Wohlstandsverlust in Europa: 10 Jahre Rezession und Revolten

Arbeitskampf: Die Arbeitsorganisation ILO appelliert an die Politiker, einen dramatischen Rückgang der Beschäftigung zu vermeiden.

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Merkel – (c) Dapd (Steffi Loos)

Wien/München/Eid/Afp. Die Straßenschlachten in Athen sind Warnung genug: Der drohende Wohlstandsverlust durch die von der Eurokrise ausgelöste Wirtschaftsabkühlung wird zu sozialen Unruhen führen, warnt die Internationale Arbeitsorganisation ILO. Ohne Gegenmaßnahmen drohe vor allem in den entwickelten westlichen Volkswirtschaften eine Rezession, die ein Jahrzehnt anhalten könne, zitiert das Magazin „Focus“ aus der jüngsten ILO-Arbeitsmarktanalyse.

„Die nächsten Monate werden entscheidend dafür sein, einen dramatischen Rückgang der Beschäftigung und eine weitere deutliche Verschärfung sozialer Unruhe zu vermeiden“, appelliert die ILO an die Politiker. Besonders hoch sei das Risiko in Griechenland, Portugal, Spanien, Estland, Frankreich, Slowenien und Irland. Allerdings hätten die Regierungen wegen des Spardrucks kaum Spielraum, Beschäftigung zu schaffen.

Jüngste Umfragen bestätigen die ILO: 60 Prozent der Griechen und Portugiesen meinen, ihr Lebensstandard sei gesunken. In Deutschland und auch in Österreich, sei die Nachfrage nach Arbeitskräften hingegen hoch, weshalb die ILO zu Lohnerhöhungen rät, um den Konsum zu stärken.

Aber auch hierzulande verdüstert sich die Stimmung: Einer vom „Trend“ durchgeführten Befragung zufolge erwarten 56 Prozent der Österreicher einen allgemeinen Wohlstandsrückgang. 44 Prozent wollen deshalb weniger Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben. In dieses Bild passt die Aussage von Notenbank-Chef Ewald Nowotny. Er meint, dass die Nationalbank ihre Wachstumsprognose für 2012 deutlich senken müsse. In ihrer letzten Vorschau ging die OeNB von einem Wachstum von 2,3Prozent aus. Für heuer sieht Nowotny trotz eines scharfen Konjunktureinbruchs in der zweiten Jahreshälfte ein Wachstum von drei Prozent. Wifo und IHS erwarten für 2012 nur mehr ein reales Plus von 0,8 bzw. 1,3 Prozent.

Hierzulande wird für mehr Geld – wie bei Metallern und Bierbrauern – gestreikt bzw. mit Streik gedroht, und auch für mehr Gerechtigkeit. Heute, Montag, halten die Fluglotsen auf den Flughäfen Wien, Graz, Klagenfurt und Linz Betriebsversammlungen ab, weshalb es zu Flugverspätungen kommen könnte. Bis Donnerstag hat die Postgewerkschaft Konzernchef Georg Pölzl eine Frist gesetzt, auf ihre Forderung zu reagieren, ältere Mitarbeiter nicht aus dem Unternehmen zu „mobben“. Die Postler haben sich schon eine Streikfreigabe vom ÖGB geholt.

 

Fluglotsen fordern Prämien

Bei der Austro Control sind Prämien für Mehrarbeit im Sommer der Stein des Anstoßes. Diese Prämie sei heuer nur einem Viertel der Beschäftigten zugebilligt worden, sagt Betriebsratsvorsitzender Norbert Payr. Wenn im Sommer der Flugverkehr stark zunimmt, müssen die rund 300 Lotsen zusätzliche Überstunden leisten, um Urlaube auszugleichen und Verspätungen gering zu halten. Heuer ist es laut Payr gelungen, Verspätungen fast ganz zu vermeiden. „Wir wollen wissen, warum viele Kollegen für diese gute Leistung bestraft werden. Diese Vorgangsweise ist leistungsfeindlich“, empört sich Payr. Die Austria Control kontert: „Alle Lotsen erhalten österreichweit einheitlich für die hervorragenden Leistungen entsprechende Bonuszahlungen.“

Auf einen Blick

Zehn Jahre Rezession und soziale Unruhen – das fürchtet die Internationale Arbeitsorganisation ILO als Folge der Eurokrise und des damit verbundenen Wohlstandsverlusts. Politiker müssten deshalb einen dramatischen Rückgang der Beschäftigung vermeiden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2011)

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