Trichet: "Krise ist noch nicht vorbei"

30.10.2011 | 18:24 |   (Die Presse)

Mario Draghi löst am Dienstag Jean-Claude Trichet an der EZB-Spitze ab. Weitere Erhöhungen des Leitzinssatzes im heurigen Jahr gelten als unwahrscheinlich.

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Frankfurt/Ag./Red. Morgen, Dienstag, kommt es nach acht Jahren zu einem Wechsel an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Mitten in der Krise löst der Italiener Mario Draghi seinen Vorgänger Jean-Claude Trichet als obersten europäischen Währungshüter ab. An ihm liegt es nun vor allem, ob die EZB mit niedrigen Zinsen gegen die Wirtschaftsflaute oder mit hohen Zinsen gegen die Teuerung vorgeht und ob die Notenbank wieder Anleihen europäischer Schuldenstaaten aufkauft.

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Unter Trichet hat die EZB das getan und sich dafür heftige Kritik, vor allem Deutschlands, eingehandelt. Die Kritiker meinten, dass die Notenbank damit für die unsolide Politik der Regierungen geradestehe. Auch der europäische Rettungsschirm EFSF kann Anleihen von Eurokrisenländern erwerben. Viele Ökonomen meinen jedoch, dass die Notenbank als Krisenfeuerwehr weiter unverzichtbar sei.

Der scheidende EZB-Chef Trichet schloss zuletzt nicht aus, dass die EZB Sondermaßnahmen wie den Erwerb von Staatsanleihen erneut anwenden könnte. „Die Krise ist noch nicht vorbei“, sagte Trichet zur „Bild am Sonntag“. Er schränkte jedoch ein: „Derartige Maßnahmen sind nur in der Ausnahmesituation einer globalen Krise größten Ausmaßes zu rechtfertigen.“ Trichet forderte eine schnelle Umsetzung der Entscheidungen des Eurokrisengipfels.

 

Kein Kurswechsel erwartet

Trichet betonte zudem, dass er für das kommende Jahrzehnt mit einer „Preisstabilität“ in der Eurozone rechne. Die Inflationsrate werde aller Voraussicht nach sehr niedrig sein und bei durchschnittlich 1,8Prozent liegen (im September betrug sie allerdings drei Prozent).

Die Aussagen machen es unwahrscheinlich, dass die EZB heuer noch einmal den Leitzinssatz anheben dürfte. Nach einer zweimaligen Anhebung um je einen Viertelprozentpunkt liegt der Zinssatz bei 1,5 Prozent. Die meisten Ökonomen glauben nicht, dass es heuer zu einer weiteren Erhöhung kommt.

Einen grundsätzlichen Kurswechsel unter Draghi in Richtung Nullzinspolitik (wie sie die US-Notenbank Fed fährt) erwarten Beobachter aber nicht. Draghi hat selbst angedeutet, dass er bei der Geldpolitik den bisherigen Kurs fortsetzen dürfte und nichts von niedrigen Zinsen um den Preis hoher Inflationsraten hält. Die Entscheidungen trifft zudem der EZB-Rat, dem unter anderem die 17Vertreter der nationalen Notenbanken angehören.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2011)

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2 Kommentare
Gast: G 2012
31.10.2011 15:59
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Zeit für die Zentralbank

Die große Rettungsshow für den Euro lässt die Börsianer jetzt jubeln. Doch die einzige Chance, die nächste Krise zu verhindern ist: Die EZB muss die Staaten stützen.
Die Börsianer jubelten kurz über die Taten der Euro-Retter. Doch abseits des Börsenparketts gab es nichts zu feiern. Der gefühlt tausendste EU-Krisengipfel brachte wieder keinen Durchbruch. Im Gegenteil: Angela Merkel verpasste erneut eine große Chance, um die Eurokrise zu entschärfen.
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Die Zukunft der Staatsfinanzierung ist eine Machtfrage geworden. Solange der Staat sich nur auf privaten Kapitalmärkten finanziert, können die Märkte die Politik vor sich hertreiben. Die Eurokrise wird sich nach dem Brüsseler Gipfel weiter zuspitzen. Wenn der Euro dann auf dem Sterbebett liegt, wird Angela Merkel die Währungswächter zu Hilfe rufen. Bleibt zu hoffen, dass es dann nicht zu spät ist. (aus einem Gastbeitrag der Frankfurter Rundschau)

„Die Krise ist noch nicht vorbei“, sagte Trichet

Guter Mann, wir haben erst hineingeschnuppert

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