deutsche Bundestag schon vor Beginn des Gipfels. Er stimmte der Flexibilisierung des Euro-Rettungsvehikels EFSF mit überwältigender Mehrheit zu.

Die EFSF wird als Ausfallsversicherung für den Kauf europäischer Staatsanleihen wirken. Und sie wird mit dem IWF eine Sondergesellschaft gründen, über die Staatsfonds und Drittländer an der Stabilisierung der Eurozone mitwirken können. Die EZB werde dabei nicht eingebunden, betonte Merkel: „Das ist mit der Bundesregierung nicht zu machen.“

Grafik: Die Presse

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2011)

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43 Kommentare
 
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Per ...


... 31.12.2010 hatte Griechenland lt Eurostat 330 Mrd Euro Schulden (Neuverschuldung 2010: 30 Mrd Euro).

Der "50%-ige Schuldenschnitt" verringert lt Gaertner's Blog Griechenlands Schulden um 60 Mrd Euro.

D.h., wenn Griechenland 2011 35 Mrd Neu-Schulden macht und der Haircut per 31.12.2011 durchgeführt wird, ist Griechenland am 01.01.2012 mit 305 Mrd Euro verschuldet.

Oder zu ca 130%/BIP.

Mit diesem Haircuterl wird's wohl nicht gewesen sein, oder?

The same procedure next year?

Kurvenform?

Der Hintergrund des Schuldenerlasses war doch auch, dass Griechenland bei Beibehaltung des Schuldenstandes nie von seiner Verschuldung herunterkäme. In diesen Phantasiekurven, die laut Beschriftung ein Werk des IWF und der glorreichen europäischen Komission sind, verlaufen alle drei Scenarien aber lustig parallel nach unten. Die Kurven müssten aber gespreizt sein und zB. die oberste Linie parallel zur Zeit-Achse verlaufen oder gar leicht ansteigen, wenn dieses Diagramm die Überlegungen hinsichtlich des Schuldenschnitts verdeutlichen sollte. Wie heißt es in Faust: "Heinrich (EU)! Mir graut`s vor dir."

Griechenland bleibt im ansteigenden Ast!

Habe mir die Kurven noch einmal angesehen und bin zu erschreckenden Erkenntnissen gekommen: Wenn ein Schuldenschnitt bei den Bankverbindlichkeiten von 50% nur diesen kleinen Anfangsknick nach unten verursacht, dann würde 100% Nachlass einen kaum größeren Knick erzeugen. Geht man dann gedanklich nach links zur bisherigen, schwarz gezeichneten Linie, dann ist man immer noch im stark ansteigenden Ast! Die Griechen haben also keine Chance, auch nicht bei 100% Schuldennachlass durch die privaten Gläubiger, das weitere starke Ansteigen der Schulden in den Griff zu bekommen!!!

Re: Griechenland bleibt im ansteigenden Ast!

Die "Problemlösungsstrategie" der EU: Jedes Problem sofort und endlos mit viel Geld (der Steuerzahler) bewerfen, immer wieder irgendwelche wichtigen Treffen abhalten und eine gleichgeschaltete Presse alles schönreden lassen.

Wie hat doch Fekter gemeint

Österreich hat mit den EU Rettungsschirm keinen Verlust zu befürchten?
Rücktritt - jetzt, sofort und mit Kanzler Faymann gemeinsam.
Lügenbolde, wohin man sieht, die permanent das eigene Volk belügen und betrügen!


ja, ja, - die wichtigen "Maastricht-Kriterien"...

man darf das alles nicht so eng sehen. Kann ja jedem passieren - und ist anscheinend auch "jedem
EU-Land passiert".

Gast: Unbeliever
27.10.2011 00:07
2

Big deal für die Griechen, gratuliere!

Ich bein schwer beeindruckt, wie leicht ein Staat mit einem bedenklichen System seine Schulden halbieren kann.

Das war für die Griechen wohl der Deal des Lebens!

Was schaut da eigentlich für die amerikanischen Beraterbanken wie Goldman Sachs raus? Die haben ja schon einmal die Griechen "beraten."

Antworten Gast: MimiTheKid
27.10.2011 09:05
0

Re: Big deal für die Griechen, gratuliere!

Herr Kovats hat einiges mehr verbrochen und hat gar nichts dafür einsetzen müssen.

Im Gegenteil: Er selbst hat sich selbst saniert.

Für Staaten geht das nicht. Vielleicht sollte man sich man um ein Konkursrecht bei Staaten umsehen.

Gast: jo so ist es
26.10.2011 23:36
1

ach so

Als arbeitender Mensch ist man sowieso der Depp. Ich lerne jetzt um auf Mindestsicherung + Wohnbeihilfe + Heizkostenzuschuss + Gebührenbefreiung + ein bißchen schwarz. Dann könnt's schauen wo ihr eure Steuern hernehmt.

Gast: check
26.10.2011 21:40
5

"WOLLT IHR DEN TOTALEN EURO?"

Verbrechen zahlt sich eben aus!

Und Spanien, Portugal und Italien schauen ganz entspannt zu: Sparmaßnahmen und Privatisierungen zu beschließen, diese nicht umzusetzen, trotzdem 100 Milliarden Geld bekommen und 50% der Milliardenschulden den Nettozahlern abzugeben, dieses Geschäftsmodell wird seine Nachahmer finden.

+++

Die deutsche Sprache reicht nicht aus um den Grad der Verblödung unserer politischen "Eliten" zu beschreiben.

Durch das festhalten am "totes Pferd reiten"-Prinzip tötet man den Euro und riskiert dazu sogar einen schweren Rückschlag für die Europäische Union.

Was ist so schwer daran einfach zuzugeben: "Der Euro war eine Totgeburt, wir haben uns geirrt."? Stattdessen wird der politischen Eitelkeit der Wohlstand der GESAMTEN Euro-Zone geopfert.

Alles, aber auch wirklich ALLES was Kritiker befürchtet haben, alles was anfangs vehement bestritten wurde, ist eingetreten:

Bruch des Maastricht-Stabilitätspaktes

Bruch der No-bail-out-Vereinbarung

Missbrauch der EZB als Ramschaufkäufer

1. Rettungsschirm nicht ausreichend

2. Rettungsschirm nicht ausreichend

ESFS nicht ausreichend.

Hebelung der ESFS-Gelder

All das wurde ständig bestritten, bis es dann als "alternativlos" und "unabwendbar" deklariert wurde. Der Trick liegt darin, die dramatische Lage eines Landes als Dramatik des eigenen Landes darzustellen und dann, mittels "Hilfsgelder" diese dramatische Lage seinem eigenen Staat zu "kaufen".

Und genau so werden die Kritiker recht behalten dass uns der gehebelte ESFS bald um die Ohren fliegen wird.

28 Milliarden EURO für Österreich ergeben gehebelt über 100 Milliarden. 12.000,- Euro neue Schulden für jeden Österreicher, vom Baby zum Greis, kostet uns diese eitle Niedertracht der Politik.

Die deutsche Sprache reicht absolut nicht aus um den Grad der Verblödung unserer politischen "Eliten" zu beschreiben.

Gast: frank789
26.10.2011 21:33
3

das wusste man schon vor 1 jahr

das hätte man schon viel früher machen müssen und können, nur dann hätte es ein paar superreiche erwischt, so hat die politik zugewartet, damit die großen raus gehen können udn alles am kleinen steuerzahler hängen bleibt, weil ja ezb, pensionskassen und versicherungen die schundpapiere aufgekauft haben

danke politiker - das ganze ist eine riesige enteignungsaktion und umverteilung von unten nach oben

Den Euro wirds ewig geben...

nur das Zusammenspiel unfähiger Politiker und einer Einheitswährung garantiert einigen Menschen unermässlichen Reichtum.

Gast: D-Wagen
26.10.2011 20:48
2

Alle die

die Hauptverursacher der Krise gewählt haben (also primär die Roten) sollen jetzt auch fest zahlen.

Re: Alle die

ein beneidenswert einfaches Weltbild.

Gast: Reflector
26.10.2011 20:39
6

Illusionen schon in der Wiege


Anscheinend braucht jetzt nurmehr das dt. Parlament über den Hebel abstimmen. Die 'Demokratie' in der EU wird immer skuriler.

Mit 50% Schnitt und mit Anschluss an den € wird GR den Phantasieverlauf in dem Chart nie und nimmer schaffen.

Die EU Stümper haben damit schon wieder die nächste Sollbruchstelle in die Wiege gelegt.

Zudem ist es ohnehin unwahrscheinlich, dass der € überhaupt solange besteht wie die Zeitachse der Grafik reicht.

Solange es keine Volksaufstände gibt

werden "die" mit uns machen was sie wollen.

...und a bisserl geht halt noch immer....

Gast: Baur4
26.10.2011 20:20
9

Alles noch viel zu wenig!

Für die nächste Woche sind 50% einmal ausreichend. Danach kommt wieder eine neue Hiobsbotschaft!

Wird doch niemad glauben, dass damit alles vorbei ist????

Jene, die die Krise verursacht haben sollen sie auch bezahlen

Wir wollen unser Geld zurück. Wir Steuerzahler haben nicht gezockt, wollten kein Geschäft mit Haftungen machen und spekulieren auch nicht.

Wir haben genug gezahlt und fordern Bürgerrechte jetzt.

Außer Sprüchen: Wie jene die die Krise verursacht haben, sollen sie bezahlen oder Wer zahlt schafft an ist von unserer Regierung nichts im Interesse des österreichischen Volkes gekommen.

Antworten Gast: betahatschi
26.10.2011 20:39
2

Re: Jene, die die Krise verursacht haben sollen sie auch bezahlen

Ich würde sagen, jene, die die Verursacher der Krise und damaligen Einpeitscher in den Wahnsinnsverein EU immer wieder gewählt haben, sollen jetzt auch zahlen.

Antworten Antworten Gast: antiroter
26.10.2011 20:50
1

Re: Re: Jene, die die Krise verursacht haben sollen sie auch bezahlen

Das wären dann die Türken weil nur die wählen massenhaft rot.

Antworten Gast: Plach2
26.10.2011 20:22
2

Re: Jene, die die Krise verursacht haben sollen sie auch bezahlen

Jene die diese Krise verursacht haben, bekamen hohe Bonuszahlungen und haben ihr Geld längst in Sicherheit!

Gast: Plach2
26.10.2011 20:10
7

Statt die Mrd. im eigenen Land zu investieren,

schenken wir sie den Zockern.

Die Griechen selber sehen davon keinen Cent!

15.6.2011: Die Mrd. für Griechenland sind für Österreich ein gutes Geschäft (Fekter ans Parlament)




wie sich das wohl auf die nächsten Wahlen auswirken wird?


Antworten Gast: Baur4
26.10.2011 20:23
6

Re: wie sich das wohl auf die nächsten Wahlen auswirken wird?

Die SPÖ wird weiterhin den Bundeskanzler stellen.

In Wien wählten 78% der Türken die SPÖ, 16% die Grünen. Gesamt also 94%.

Ranghohen Moslemvertreter sind in der SPÖ-Parteihierarchie die Garantie, dass innerhalb des Clans alle ausnahmslos SPÖ wählen. Teilweise sitzen die Clanchefs daneben, wenn einer bei der Briefwahl unterschreibt und schauen, ob auch wirklich SPÖ angekreuzt wird.

Re: Re: wie sich das wohl auf die nächsten Wahlen auswirken wird?

Seltsame Mathematik.

 
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