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Staatsanleihen: Bewertung ganz nach Wunsch

03.11.2011 | 18:16 |  CHRISTIAN HÖLLER UND STEFAN RIECHER (Die Presse)

Uniqa meldet einen Rekordverlust, BNP Paribas einen Millionengewinn. Doch würde der Versicherer seine Staatspapiere so wie die französische Bank bewerten, wäre der Verlust noch deutlich höher.

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Wien. Für eine gewaltige Überraschung hat am Donnerstag die Uniqa gesorgt. Die Versicherung wird heuer den bislang größten Verlust ihrer Geschichte erzielen. Die zur Raiffeisen-Gruppe gehörende Gesellschaft hat sich wegen der unsicheren Lage entschieden, alle griechischen Staatsanleihen auf den Marktwert abzuschreiben. Firmenchef Andreas Brandstetter erwartet nun für heuer einen Vorsteuerverlust von 250 bis 300Mio. Euro.

Bei der Abschreibung der griechischen Papiere ist der Uniqa kaum eine Wahl geblieben. Viel weniger eindeutig liegt der Fall bei Staatsanleihen anderer europäischer Problemländer. Das zeigt ein Blick darauf, wie unterschiedlich Finanzinstitute etwa mit spanischen oder italienischen Papieren umgehen.

Viele Institute haben mittlerweile einen Teil ihrer griechischen Bonds abgeschrieben. So hat die Uniqa ursprünglich griechische Anleihen zum Nominalwert von 480 Mio. Euro in den Büchern gehabt. Nach dem ersten Schuldenschnitt im Sommer wurde das Portfolio um 21Prozent abgewertet, jetzt werden die Hellas-Bonds nur noch zu 35 Prozent ihres Nominalwerts gehandelt. „Daher bestand Handlungsbedarf“, sagt Brandstetter zur „Presse“.

Die französische Großbank BNP Paribas wiederum hat am Donnerstag bekannt gegeben, 60 Prozent oder 2,26Mrd. Euro ihrer griechischen Anleihen abgeschrieben zu haben. Der Gewinn des Instituts hat sich im dritten Quartal im Vorjahresvergleich um 72Prozent auf 541Mio. Euro reduziert.

Spielraum in Milliardenhöhe

Allerdings: BNP schrieb auch gleich einen Teil der Staatsanleihen anderer europäischer Sorgenkinder ab – im Durchschnitt um 21Prozent. In Italien geht es dabei um 8,3Mrd. Euro, in Spanien um 2,2Mrd. Euro. Dies geschah zum Teil freiwillig. Denn zum Marktwert müssen Institute die Papiere nur bewerten, wenn sie damit handeln. Planen sie, Anleihen bis zum Ende der Laufzeit zu behalten, brauchen sie keine Berichtigungen vornehmen – außer es zeichnet sich ab, dass ein Staat die Schulden nicht bedienen kann.

Das ist im Detail nur schwierig zu überprüfen. Es kann vorkommen, dass eine Bank im zweiten Quartal plant, Anleihen bis zum Schluss zu halten und sich dann im vierten Quartal doch entscheidet, mit ihnen zu handeln. Vereinfacht ausgedrückt: Der BNP Paribas bot sich bei der Bilanzerstellung ein Spielraum von bis zu zehn Mrd. Euro.

Umso erfreuter nahmen die Märkte die Nachricht auf, dass BNP italienische Anleihen abschrieb und trotzdem einen Gewinn erzielte: Die Aktie legte Donnerstag um acht Prozent zu.

Österreichs Institute handhaben die Problematik teils anders: Die Uniqa hat ihr Italien-Engagement mit einem Nominalwert von 930Mio. Euro nicht wertberichtigt. Weitere 350Mio. Euro werden in Irland gehalten, 100Mio. Euro in Portugal und 170Mio. Euro in Spanien. Brandstetter glaubt, dass die Länder ihre Schulden tilgen werden: „Daher haben wir keine Wertberichtigungen vorgenommen.“

Die Erste Bank ist mit 3,5Mrd. Euro in den angeschlagenen Schuldenländern investiert. Bankchef Andreas Treichl hat angekündigt, das Engagement zurückzufahren. Daher wurde ein Großteil der Anleihen wertberichtigt. Die Bank Austria dagegen nahm nur Abwertungen auf Griechenland vor. Im Sommer schrieb sie 100Mio. Euro. Experten gehen davon aus, dass weitere Belastungen von über 150Mio. Euro anfallen werden.

Italien als tickende Zeitbombe?

Deutlich schwieriger ist die Lage bei der „KA Finanz“, der Bad Bank der Kommunalkredit. Sie ist mit 980Mio. Euro in Griechenland engagiert, davon wurde bislang nur ein kleiner Teil abgeschrieben. Sollte sich die Lage in Athen zuspitzen, erwarten Experten, dass die Bank erneut Staatshilfe im dreistelligen Millionenbereich benötigt. Mit jeweils 800Mio. Euro ist die „KA Finanz“ auch in Portugal und in Irland investiert – auch hier wurden bislang keine Abschreibungen vorgenommen.

Was bleibt, ist viel Unsicherheit im gesamten Finanzsektor. Noch nicht vorgenommene Abschreibungen können sich schnell zu einer tickenden Zeitbombe entwickeln. Weitet sich die Schuldenkrise auf andere Länder aus, stehen nicht nur den österreichischen Banken noch Abschreibungen in Milliardenhöhe bevor. Allein in Italien haben sie zuletzt Außenstände von 16,5 Mrd. Euro gehalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2011)

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4 Kommentare
Gast: landi
04.11.2011 12:31
0 0

Uniqa

ich muss dringend meine Versicherungen bei der Uniqa kündigen

Gast: 1. Parteiloser
04.11.2011 10:07
0 0

Wie sorgfältige Kaufleute?

Würde man dieses Prinzip anwenden, welches auch rechtlich für Vorstände, Geschäftsführer und Aufsichtsräte gilt, dann müssten die Vermögen in der Bilanz, also auch die Staatsanleihen, auf den Marktwert abgeschrieben werden und dazu noch eine Rückstellung für das Risiko erfolgen.

Nach meiner Meinung sollte die Bewertung so erfolgen:

Griechenland:
Abwertung auf 35% der Nominale, weil Marktwert, und eine Rückstellung in der Höhe von 10% des Nominalwertes.

Italien:
Abwertung noch nicht erforderlich, aber wegen des schnell steigenden Ausfallsrisikos sollten schon Rückstellungen von etwa 30% des Nominalwertes vorhanden sein. Je nach Entwicklung sollten weitere 10% pro Jahr dazukommen. Alternativ eine Versicherung für Zahlungsausfalle abschließen, müsste aber ein sicherer Zahler sein, welchen es heute nicht mehr gibt.

Frankreich:
Etwas wie Italien.

Ich würde meinen, dass weder die Verantwortlichen für die Versicherungen, noch für die Banken und schon gar nicht für die Staaten wie sorgfältige Kaufleute handeln.

Ich bin nicht sicher, dass der sehr große Bewertungsspielraum rechtlich vorhanden ist oder sich von den Entscheidugsträgern einfach nur genommen wird.

Kann es sein, dass es sich um vorsätzliche und laufende Straftaten handelt?

Gast: CL
04.11.2011 10:01
0 0

über-vorsichtig

Zitat: "Allerdings: BNP schrieb auch gleich einen Teil der Staatsanleihen anderer europäischer Sorgenkinder ab – im Durchschnitt um 21Prozent. In Italien geht es dabei um 8,3Mrd. Euro, in Spanien um 2,2Mrd. Euro. Dies geschah zum Teil freiwillig."

Natürlich unterliegen Wertpapiere im Anlagevermögen anderen Bewertungskriterien als WP des Umlaufvermögens. Natürlich steht es einer Bank frei, die gehaltenen WP von lang- auf kurzfristig umzugliedern oder umgekehrt.
M. E. ist diese Bewertung der italienischen und spanischen WP sehr übervorsichtig. Aber wenn man bedenkt, dass die französischen Banken derzeit sehr unter Druck sind und das Triple-A-Rating Frankreichs im Hintergrund auf dem Spiel steht, kann man diese Vorgehensweise nachvollziehen.

Gast: FH
03.11.2011 21:16
0 0

Überbezahlt

Offenbar sind die Anleger völlig überbezahlt, oder /und unterqualifiziert.

Hobbyökonom