EZB-Chef Draghi: Finanzstabilität Europas in Gefahr

Die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs europäischer Großbanken sei zuletzt gestiegen, warnt die Europäische Zentralbank. 2012 werde ein schwieriges Jahr für Banken.

Mario Draghi
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(c) AP (Virginia Mayo)

Wien/Ag./red. Der Chef der Europäischen Zentralbank war am Montag um dramatische Worte nicht verlegen: Die Banken im Euroraum würden 2012 in ein schwieriges Fahrwasser geraten. Besonders im ersten Quartal „wird es bei der Refinanzierung eng werden“, warnte Mario Draghi vor dem Wirtschafts-und Währungsausschuss des europäischen Parlaments.

Doch das ist nur ein Teil der Hiobsbotschaft. Denn die EZB weist in ihrem Halbjahresbericht zur Finanzstabilität auf die Gefahr hin, dass die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs von Großbanken zuletzt gestiegen sei. „Die Risiken für die Finanzstabilität der Eurozone haben in der zweiten Jahreshälfte 2011 beträchtlich zugenommen.“ Die Stabilität des Finanzsystems der Währungsunion sei insgesamt in Gefahr.

Die europäischen Geldhäuser müssen bis Ende Juni des kommenden Jahres ihre Kernkapitalquote auf neun Prozent erhöhen. Das hat die Europäische Bankenaufsicht (EBA) beschlossen. Für die meisten Institute bedeutet dies, dass sie sich Geld beschaffen müssen, um die Vorgaben auch zu erfüllen. Fast alle Banken der Eurozone sind von Refinanzierungsengepässen betroffen, sagt Draghi. In Österreich zählt die Raiffeisen Zentralbank zu jenen Instituten, die Geld benötigen (siehe Bericht unten). Allerdings ist der Kapitalbedarf der Bank höher als der anderer heimischer Institute.

Die europäischen Banken versuchen die Vorgaben der EBA auf verschiedenen Weise zu erfüllen. Die Banken stehen dabei vor einem doppelten Problem. Zum einem müssen sie den jüngst veröffentlichten Richtlinien Rechnung tragen. Zum anderen werden allein im ersten Quartal des kommenden Jahres Bankanleihen im Volumen von rund 230 Mrd. Euro fällig. Das bedeutet, dass die Banken ihren Gläubigern jenes Geld zurückzahlen müssen, dass diese ihnen einst geliehen hatten. „Der Druck an den Bondmärkten wird wirklich sehr, sehr spürbar, wenn nicht gar beispiellos werden“, sagt Draghi.

In dem selben Zeitraum müssen nämlich auch noch Staatsanleihen im Umfang von 250 bis 300 Mrd. Euro bedient werden. Banken sind neben Versicherern unter anderem Käufer staatlicher Schuldverschreibungen. Zuletzt hatte sie das in die Bredouille gebracht, weil Wertberichtigungen auf griechische Anleihen vorgenommen wurden.

Angst vor einer Kreditklemme

Die EZB hat auch Angst davor, dass Banken künftig mit Krediten geizen – und warnt vor einer Kreditklemme. Um einer solchen vorzubeugen, wird die EZB erstmals Liquidität mit einer Laufzeit von drei Jahren zur Verfügung stellen. Diesen Mittwoch sollen Kreditlinien dieser Art aufgelegt werden. Zugleich müssen die Banken weniger Geld als Sicherheit hinterlegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20. Dezember 2011)

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