Ökonom Gerken: "Am Ende bricht alles zusammen"

01.11.2011 | 18:10 |  NIKOLAUS JILCH (Die Presse)

Der deutsche Ökonom Lüder Gerken warnt vor einer Fortsetzung der bisherigen Euro-Rettungspolitik. Ein Austritt der maroden Staaten aus dem Euro sei die einzige Chance.

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Die Presse: Könnten Sie einem Volksschüler erklären, wie man einen Rettungsschirm hebelt?

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Lüder Gerken: Das ist sehr schwierig. Der Hebel ist der Versuch, mit wenig Kapital viel Kapital zu erzeugen. Die EFSF soll mit einem Anteil von 20 Prozent eine Staatsanleihe garantieren und 80 Prozent sollen von Privaten – also Banken und Versicherungen – übernommen werden. Wir haben aber ein großes Problem, weil wir systemrelevante Banken und Versicherungen haben, die im Fall eines Zahlungsausfalls wieder vom Staat gerettet werden müssten. Das würde die Blase noch vergrößern.

 

Und dann brauchen wir noch mehr Geld für den Rettungsschirm?

Ich befürchte schon, dass die Probleme immer größer werden und dann erneut der Schrei kommt: Wir müssen noch mehr aufbringen! Aber irgendwann ist es vorbei. Am Ende bricht dann alles zusammen. Aus meiner Sicht gibt es jetzt nur noch drei Optionen.

 

Die da wären?

Bisher hat Griechenland versucht, in der Eurozone zu bleiben und durch Reformen wieder auf die Beine zu kommen. Aber wir haben ausgerechnet, dass viele Preise und Löhne in Griechenland um die Hälfte fallen müssten, damit das Handelsbilanzdefizit ausgeglichen werden kann. Versuchen Sie das mal in Österreich durchzusetzen! Lohnsenkungen um 50 Prozent? Das bekommen Sie auch in Griechenland nicht hin. Die Griechen versuchen wirklich, Reformen durchzuführen. Aber nur mit sehr begrenztem Erfolg.

 

Radikale Lohnsenkungen sind also keine Option – was dann?

Variante zwei ist die Transferunion zwischen Nord- und Südeuropa – mit über hundert Milliarden Euro jährlich. Die würde wohl auf alle Zeiten bestehen. Wie in der Bundesrepublik, in der einige Länder im Osten und die Stadt Bremen seit vielen Jahren am Tropf hängen.

 

Könnte Nordeuropa sich das leisten?

Nur unter ganz erheblichen Einbußen des Lebensstandards. Die nordeuropäischen Staaten sind auch am Ende ihrer Möglichkeiten. Ebenso wie der österreichische und der deutsche Staat. Aber die Privatvermögen, die Ersparnisse, übersteigen in diesen Ländern die Staatsverschuldung. Diese Differenz ist in der Theorie verfügbar, die könnte der Staat konfiszieren und an die südeuropäischen Staaten abgeben.

 

Würde so eine Transferunion die Südländer zum Sparen animieren?

Im Gegenteil. Wenn ich weiß, ich werde von Nordeuropa alimentiert, muss ich mich nicht mehr anstrengen und meine Probleme nicht lösen. Dadurch würden die Transferzahlungen sogar eher noch steigen.

 

Und wie sieht die dritte Variante aus?

Austritt aus der Währungsunion für die maroden Staaten. Dass Deutschland austritt, ist nur theoretisch eine Option. Angesichts der deutschen Geschichte bis 1945 halte ich es praktisch für ausgeschlossen, dass Deutschland die Währungsunion verlässt. Und: Wenn Deutschland austreten würde, wäre die Währungsunion sofort am Ende. Wenn die Griechen austreten, bleibt die Hoffnung, dass sie nach einigen Jahren zum Euro zurückkommen.

 

Wie würde so eine Währungsreform in Griechenland ablaufen?

Über Nacht müssten die Bargeldbestände in Griechenland und im übrigen Europa gestempelt werden. Über ein langes Wochenende müsste man Drachmen drucken, die dann verteilt werden. Das muss eine Überraschungsaktion sein, weil sonst ein Run auf die Banken einsetzt. Wir haben das technische Problem, dass es geheim bleiben muss.

 

Würde das die ganze EU in Gefahr bringen, auseinanderzufallen?

Das glaube ich nicht. Wir hätten zwar ein ganz böses Gewitter. Es wäre ein echter Crash, aber nach einem halben Jahr würde sich die Lage beruhigen und wir könnten letztlich zu „Business as usual“ zurückkehren. Wenn wir es aber nicht machen, bekommen wir ein Leiden ohne Ende. Und es wird die Kreditfähigkeit der ganzen Eurozone bedroht.

 

Glauben Sie, dass man das Schuldenproblem durch Inflation lösen kann?

Ja, aber das ist ein Spiel mit dem Feuer. Man hat das in der Vergangenheit schon gemacht. Die Hyperinflation 1923 in Deutschland ist so ein Beispiel. Aber mit einer Hyperinflation rechne ich eigentlich nicht. Fünf bis zehn Prozent Inflation halte ich dagegen nicht für ausgeschlossen. In Österreich haben Sie ja ohnehin heute schon vier Prozent Inflation.

Zur Person

Lüder Gerken ist seit 2006 Direktor des Centrums für Europäische Politik (CEP) in Freiburg, außerdem Vorstand der Stiftung Ordnungspolitik und der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung. Gerken hat Volkswirtschaft und Jus studiert, bevor er 1998 an der Universität Bayreuth habilitierte. Das CEP versteht sich selbst als „Denkfabrik“, deren Mitarbeiter Gesetzesvorhaben der Europäischen Union auf ordnungspolitischer Basis bewerten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2011)

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45 Kommentare
 
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Vorbereitung ist eben alles!

*Das muss eine Überraschungsaktion sein, weil sonst ein Run auf die Banken einsetzt. Wir haben das technische Problem, dass es geheim bleiben muss.*

Deshalb sollte man möglichst wenig Geld auf der Bank herumliegen haben.

Die Banknoten können sicher nicht gestempelt werden, da sich diese vor allem bei den Privaten befinden. In den Banken befindet sich meist nur das elektronische Geld. Das kann man auch nicht stempeln.

Seltsamer Professor!

"Über Nacht müssten die Bargeldbestände in Griechenland und im übrigen Europa gestempelt werden...."
sagt dieser sonderbare Professor!

Laut EZB sind derzeit 14 Milliarden EURO-Banknoten weltweit in Umlauf.

http://www.ecb.int/euro/banknotes/circulation/html/index.de.html

Wenn man europaweit so viele Stempelplätze einrichtet wie der Tag Sekunden (=60X60X24) hat und dort in jeder Sekunde einen einzigen Schein abstempelt, wieviele Banknoten müssten jede Sekunde in diesen 86.400 Stempelplätzen verarbeitet werden, um das in einem Tag zu schaffen?

Bitte Herr Professor um Ihre sehr geschätzte Anzahl!

Dem ist nur zuzustimmen

denn sonst:

wir werden alle störben...

Aber im Ernst:

Die ganze Rettungspolitik geht doch im Grunde nur zu Lasten der Steuerzahler. Es geht gar nicht um Rettung Griechenlands, sondern um die Rettung der Banken, die sich offenbar in hochriskante Geschäfte - auch mit griechischen Staatsanleihen - hineinmanöviert haben. Man muss es nur im spiegelfechter-blog nachlesen, da steht es ganz deutlich und verständlich

Antworten Gast: Münchner
02.11.2011 20:00
1

maschinen ;)

Ich erlaube mir mal kurz daran zu erinnern, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben. Es gibt Maschinen, die in atemberaubenden Tempo Geld zählen können. Warum sollte es dann keine geben, die Scheine ebenso schnell markieren können?

Re: maschinen ;)

Und wie kommen die 14 Milliarden EURO-Banknoten zu den Maschinen?

Re: maschinen ;)

Weil die Maschinen meine Euros, die unter dem Kopfpolster lagern, nicht sehen werden.

Das mit dem Abstempeln der Euro-Noten

kann ja bloß als Witz gemeint sein. Der Plan ist undurchführbar weil er Wochen dauern würde und somit der Überraschungseffekt wegfallen tät!

Re: Das mit dem Abstempeln der Euro-Noten

Nicht einmal nach 10 Jahren EURO sind alle Schillinge getauscht!
Die ruhenden Schilling-­Bestände belaufen sich derzeit auf 8,93 Milliarden ATS. Das entspricht einem Gegenwert von 648,7 Millionen Euro.

Der Herr Professor ist ein Witzbold!

Gast: world-citizen
02.11.2011 12:42
4

Inflation von 5 - 10% .............

......... sind die Werte, die wir in den 70er und 80er Jahren hatten und es war keine Katastrophe. Ich kenne Ökonomen, die der Meinung sind, eine Inflation in diesem Ausmaß wäre der "Gesunde Schwips" den die Wirtschaft benötige. Allerdings will ich mir nicht anmaßen, das selbst beurteilen zu wollen.
Senftubendrücker gibt es ja in diesen Internetforen mehr als genug.

Re: Inflation von 5 - 10% .............

Derartige Zinsen würden die Schuldner sofort ruinieren. Darin liegt heute der Unterschied.

Schwaqchsinn pur !!!

"Über Nacht müssten die Bargeldbestände in Griechenland und im übrigen Europa gestempelt werden. Über ein langes Wochenende müsste man Drachmen drucken, die dann verteilt werden."

Der Herr Professor hat ja keine Ahnung! In einer Nacht alle Bargeldbestände abstempeln. Die griechischen EURO mit dem schlechten und die übrigen mit dem guten Stempel!
Sehr lustig Herr Professor, der EURO ist mit mehr Banknoten und Münzen im Umlauf, als der Dollar! Das machen wir alles im verlängerten Wochenende und ganz geheim, damit keiner was vorher erfährt!

Und niemand in Griechenland wird den "guten" Stempel fälschen und in Hellas damit DAS gute Geschäft machen. Ein Stempel wird ja leichter zu fälschen sein, als ein EURO-Schein!

Die Idee könnt fast vom Strache sein!

Antworten Gast: MAMALEONE
02.11.2011 12:30
1

Re: Schwaqchsinn pur !!!

Denken ist nicht jedermanns Stärke.
Alle Staaten drucken auf ihre Euroscheine einen Buchstaben. Griechenland hat zb. ein Y.
Alle Euroscheine mit diesem Buchstaben werden nicht mehr angenommen.
Weitere finanztechnische Umsetzungen würden hier nicht verstanden werden.

Antworten Antworten Gast: Papaleone
02.11.2011 14:20
2

Re: Re: Schwaqchsinn pur !!!

Dass Denken nicht jedermanns Stärke ist, haben Sie hier bewiesen.

Re: Re: Schwaqchsinn pur !!!

"Alle Staaten drucken auf ihre Euroscheine einen Buchstaben..."

Sie haben leider keine Ahnung, was der Ländercode auf den EURO-Scheinen bedeutet.

Der Ländercode gibt nur Auskunft auf die zum Druck beauftragte Notenbank. Nicht jede Nationalbank beschafft alle 7 EURO-Stückelungen. Die Produktion der Banknoten im gesamten EURO-Raum erfolgt im Rahmen eines so genannten dezentralen Poolings, bei dem sich die Notenbanken auf wenige Stückelungen konzentrieren.
Abgesehen davon sind diese Banknoten im ganzen EURO Raum im Umlauf.
Wenn Sie jetzt EURO-Scheine mit dem griechischen Code Y, oder einem S für Italien etc. in der Tasche haben, warum sollten Ihre Scheine dann nicht mehr in Österreich angenommen werden?

Der Ländercode ist jedenfalls für eine Identifizierung als "griechischer" EURO völlig ungeeignet!!!

Gast: Staatskanzler
02.11.2011 11:12
1

Gold

Erparnisse konfiszieren? Hohoho. Habe nichts mehr - alles ist Gold!

Gast: gastname_
02.11.2011 10:56
2

Ersparnisse

Auf die Lebensversicherungen und Sparbücher haben die Politiker schon lange begehrliche Blicke gerichtet.
EXPECT THE WORST TO COME!

Antworten Gast: gastname_
02.11.2011 15:53
2

Re: Ersparnisse

das Rotstricherl kommt sicher von einem Systemgläubigen, der den Volkszertretern noch vertraut.

"die Spareinlagen sind sicher".
"niemand will eine Mauer bauen".
"der Schilling bleibt erhalten".
"die eu ist ein Friedensprojekt".

Weitere Kommentierung halte ich für Zeitverschwendung.

Re: Re: Ersparnisse

"Weitere Kommentierung halte ich für Zeitverschwendung."

Ich auch !!!

Würde so eine Transferunion die Südländer zum Sparen animieren? Im Gegenteil.

schon langsam glaube ich die EU schadet mehr als sie nützt.

Gast: Bärenfalle...
02.11.2011 06:43
3

Es fehlt Variante 4: Sudden Death

Lehmann und aktuell MF Global haben uns ja einen kleinen Vorgeschmack gegeben wie das Szenario aussieht.

Da nutzt dann auch 9% Eigenkapital nicht, da gehen die Institute eben 2 Stunden später pleite.


Fasching

Bei diesen Vorschlägen habe ich das Gefühl im Villacher Fasching angekommen zu sein.

Wie sehen...

... den ihr Vorschläge oder ihre Sicht der Zukunft aus?

Keine Ahnung? Aber Hauptsache alles was andere sagen ist "Fasching". Herzlichen Glückwunsch!

Re: Wie sehen...

Ich bin ein Verfechter des 'lasst das System zusammenbrechen und uns neu und besser anfangen' Gedanken.
GlaubenS wirklich, dass die EU Regierungen und alle Experten und alle Medien die Wahrheit sagen? Höchstens eine halbe.

„Am Ende bricht alles zusammen“

Es müssen endlich klare Verhältnisse geschaffen werden - durch Austritt Griechenlands aus der EU.
Aufgrund einer "wahnwitzigen" Vertragsgestaltung wäre ein Austritt aus der Eurozone allein gar nicht möglich!

Die Griechen könnten dann zu ihrer alten Währung zurückkehren, diese abwerten und sich daraufhin an (fragwürdigen) südamerikanischen Vorbildern orientieren ................

Die EU sollte neu aufgestellt werden i.S. einer Zweiteilung: ein innerer Kern mit hoher Integrationsrate (inkl. Gemeinschaftswährungt) und ein "lockeren" Kreis, der aus Staaten besteht, die sich nur am kleinsten gemeinsamen Nenner als Klammer orientieren wollen (Großbritannien als Wortführer).

Re: „Am Ende bricht alles zusammen“

Hoffentlich ist Österreich dann im lockeren Kreis und kann selber bestimmen wo es lang geht.

kein problem

gold silber & lebensmittelkonserven stehen bereit
3 handfeuerwaffen und 2000 x 9mm munition
genug holzkohle um sachen am grill aufzuwaermen fuer mindestens 2 monate (laenger sollte der strom nicht ausfallen, dann move zu dem amish nach pensylvania)

wenn der wind der veraenderung weht, bauen manche mauern, andere windmuehlen

 
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