Die EZB sorgt für Angst unter den Banken

04.11.2011 | 17:17 |   (Die Presse)

Nach der Leitzinssenkung horten die Banken so viel Geld bei der EZB wie zuletzt vor 16 Monaten. Sie misstrauen der Konkurrenz. Europäische Zentralbank sieht die europäische Wirtschaft bereits „im freien Fall“.

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Wien/stef/Ag. Mario Draghi hat gesprochen und für höchste Verunsicherung im Bankensektor gesorgt. In der Nacht nach der Zinssenkung vom Donnerstag horteten die Finanzinstitute so viel Geld bei der EZB wie zuletzt im Juni des Vorjahres. Das bedeutet, dass sie einander nicht mehr trauen und ihr Kapital zum Teil nur noch bei der Zentralbank als sicher erachten. Denn bei der Konkurrenz könnten sie deutlich höhere Zinsen bekommen. Der Einlagensatz der EZB liegt bei lediglich 0,5 Prozent.
Der neue Notenbankchef hatte gleich an seinem dritten Arbeitstag für einen Paukenschlag gesorgt: Der von ihm geleitete EZB-Rat senkte die Leitzinsen überraschend um 0,25 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent. Die Eurozone steuere auf eine „milde Rezession“ zu, erklärte Draghi. Mit der Zinssenkung will der Notenbanker Investitionen und den Konsum anregen und so die Konjunktur ankurbeln.

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Sorge um „Leichen im Keller“

In der Nacht nach dem EZB-Entscheid parkten die Finanzinstitute 275,23 Mrd. Euro bei der Zentralbank, um neun Prozent mehr als in der Nacht zuvor. Das ist zwar der höchste Wert seit 16 Monaten, im Vergleich zu Juni 2010 ist die Panik allerdings nicht so groß. Damals steuerte die Eurokrise auf ihren ersten Höhepunkt zu, die Banken hinterlegten 384 Mrd. Euro in Frankfurt.
Trotzdem interpretieren Ökonomen den neuerlichen Anstieg der täglichen Einlagen als besorgniserregend. Der Hauptgrund für die Verunsicherung ist der hohe Bestand an Staatsanleihen krisengeschüttelter Euroländer. Die meisten Institute haben zwar ihre griechischen Papiere bereits wertberichtigt. Sie halten aber nach wie vor hunderte Milliarden Euro an italienischen und spanischen Anleihen in ihren Büchern, die sie nur zu einem kleinen Teil wertberichtigt haben.
Gerät beispielsweise Italien ins Wanken, würden die „Leichen im Keller“ in Form von Staatsanleihen viele Banken an den Abgrund oder einen Schritt weiter bringen. Weil unklar ist, welche Institute als Erste in ernsthafte Schwierigkeiten kämen, horten die Banken ihr Geld sicherheitshalber bei der EZB.
Doch auch die Zentralbank sorgt für zusätzliche Verunsicherung, nicht nur durch die überraschende Zinssenkung. Die Wirtschaft in der Eurozone befinde sich „im freien Fall“, sagte das Ratsmitglied Yves Mersch am Freitag. „Noch vor einigen Monaten veranschlagten wir die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall in die Rezession mit weniger als zehn Prozent. Jetzt liegt sie bei mehr als 50 Prozent“, sagte der luxemburgische Notenbankchef.

EZB kehrt von ihren Statuten ab

Mit der überraschenden Zinssenkung läutete der neue EZB-Chef Draghi jedenfalls eine Zeitenwende ein. Der Italiener sagte entgegen den bisherigen Gepflogenheiten sehr deutlich, dass die schwächelnde Konjunktur der Hauptgrund für die Zinssenkung sei. Damit kehrt die Notenbank von ihren Statuten ab. Diese sehen als oberstes Ziel der EZB die Inflationsbekämpfung vor.
Derzeit liegt die Teuerung in der Eurozone bei drei Prozent, in Österreich bei 3,6 Prozent. Die Statuten der Notenbank sehen als Ziel „unter, aber nahe zwei Prozent“ vor. Um den Eindruck zu vermeiden, die Zinssenkung sei ausschließlich dem neuen EZB-Chef zu verdanken, meldete sich am Freitag auch Jürgen Stark zu Wort. Das deutsche Ratsmitglied betonte, dass er es gewesen sei, der die Zinssenkung vorgeschlagen habe.
Die EZB glaubt, dass der Inflationsdruck in den kommenden Monaten deutlich nachlassen und die Teuerung Mitte nächsten Jahres auf unter zwei Prozent sinken wird. Eine weitere Zinssenkung im Dezember ist deshalb wahrscheinlich. Zumindest bis dahin dürften die Banken Experten zufolge ihr Geld weiter bei der EZB horten.

Auf einen Blick
275,23 Mrd. Euro horteten die Banken in der Nacht von Donnerstag auf Freitag bei der EZB, so viel wie zuletzt im Juni 2010. Das ist ein Indiz für großes Misstrauen in der Branche. Denn von der Zentralbank erhalten die Institute mit 0,5 Prozent deutlich weniger Zinsen als von der Konkurrenz. Hauptgrund für die Verunsicherung ist die Schuldenkrise in den Eurozone.

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94 Kommentare
 
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da zittern die banken

und verunsichern die bevölkerung durch horrormeldungen,.............. wenn wer ihre grenzenlose gier zügelt und etwas mehr weitblick für einen ganzen kontinent beweist........wetten der machts nicht lange? schließlich sind viel zu viele korrupte und inkompetente politiker schon von den bankstern gekauft. die machen den sicher schneller fertig als er gewählt wurde.

Steuerhinterziehung und Staatsdefizit sind

Geschwister - siehe griechisches Schwarzgeld in der Schweiz!

Gast: niederösterreicher
06.11.2011 08:36
0

So ändern sich die Zeiten:

Sichergelaubte Staatsanleihen europäischer Euro-länder, denen man gerne Geld für 3-4% auf 10 Jahre anvertraute mutierten zu Schrottpapieren, binnen 24 Monaten.

Dank des ausunfernden Sozialstaates und der neo-marxistischen Wirtschaftspolitik der letzten 20 Jahre.

Re: So ändern sich die Zeiten:

Ich glaube viel eher es gibt zu viele Bankoholiker.
Bankolin (tm)

Es scheint sich eher Herrn Mersch's Verstand im freien Fall zu befinden, als die Wirtschaft der Eurozone insgesamt.

Wenn man sich allerdings nur mit den (im Vergleich aber mickrigen) Volkswirtschaften der PIGS-Staaten befaßt, dann ja.
Aber dort, wo sich die Konjunktur entscheidet, geht es bergauf.
Und zu den USA, die ja angeblich auf eine schlimme Rezession zusteuern, hier ein Exzerpt aus dem jüngsten Börse-Express:
"Summa summarum positiv zeigte sich
bisher die bereits weit fortgeschrittene USBerichtssaison. 427 der 500 S&P-Mitglieder
haben Q3-Zahlen gelegt, durchschnittlich wurde der Gewinn um 16,4% gesteigert - etwas mehr als im Vorfeld erwartet.
Immermehr reduziert werden dafür die Erwartungen an die Zukunft. Angesichts der
maueren Konjunktur liegt die Latte an das
Q4 derzeit bei nur noch 8,8%, und bei je
5,8% für die beiden Folgequartale."
Also das Gewinn-WACHSTUM reduziert sich auf kanpp 6% - wenn das eine Rezession sein soll???

Antworten Gast: Q5
05.11.2011 17:37
2

Re: der Gewinn um 16,4% gesteigert

.... die Reallöhne und die Lebensqualität auch?

Gast: Die 27 Wirtschaftsweisen
05.11.2011 12:50
0

Die Euro Zone scheint momentan ein schlechtes Feng Shui zu haben.


Gast: Markus Trullus
05.11.2011 10:12
2

warum?

Die Zinssenkungen helfen nur wenig; wir wissen doch alle, wie schwer es ist, als kleiner Entrepreneur oder Unternehmer an Betriebskapital zu kommen; Kredite scheiden derzeit voll aus, weil niemand eine Sicherstellung bieten kann, wie die Bank das so haben möchte...
Und da fallen mir immer wieder diejenigen ein, die ihr Geld in Karibik und anderswo "verzocken", ob sie nun Bawag oder Hypo heißen, Mayer oder Huber... Warum schafft es der Staat nicht, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass diese Gelder ins Inland zum Weiteraufbau einer gesunden Wirtschaft gelenkt werden? Warum hat die Gewerkschaftsbank nicht in österreich-"eigene Arbeitsplätze" finanziert? Geldheilheit? Auch bei der Soz. Gewerkschaft? Na geh!
Aber Spass beiseite. Nur schimpfen auf alles, was schlecht läuft, ist auch ein Schmarrn. Denken wir mal, wie wir Politiker dazu bewegen können, obiges zu tun. Denn diese Unternehmen stellen 80% der Arbeitsplätze, wissen wir das ?
Und bitte nicht wieder "Killerfrasen!"

Re: warum?

weil die realwirtschaft keinen hund mehr hinter dem ofen hervorlockt.........wenn zocken, spekulieren und handel ohne wandel viel größere gewinne erwarten lassen?

und wieso soll der staat auf einmal arbeitsplätze schaffen?
"der staat" ist pfui, soll personla abbauen statt neu einstellen, immer schlechter zahlen, sodaß alle gescheiten zu den zockern und spekulanten wechseln, alles gehört "privatisiert"

haben sie seit schüssel nichts mehr mitbekommen? wieso kommen sie jetzt mit so "sozialistischen" und "marxistischen" forderungen?

Gast: Hudriwwudri
04.11.2011 21:05
4

Lustiger Artikel

...Fachleute veranschlagen Wahrscheinlichkeiten ....wobei 25 von 51 Fachleute erwarten eine Zinssenkung - was ja auch bedeutet, dass 26 keine Zinssenkung erwarten ....-bei soviel Unklarheit schlage ich vor in Zukunft gleich zu würfeln.....da ersparen wir uns zeit und kosten....

Ja, ja ein Gauner und Zocker traut dem Anderen nicht !!!!


Gast: Tutenchamun
04.11.2011 17:03
2

Wenn die Wirtschaft schrumpft:

Wird es die Ehrlichen erwischen oder wird es die Korrupten erwischen?
(Vielleicht könnte man eine Umfrage machen ...)

Re: Wenn die Wirtschaft schrumpft:

Umfrage für eine rhetorische Frage ? ;-)

Gast: africano
04.11.2011 17:01
2

Gibt es heuer ein trauriges Weihnachtsfest ?

So wie es zur Zeit aussieht ,stehen die Zeichen auf Sturm ,der EURO stürzt ab , Israel befindet sich im Krieg gegen den Iran und die USA zerbröckelt ???

Antworten Gast: =EHM=
04.11.2011 18:12
2

Re: Gibt es heuer ein trauriges Weihnachtsfest ?

Nein, es gibt KEIN trauriges Fest, denn

wir leben auf der Insel der Seeligen und haben noch dazu den Faynachtsmann.

Mit einem Lächeln auf den Lippen, kann NICHTS schief gehen.

Gast: Vogel Strauss
04.11.2011 17:00
2

Ja, darf denn der Herr Mersch sowas überhaupt sagen?

Hat er da die Legitimierung von seinem Chef (= Juncker) dafür? Oder wurde er von diesem vorgeschickt als Bote schlechter Nachrichten?? Alles nur Vernebelungstaktik aus der Eurogruppen-Chefregion ...

Zweimal eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent (Rezession, Zinssenkung)

ist wie: Kräht der Hahn am Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie's ist.
Die Wirtschaftspropheten machen sich langsam überflüssig.

Antworten Gast: nestbeschmutzer
05.11.2011 10:14
1

Re: Zweimal eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent (Rezession, Zinssenkung)

Da ist wohl: Wasch mir den Pelz und mach mich nicht nass" Pate gestanden. Der "Experte" hat also nun immer recht, was immer auch passiert; ich habs ja zu 50% derraten:-)))))

Re: Zweimal eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent (Rezession, Zinssenkung)

Glauben sie noch immer an die Glaskugel?
Niemand kann in die Zukunft schauen, sie nicht, ich nicht und auch andere nicht.

Re: Re: Zweimal eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent (Rezession, Zinssenkung)

Genau diese Glaskugelschauerei habe ich ja kritisiert. "Wir wissen es nicht" wäre die korrekte, aber unwissenschaftliche Antwort.

Re: Re: Re: Zweimal eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent (Rezession, Zinssenkung)

Ich weiß.
Die Antwort wäre sogar wissenschaftlich.
Nur in den Naturwissenschaften gibts einigermaßen präzise Aussagen über zukünftige Ereignisse.

Re: Re: Re: Re: Zweimal eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent (Rezession, Zinssenkung)

Da haben Sie auch wieder recht. Ich ersetze das Wort "unwissenschaftlich" hiermit durch "medial und politisch nicht akzeptiert".

Antworten Antworten Gast: Halbwissen
04.11.2011 17:13
1

Re: Re: Zweimal eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent (Rezession, Zinssenkung)

Aber mit ein bisschen Hirn kann man 2 und 2 zusammenzählen !

An der Börse ist 2 plus 2 nicht 4 sondern 5 minus 1 .
Und das minus 1 muss man aushalten ( Kostolany ).

Re: Re: Re: Zweimal eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent (Rezession, Zinssenkung)

Es kann morgen -3 oder +2 sein, hängt davon ab welche Meldungen zu welchen Strategien gebracht werden.

das kommt davon

da kann "der staat"( nämlich der normale lohnsteuerzahler) noch so viel geld in "die wirtschaft" (nämlich den handel ohne wandel) pumpen.......
- die handelskonzerne verschieben eh ihren gewinn in "freie zonen"
- die paar lastwagenfahrer (eh ausländer) und verkäuferinnen machen das kraut sowieso nicht fett, geschweige dessen wird einer mehr angestellt oder verdient mehr.
- die chinesen können noch mehr know how aus europa billigst aufkaufen
- die politiker sind zu dumm, um zu erkennen dass NICHT griechenland alleine schuld an der misere ist, sonderen ihre eigene verfehlte wirtschaftspolitik.

und den handel mit co2-zertifikaten ersparen wir uns auch, weil eh nichts mehr in europa produziert wird.

Die Politiker zu dumm?

Aber hallo!
Noch nie waren sie so mächtig wie jetzt und haben soviel Geld verdient.
Merkozy beherrschen Europa. Das hätte doch kein Präsident und Kanzler vorher jemals geschafft.
Sagen Sie mir einen (1), einen einzigen Grund, warum irgendein Politiker sich für Ihre Interessen einsetzen sollte? Er will von Ihnen gewählt werden. Ist er die Mutter Theresa?
Das ist genauso eine eigenartige Vorstellung wie die Vorstellung, dass irgendein Invenstmentbanker Ihr Geld, das Sie ihm anvertreuen aus Nächstenliebe vermehren wird. Er gibt Ihnen gerade soviel, dass Sie ihm nicht den Schädel einschlagen und den Rest legt er doch für sich an.
Den Politikern und den Investmentbankern gehts zur Zeit ausgezeichnet. Die Politiker werden auch im Fall eines Wirtschaftszusammenbruchs ihr Haus, ihr Auto und genug zum Essen haben.
Eine irrwitzige Vorstellung: Anders als Straßenbahnschaffner, Rechtsanwälte, Fleischhauer, Piloten, Programmierer, Billa-VerkäuferInnen arbeiten Politiker für andere Menschen.
Selten so gelacht!
Dumm sind im Gegenteil diejenigen, die so etwas glauben.

 
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