Bonität gefährdet? „Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

11.11.2011 | 18:30 |  UNSEREM MITARBEITER FELIX LILL (Die Presse)

ÖVP-Chef Spindelegger plauderte mit Studenten in London über die Schuldenkrise. Wie der Report des Internationalen Währungsfonds befände, habe Österreich bisher gut durch die Krise gefunden.

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London. Er begann, ein wenig vorsichtig, mit den guten Nachrichten. Wie der Report des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom 6. September befände, habe Österreich bisher gut durch die Krise gefunden. Die Wirtschaft erholt sich, privater Konsum und Beschäftigung sind vergleichsweise stabil geblieben, unter anderem dank der Nachfrage aus Deutschland.

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Doch schon bald wurde es etwas weniger positiv: Die Reduktion des hohen Schuldenbergs von 74 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und des zuletzt ausgeuferten Haushaltsdefizits sei nicht gerade einfach, angesichts des trüben Wirtschaftsausblicks für 2012. Passend hieß der Rahmen, in dem Michael Spindelegger am Donnerstag vor Besuchern und Studenten der London School of Economics (LSE) sprach, „Crisis in the EU and Eurozone – Austria's response.“

Seine Antworten auf Österreichs und Europas Schuldenkrise entnahm Spindelegger vor allem den Empfehlungen von OECD, des IWF und der Europäischen Kommission: strukturelle Reformen beim Pensionseintrittsalter, den öffentlichen Zuschüssen und im Gesundheitssektor. „Mit ökonomischer Erholung und einer Kombination aus Steuererhöhungen und Ausgabensenkungen werden wir das Defizit mittelfristig um die zwei Prozent senken“, verkündete Spindelegger den etwa 80 Anwesenden in dem kleinen Hörsaal auf dem Londoner Campus.

 

Mehr Europa und Osterweiterung

Er forderte zudem „more Europe“, und zwar in Form einer fiskalischen Union und sprach sich für eine weitergehende EU-Osterweiterung aus. „Ganz oben auf der Agenda“ müsse aber die Konsolidierung des Haushalts stehen. Bei der anschließenden Diskussion widersprach dem ÖVP-Politiker zumindest in diesem letzten Punkt niemand.

Die gefährdete Triple-A-Bonität Österreichs erwähnte Spindelegger in seinem Vortrag dabei nicht von sich aus. Erst auf Nachfrage sagte der Vizekanzler zur „Presse“, „dass es jetzt darum geht, ein Zeichen zu setzen und den Finanzmärkten zu zeigen, dass wir die Lage erkannt haben“. In den nächsten Wochen wird die Ratingagentur Moody's Österreich unter die Lupe nehmen. Auf die Frage, ob ihm bange vor dem Ergebnis sei, antwortete Spindelegger: „Man weiß nie, wir haben ja keinen Einfluss darauf.“

Aber die Weichen müsse man stellen, etwa durch eine in der Verfassung verankerte Schuldenbremse, über die ÖVP und SPÖ derzeit wie berichtet heftig diskutieren. Spindelegger möchte ein oberes Limit für Staatsschulden von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ab 2020 in die Verfassung schreiben. Für die Defizitreduktion solle vor allem das Pensionseintrittsalter im öffentlichen Sektor angehoben, Subventionen gekürzt und Ausgaben im Gesundheitssektor gesenkt werden.

Direkt nach der Veranstaltung eilte Spindelegger mit einer Delegation in die Downing Street Nummer 10, um den britischen Premier David Cameron zu treffen. Regelmäßig tragen österreichische Politiker an der renommierten LSE vor, wo auch der österreichische Nobelpreisträger August Friedrich von Hayek sowie der Philosoph Karl Popper lehrten.

Die „LSE Austrian Society“, die die Serie organisiert und Österreich an der Hochschule präsentiert, hat zuvor auch den ehemaligen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und den UN-Botschafter Thomas Mayr-Harting als Vortragende eingeladen. „Unsere Events besuchen die verschiedensten in England lebenden Österreicher“, sagt Georg Krasser aus Graz, der der Austrian Society vorsteht. Tickets für die Veranstaltungen seien meistens binnen einiger Stunden vergriffen.

 

„Tragedy“ statt „strategy“

Die meisten Zuhörer, wie auch beim Vortrag diesen Donnerstag, speisen sich aus den derzeit rund 40 österreichischen LSE-Studenten und weiteren Österreichern in London. Knapp die Hälfte kommt aus anderen Ländern. Gesprochen wird Englisch.

Das tat auch Michael Spindelegger, der, abgesehen von seinem österreichischen Akzent, in exzellentem Englisch vortrug. Nur einmal versprach sich der Vizekanzler, nämlich als er für Europas Schuldenkrise einen langfristigen Lösungsansatz forderte: „We need a long-term tragedy“, was übersetzt soviel heißt wie: „Wir brauchen eine langfristige Tragödie.“ Eigentlich hätte Spindelegger „strategy“ sagen wollen, sofort wurde im Hörsaal getuschelt: ein Freud'scher Versprecher sei das gewesen.

Auf einen Blick

Michael Spindelegger hat an der London School of Economics einen Vortrag über die europäische Schuldenkrise gehalten. Dabei sprach der Vizekanzler unter anderem über Einsparungen und den anstehenden Besuch der Agentur Moody's in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)

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13 Kommentare
Gast: DI
14.11.2011 08:52
0

Keinen Einfluss?

Wie wäre es mit den längst fälligen Reformen? Muss der einfache Mann einen ÖVP-Politiker sagen in welche Richtung es gehen muss? Muss von Unfähigkeit gesprochen werden?

ein mix aus steuererhöhungen ...

was ist mit der verwaltungsreform ?
was mit der letzten pensionsreform die bei gr. teilen der beamtenschaft noch immer nicht erfolgt ist ?
weniger leistung, mehr steuern und dann haben wir nur 2% weniger defizit ? - allein die verwaltungsreform muss es auf null bringen ! aber davon will er nichts wissen, weil dann die pöstchen für die herrschende politikerkaste verloren gehen - aber das volk soll zahlen !
a longterm tragedy !

Gast: praterstern
12.11.2011 14:42
0

Verwaltungsreform??

Das Defizit mittelfristig um die 2% senken...lächerlich. Das Wort Verwaltungsreform kommt in Spindeleggers Maßnehmenkatalog leider wieder einmal nicht vor. Dafür aber Einsparungen im Gesundheitsbereich, also beim Bürger direkt. Bravo, Herr Spindelegger!

„Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

Leider zum Teil richtig. Aber eben nur zum Teil. Konsolidierung etc.. ist klar, das weiß jedes Milchmädchen, aber genügt das diesen dubiosen, von Amerika gesteuerten Ratingagenturen? Wohl kaum. Da diese nicht offenlegen müssen, wie sie zu ihrem Urteil kommen, ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Amerika hat beschlossen, den Euro zu killen, ist er doch eine Konkurrenz für die Leitwährung Dollar. Amerikas Wirtschaft ist im Keller, die Schulden betragen 100%, aber wo ist die nächste Abstufung in die Nähe von Ramsch? Kann und wird nie sein!

Also weg mit diesem Ratingsystem für Staaten, die dadurch der politischen Macht der Banken hilflos ausgeliefert sind. Oder/Und Kontrolle (bis Verbot) der Heißluftspekulationen dieser Institute!

Durch diese ganzen "Rettungspakete" für Banken übernehmen die Staaten (die Steuerzahler) Haftungen und pumpen so wiederum Geld in diesen grauen Spekulationsmarkt, der noch immer wuchert, obwohl: Lehmann und Co....

Ja, noch eine Frage: Wo ist das Geld, das angeblich verspekuliert wurde, aufgelöst hat es sich nicht, irgendwo muss es sein - vielleicht Grand Cayman, Kolumbien, Sizilien, Russland oder so? Wer hat eine Idee?

Antworten Gast: Halbwissen
12.11.2011 10:42
0

Re: „Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

Wo ist das Geld ?

Der Großteil des Geldes ging an die Bauarbeiter in USA, Dubai und überall wo sonst noch gebaut wurde.

Und die haben es dann ausgegeben.
Jetzt haben es zum Großteil die Unternehmen.
Sehen Sie sich doch die Milliarden Cashbestände der großen Unternehmen einmal an.
Alleine Apple hat über 50 Milliarden Dollar.

Re: Re: „Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

Gut, da haben Sie teilweise Recht, doch wenn das so wäre, gäbe es ja keine Krise, das Geld wäre weiter im Umlauf und vorhanden. Aber wo sind die Luftspekulationsgewinn, die in keiner Weise in konkrete Projekte umgesetzt wurden, sondern lediglich Spielgeld waren? Die müssen in dunklen Kanälen verschwunden und so der "normalen" Wirtschaft unzugänglich sein.

Re: Re: Re: „Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

98 % des geldes der 1 % sind hier:

"Inzwischen summiert sich der Derivatenmarkt auf die unvorstellbare Summe von 610 Billionen Euro und übertrifft damit die globale Realwirtschaft um das 17-fache."

http://www.kapitalismuskongress2009.dgb.de/news/008/

Antworten Antworten Antworten Gast: Halbwissen
12.11.2011 12:46
0

Re: Re: Re: „Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

Also das Geld der Firmen ist nicht im Umlauf, sondern wird gehortet ( über Banken bei den Zentralbanken eingelagert ) bis....?!

Und die Luftspekulationsgewinne haben sich abzüglich Boni in Luft aufgelöst, da sie ja niemals Real waren, sondern eben nur auf dem Papier existierten.

Beispiel:
Von einer AG gibt es 1000 Aktien zum Preis 100 Euro macht 100.000 Euro.
Nur wegen der Zuversicht wird am nächsten Tag 1 einzige Aktie zu 110 Euro an jemanden verkauft und die AG ist demnach 110.000 Euro wert.
Dies macht einen Papiergewinn von 10.000 Euro.
Am darauf folgendem Tag will sich ein Aktionär einen Anzug kaufen und verkauft 2 Aktien weil sich niemand für einen guten Preis findet um 95 Euro.
Jetzt ist die AG nur noch 95.000 Euro wert und aus einem Luftgewinn von 10.000 Euro wurde ein Scheinverlust von 5.000 Euro.
Wenn die Aktionäre jetzt Geld brauchen wird der Verlust real.



Re: Re: Re: Re: „Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

Ganz so einfach ist das nicht. Zunähst steht dem Gewinn (nach Ihrem Beispiel) ein Verlust gegenüber, der solange nicht realisiert (durch Verkauf) buchmäßig zwar existiert, aber mit dem Gewinn saldiert wird.

... gehortet, na ja, die wären schön dumm das zu tun. Die machen weitere Geschäfte damit, also ist das Geld wieder im Umlauf, solange Realgeschäfte dahinter stehen.

Aber ein eher realistisches Beispiel:
A kauft einen Öltanker um 100,00, während der Fahrt verkauft er ihn um 120,00 an B, der wiederum an C um 150,00, der allerdings zum Schluss an D um sagen wir einmal wieder 100,00. Dann hat zwar D Verluste gebaut, A,B und C aber die selbe Summe Gewinn.

Über einen längeren Zeitraum betrachtet war es auch so, den letzten beißen die Hunde, nur wo ist das Geld der Gewinner?

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: writer_49
12.11.2011 19:00
0

Re: Re: Re: Re: Re: „Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

Also... jede Hausfrau ohne besondere Ausbildung weiß, dass sie nur das Geld ausgeben darf welches sie mtl. zur Verfügung hat. Gibt sie mehr aus hat sie nächstes Monat weniger. So einfach ist das! Scheinbar wissen das unsere Politiker nicht.
Ich würde ein Gesetz über die Einhaltung eines Haushaltsbudget verabschieden, dass jede regierende Partei ZWINGt dieses einzuhalten.
Soviel zum Thema keinen Einfluß - so dämlich kann ja niemand sein....

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Halbwissen
12.11.2011 17:25
0

Re: Re: Re: Re: Re: „Darauf haben wir ja keinen Einfluss“

Also bei ihrem Beispiel hat C einen Verlust von 50 und D einen Öltanker wo wir nicht wissen was er wirklich wert ist. Möglicherweise sogar mehr als 100. Vielleicht aber auch gar nichts.

Wieso steht dem Gewinn ein Verlust gegenüber ?

Die Unternehmer sind dumm oder auch nicht, aber vor allem haben sie Angst. Eine riesen große Angst.

"long-term tragedy"


GroKo

„Darauf haben wir ja keinen Einfluss“ !!!

Aha. Wer sonst, wenn nicht der Schuldner durch sein Verhalten? (Er redet von Bonität)

Erinnern Sie sich noch:
Das war einmal eine "Wirtschaftspartei"

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