Ökonom Gerken: "Am Ende bricht alles zusammen"

Der deutsche Ökonom Lüder Gerken warnt vor einer Fortsetzung der bisherigen Euro-Rettungspolitik. Ein Austritt der maroden Staaten aus dem Euro sei die einzige Chance.

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(c) Michaela Bruckberger

Die Presse: Könnten Sie einem Volksschüler erklären, wie man einen Rettungsschirm hebelt?

Lüder Gerken: Das ist sehr schwierig. Der Hebel ist der Versuch, mit wenig Kapital viel Kapital zu erzeugen. Die EFSF soll mit einem Anteil von 20 Prozent eine Staatsanleihe garantieren und 80 Prozent sollen von Privaten – also Banken und Versicherungen – übernommen werden. Wir haben aber ein großes Problem, weil wir systemrelevante Banken und Versicherungen haben, die im Fall eines Zahlungsausfalls wieder vom Staat gerettet werden müssten. Das würde die Blase noch vergrößern.

 

Und dann brauchen wir noch mehr Geld für den Rettungsschirm?

Ich befürchte schon, dass die Probleme immer größer werden und dann erneut der Schrei kommt: Wir müssen noch mehr aufbringen! Aber irgendwann ist es vorbei. Am Ende bricht dann alles zusammen. Aus meiner Sicht gibt es jetzt nur noch drei Optionen.

 

Die da wären?

Bisher hat Griechenland versucht, in der Eurozone zu bleiben und durch Reformen wieder auf die Beine zu kommen. Aber wir haben ausgerechnet, dass viele Preise und Löhne in Griechenland um die Hälfte fallen müssten, damit das Handelsbilanzdefizit ausgeglichen werden kann. Versuchen Sie das mal in Österreich durchzusetzen! Lohnsenkungen um 50 Prozent? Das bekommen Sie auch in Griechenland nicht hin. Die Griechen versuchen wirklich, Reformen durchzuführen. Aber nur mit sehr begrenztem Erfolg.

 

Radikale Lohnsenkungen sind also keine Option – was dann?

Variante zwei ist die Transferunion zwischen Nord- und Südeuropa – mit über hundert Milliarden Euro jährlich. Die würde wohl auf alle Zeiten bestehen. Wie in der Bundesrepublik, in der einige Länder im Osten und die Stadt Bremen seit vielen Jahren am Tropf hängen.

 

Könnte Nordeuropa sich das leisten?

Nur unter ganz erheblichen Einbußen des Lebensstandards. Die nordeuropäischen Staaten sind auch am Ende ihrer Möglichkeiten. Ebenso wie der österreichische und der deutsche Staat. Aber die Privatvermögen, die Ersparnisse, übersteigen in diesen Ländern die Staatsverschuldung. Diese Differenz ist in der Theorie verfügbar, die könnte der Staat konfiszieren und an die südeuropäischen Staaten abgeben.

 

Würde so eine Transferunion die Südländer zum Sparen animieren?

Im Gegenteil. Wenn ich weiß, ich werde von Nordeuropa alimentiert, muss ich mich nicht mehr anstrengen und meine Probleme nicht lösen. Dadurch würden die Transferzahlungen sogar eher noch steigen.

 

Und wie sieht die dritte Variante aus?

Austritt aus der Währungsunion für die maroden Staaten. Dass Deutschland austritt, ist nur theoretisch eine Option. Angesichts der deutschen Geschichte bis 1945 halte ich es praktisch für ausgeschlossen, dass Deutschland die Währungsunion verlässt. Und: Wenn Deutschland austreten würde, wäre die Währungsunion sofort am Ende. Wenn die Griechen austreten, bleibt die Hoffnung, dass sie nach einigen Jahren zum Euro zurückkommen.

 

Wie würde so eine Währungsreform in Griechenland ablaufen?

Über Nacht müssten die Bargeldbestände in Griechenland und im übrigen Europa gestempelt werden. Über ein langes Wochenende müsste man Drachmen drucken, die dann verteilt werden. Das muss eine Überraschungsaktion sein, weil sonst ein Run auf die Banken einsetzt. Wir haben das technische Problem, dass es geheim bleiben muss.

 

Würde das die ganze EU in Gefahr bringen, auseinanderzufallen?

Das glaube ich nicht. Wir hätten zwar ein ganz böses Gewitter. Es wäre ein echter Crash, aber nach einem halben Jahr würde sich die Lage beruhigen und wir könnten letztlich zu „Business as usual“ zurückkehren. Wenn wir es aber nicht machen, bekommen wir ein Leiden ohne Ende. Und es wird die Kreditfähigkeit der ganzen Eurozone bedroht.

 

Glauben Sie, dass man das Schuldenproblem durch Inflation lösen kann?

Ja, aber das ist ein Spiel mit dem Feuer. Man hat das in der Vergangenheit schon gemacht. Die Hyperinflation 1923 in Deutschland ist so ein Beispiel. Aber mit einer Hyperinflation rechne ich eigentlich nicht. Fünf bis zehn Prozent Inflation halte ich dagegen nicht für ausgeschlossen. In Österreich haben Sie ja ohnehin heute schon vier Prozent Inflation.

Zur Person

Lüder Gerken ist seit 2006 Direktor des Centrums für Europäische Politik (CEP) in Freiburg, außerdem Vorstand der Stiftung Ordnungspolitik und der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung. Gerken hat Volkswirtschaft und Jus studiert, bevor er 1998 an der Universität Bayreuth habilitierte. Das CEP versteht sich selbst als „Denkfabrik“, deren Mitarbeiter Gesetzesvorhaben der Europäischen Union auf ordnungspolitischer Basis bewerten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2011)

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