Banken: EU nimmt Aufsichtsräte an die Kandare

30.10.2011 | 18:25 |  JOSEF URSCHITZ (Die Presse)

Ahnungslose Kontrollore in den Finanzinstituten seien an der Finanzkrise mitschuldig gewesen, sagt die EU-Kommission. Die geplanten Konsequenzen fallen aber eher weich aus.

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Wien. Aufsichtsräte gelten vielfach als aus Freundeskreisen bestehende Abnickergremien. Bei Finanzinstituten könne das auch volkswirtschaftlich ins Auge gehen, meint die EU-Kommission: Im EU-Grünbuch für „Corporate Governance in Finanzinstituten“ heißt es, eine Ursache für die Finanzkrise 2008 war das aufsichtsrätliche „Versagen bei der Einschätzung, dem Verständnis und der Beherrschung der Risken, denen ihre Finanzinstitute ausgesetzt waren“.

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Und: Verwaltungsräte und Aufsichtsinstanzen hätten „oftmals weder die Art noch den Umfang der Risken verstanden, mit denen sie konfrontiert waren“. Die Aufsichtsräte hätten „weder die Ressourcen noch die notwendige Zeit“ für ihre Tätigkeit aufgewendet. Zudem seien sie vielfach „mangels technischer Sachkenntnis und/oder ausreichenden Durchsetzungsvermögens“ nicht in der Lage gewesen, die Geschäftspolitik des von ihnen kontrollierten Vorstands zumindest zu hinterfragen.

 

Weiche Konsequenzen

Starker Tobak, der jetzt, nachdem schon die nächste Finanzkrise ausgebrochen ist, zu Konsequenzen führt. Doch zu vorerst eher weichen: Die EU-Kommission arbeitet in ihrer Kapitaladäquanzrichtlinie (CRD IV) auch ein paar Bestimmungen über Anforderungen an Bankenaufsichtsräte ein, die ab Anfang 2013 in den Mitgliedstaaten angewendet werden sollen. Und die europäische Bankenaufsicht (EBA) wird bis Ende 2015 technische Regulierungsstandards für die Aufsichtsräte ausarbeiten.

Darin soll festgelegt werden, wie intensiv Aufsichtsräte arbeiten müssen (gesprochen wird über eine Sitzung pro Monat und 20 Stunden Vorbereitungszeit pro Aufsichtsrat und Monat), wie viele Aufsichtsratsfunktionen gleichzeitig ausgeübt werden dürfen (die Rede ist von maximal vier), wie das Kriterium Diversität (Frauenquote) bei der Auswahl der Aufsichtsräte einzusetzen ist und wie man sicherstellt, dass jedes Aufsichtsratsmitglied die Auswirkungen der eingegangenen Risken auf die Bank (zumindest nach einer Erklärung durch die Fachleute im Gremium) auch versteht.

 

Schwere Qualifikationsmängel

An Letzterem scheint es zu hapern: Aufsichtsratspositionen werden oft aus Freundeskreisen und/oder (besonders in kleineren Regionalbanken) mit lokalen Honoratioren besetzt. Die Qualifikation ist dabei ein untergeordnetes Kriterium. Wie hoch der Anteil der minder qualifizierten Bankaufsichtsräte in Österreich ist, traut sich niemand zu sagen. Die Lage sei ähnlich wie in Deutschland, heißt es. Für das Nachbarland gibt es harte Fakten: Der Finanzwissenschaftler Harald Hau (Insead) und der Volkswirtschaftler Marcel Thum (TU Dresden) haben 426 Aufsichtsratsmitglieder der 29 größten Banken des Landes „gescannt“ – und sind zu ernüchternden Ergebnissen gekommen: Fehlende Finanzkompetenz sei „der Regelfall, nicht die Ausnahme“, heißt es da.

Besonders gelte das für Banken im Einflussbereich der öffentlichen Hand. In der (während der Finanzkrise 2008 wegen ihrer katastrophalen Geschäftspolitik zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten) KfW Bank etwa hätten von 37 Aufsichtsratsmitgliedern nur fünf Finanzmarkterfahrung aufgewiesen. Die übrigen Aufsichtsräte seien finanztechnisch eher unbeleckte „Politiker oder Interessenvertreter öffentlicher Verbände und Gewerkschaften“ gewesen.

Fazit: Die Bank war im Herbst 2008 von Lehman Brothers über den Tisch gezogen worden und hatte knapp vor der Lehman-Insolvenz 350Millionen Euro an das US-Pleiteinstitut überwiesen. Aufsichtsratsvorsitzender war damals der deutsche Finanzminister.

 

Kein „Fit&Proper-Test“

Insgesamt hatten nur 13,9Prozent der Aufsichtsräte in staatlichen Banken Bankerfahrung in irgendeiner Form aufzuweisen. Auch bei privaten Großbanken waren es nur 30,8Prozent. Immerhin ein Viertel der Aufsichtsräte in privaten deutschen Banken hatte Finanzmarkterfahrung im tonangebenden US-Markt. Bei öffentlichen Banken waren es nur 2,5Prozent.

In Österreich hatte die völlige Ahnungslosigkeit der Bawag-Aufsichtsräte während der diversen Spekulationsaffären der früheren Gewerkschaftsbank regulatorische Folgen: Vorsitzende von Bankaufsichtsräten müssen seither in einem „Fit&Proper-Test“ nachweisen, dass sie auch verstehen, was sie da beaufsichtigen.

Der Plan, solche Tests auch für „gewöhnliche“ Bankaufsichtsräte einzuführen – was laut Fachleuten die Reihen der hiesigen Bankaufsichtsräte vor allem bei den kleineren Instituten stark lichten würde –, ist aber offenbar wieder eingeschlafen. Sowohl auf EU-Ebene als auch in Österreich. In der Finanzmarktaufsicht heißt es, derzeit sei das kein Thema. Es gebe keinen aktuellen Anlassfall, sodass die Bestimmung, wonach der Aufsichtsrat „im Kollektiv“ verstehe müssen, wie das beaufsichtigte Unternehmen funktioniert, ausreicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2011)

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10 Kommentare
Gast: G 2225
31.10.2011 15:12
0

Folgen der Freunderlwirtschaft

Im Aufsichtsrat sitzen ja oft einige vollkommen Ahnungslose dabei, die nicht einmal eine Bilanz lesen können! Und auch nicht fähig sind zu analysieren ob die Strategien und die Auswahl der schwerpunktmäßig zu verfolgenden Geschäftsfelder richtig ausgewählt wurden. Was soll man denn da erwarten außer abnicken. Die Auswahl der zu bestellenden Aufsichtsratsmitglieder orientierte sich nicht nach der Fachkompetenz sondern nach dem Einfluss und dem Netzwerk dieser Personen. Und die haben nicht immer eine ausgewiesenen Bankerfahrung gehabt. Da wissen ja die einfachen Bankmitarbeiter über ihre eigene Bank mehr als diese Aufsichtsorgane. Aber die dürfen sich nicht äußern, sonst haben sie keinen fixen Arbeitsplatz mehr. Der Ankauf der Schrottpapiere in vielen europäischen Banken durch das Topmanagement bzw. ihre zuständigen Manager wirft auch ein entsprechendes Bild auf das Fachwissen dieser Manager. Die haben Milliarden an die Wand gefahren mit ihrer Inkompetenz!

Gast: kspod
31.10.2011 06:34
2

Bewerbung

Ja ich habe mich seinerzeit bei der HRE beworben, aber die haben nich nicht genommen.
Meine Vorzüge für den Job waren:

18 Mio Euro Jahresgehalt, 4 Jahresvertrag.
Nach einem Jahr ausscheiden im beiderseitigen Einvernehmen mit einer Abfindung von 15 Mio. €
geboten habe ich denen : keine Ahnung von Bankgeschäften, oftmals Glück bein Zocken, Vorliebe für aufwendiges Leben.

Dabei wäre ich auch nicht anders gewesen als die jetzigen Stelleninhaber.

ahnungslos

. . . wenn's zu spät ist, dann sehen alle.

Eurokrise zeigt Hausverstand der Bevölkerung besser als Politik

Ahnunglose Politiker haben die Krise verursacht bzw. verstärkt. Deshalb Bürgerbeteiligung jetzt, den auf breiter Basis getragene Entscheidungen können nicht falscher sein als die derzeitige Geldvernichtungsmaschinerie.

Unsere Politik machte bisher folgende Feststellungen. Finanzminister Pröll die Haftungen sind ein Geschäft für den Steuerzahler. Maria Fekter es wird keinen Schuldenschnitt für Griechenland geben. Maria Fekter der Schuldenschnitt verursacht keinen Schaden für den Steuerzahler, obwohl ÖNB und EZB Milliardenbeträge in giftige Papiere der maroden Staaten investiert haben.

Kann ein Volksentscheid mehr daneben liegen ?

Re: Eurokrise zeigt Hausverstand der Bevölkerung besser als Politik

Aber Sie sehen das falsch. Wie soll ein Politker eine Ahnung haben, woher soll der Hausverstand kommen. Fettes Gehalt, Dienstwagen mit Chauffeur, Diäten, dazu hartes abgeschottetes arbeiten im Parlament.
Woher soll der Sachverstand für einen Aufsichtsratsposten kommen, wenn zu der harten Arbeit dann noch unzählige Zeltfeste und Seitenblick-Veranstaltungen kommen. Woher soll eine Fekter wissen was sie tut?
Pflichtbewusst reist sie mit den Lasten der oben angeführten Argumente zu einem wichtigen Treffen der Schulterklopfer nach Brüssel. Da kann es schon passieren, dass man völlig abgearbeitet und unbedacht die Meinungen der Vordenker übernimmt.
Für die andere Arbeit hat man dann ein Expertenteam, welches die Budgetrede vorbereitet, während sie selber noch bei einem ganz wichtigen Abendessen die Zukunft Europas steuern muss.
...und letztendlich die Suche nach einem geeigneten Experten der dann auch noch einen Hebel bastelt...

Arm sind die......

Gast: ehklaro
30.10.2011 22:00
1

wer war bei der bawag im aufsichtsrat? kein wunder dass milliarden in den casinobanken versenkt wurden.


Gast: Hans im Glück
30.10.2011 19:47
1

Warum wird nicht mehr in Aktionärskultur investiert???

Wer bestellt den Ausichtsrat???

Die Eigentümer, in der Hauptversammlung der Aktionäre.

Also was dem Eigentümer recht ist, soll auch der Aufsicht genügen.

Bei staatsnahen Aktiengesellschaften kann, von mir aus, die EU, die Aufsicht usw... regulieren was es will.

In der Privatwirtschaft ist es mein Bier.

Gast: E. Strasser ehem. EU-Abgeordneter
30.10.2011 19:28
1

Ahnungslose Kontrollore?

Oder doch die gekaufte EU-Kommission?

Hoffnung längst aufgegeben

Sogar die geplanten, zahlosen Regulierungen werden vermutlich wieder von den Gedungenen der Bankster niederlobbyiert werden.

Re: Hoffnung längst aufgegeben

sie meinen Landeshauptleute, welche auch in "ihrer" Bank regieren wollen.

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