Deutschland verdient Geld beim Schuldenmachen

09.01.2012 | 16:33 |   (DiePresse.com)

Bei der Versteigerung von Geldmarktpapieren mit einer Laufzeit von sechs Monaten lag die durchschnittliche Rendite bei minus 0,0122 Prozent.

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Dem deutschen Staat gelingt derzeit ein Kunststück: Er verdient Geld beim Schuldenmachen. Der deutsche Bund sammelte am Montag 3,9 Milliarden Euro bei Anlegern ein. Anders als üblich musste er die Investoren dafür für ein Halbjahres-Papier nicht mit Zinsen belohnen, sondern streicht eine Prämie von rund 242.000 Euro von den Anlegern ein. Deutschland profitiert damit von der Schuldenkrise, deretwegen Investoren auf der Suche nach sicheren Anlagen auf Rendite verzichten.

Bei einer Auktion von Geldmarktpapieren platzierte der Bund 3,9 Millilarden Euro Sechsmonatspapiere zu einem Durchschnittszins von minus 0,0122 Prozent. Damit wurde erstmals eine negative Rendite mit der Emission derartiger deutscher Geldmarktpapiere erzielt.

"Das hat es noch nie gegeben"

"Das hat es bisher noch nie gegeben", sagte ein Sprecher der mit dem Schuldenmanagement betrauten Finanzagentur am Montag. "Die Anleger bezahlen eine gewisse Prämie dafür, dass sie dem deutschen Staat Geld leihen." Im Dezember gab es noch einen Mini-Zins von plus 0,001 Prozent. Zum Vergleich: Vor Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 lag er bei über 3 Prozent. Dennoch war die Nachfrage robust: Die Anleger gaben Gebote über 7 Milliarden Euro ab, womit die Auktion 1,8-fach überzeichnet war, nach 3,8-fach im Dezember.

Dass der Bund Geld mittlerweile zu kaum schlagbar günstigen Konditionen einsammeln kann, sei ein klares Bekenntnis von Investoren zum "sicheren Hafen" deutscher Staatstitel, sagten Händler. Nach einer verpatzten Anleihenauktion im November 2011 waren zwischenzeitlich Zweifel angekommen, ob die Finanzmärkte dem bisherigen Stabilitätsanker der Euro-Zone weiter vertrauen. Damals war der Bund auf rund einem Drittel seiner angebotenen Papiere sitzengeblieben: Analysten warnten, die Schuldenkrise könnte auf die letzte Bastille Kerneuropas übergreifen.

Diese Befürchtungen scheinen inzwischen vom Tisch. Allerdings dokumentiert der Negativzins bei der jüngsten Bund-Auktion auch die verzweifelte Suche nach vergleichsweise unriskanten Investitionen in Zeiten erhöhter Nervosität und ist damit ein Krisenindikator. Auch die Niederlande mussten zuletzt ihren Gläubigern teilweise keine Zinsen zahlen, wie "DiePresse.com" berichtete. Bei einer Versteigerung von Geldmarktpapieren Anfang Jänner mit einer Laufzeit von drei Monaten lag die Rendite bei 0,0 Prozent. Und in Dänemark kam es bereits zu Auktionen mit negativen Zinsen.

Hoffen auf steigende Renditen

Die Anleger müssen damit aber kein Geld verlieren: Die Papiere können in den kommenden sechs Monaten an der Börse gehandelt werden. Sie können dabei auf steigende Renditen hoffen. "Geld wird in Deutschland geparkt, weil es innerhalb der Euro-Zone derzeit der sicherste Platz ist", sagte ING-Analystin Emelia Sithole-Matarise.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble spart dadurch viel Geld. Mehr als 35 Milliarden Euro muss der Bund nach bisherigen Planungen in diesem Jahr an Zinsausgaben für seinen auf weit mehr als eine Billion Euro angewachsenen Schuldenberg leisten. Nach Arbeit & Soziales sind die Zinsen der größte Ausgabenposten in dem gut 300 Milliarden Euro schweren deutschen Bundesbudget.

"Wird ein temporäres Ereignis bleiben"

Allerdings rechnet die Finanzagentur nicht damit, dass der Bund künftig regelmäßig Geld geschenkt bekommt. "Das wird nicht von Dauer sein, sondern ein temporäres Ereignis bleiben", sagte der Sprecher der Finanzagentur. Dass ein Staat mit der Schuldenaufnahme Geld verdient, war auch schon in anderen Ländern beobachtet worden - zuletzt in Dänemark. Dort lag die Rendite bei einer Versteigerung Ende Dezember ebenfalls im negativen Bereich.

Deutsche Bundes-Papiere zählen zu den ausfallsicheren Anlagen, weil die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Pleite Deutschlands und damit eines Zahlungsausfalls bei null liegt. "Die Suche nach Qualität spielt eine große Rolle", sagte der Sprecher der Finanzagentur. Während hoch verschuldete Länder wie Italien und Spanien enorme Risikoaufschläge bezahlen müssen, sind die Zinsen für deutsche Anleihen in allen Laufzeiten gefallen. Deutschland profitierte bereits 2011 von seinem Status als sicherer Hafen. Anleger waren bereit, einen Zinsabschlag zu gewähren.

Banken parken immer mehr Geld bei EZB

Das weiter vorherrschende Misstrauen an den Finanzmärkten zeigt sich auch bei einem anderen "Angst-Indikator". Die "Vorsichtskasse" der Banken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist am Montag zum zweiten Mal in Folge auf den höchsten Stand seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 gestiegen. Die Einlagen über Nacht lagen bei 463,57 Milliarden Euro, teilte die EZB am Montag in Frankfurt mit. Erst am Freitag hatten sie den bisherigen Rekord von 455,3 Milliarden Euro erreicht.

Die eintägigen Ausleihungen der Banken bei der EZB gingen hingegen erneut merklich zurück. Sie fielen von 1,9 auf 1,4 Milliarden Euro. Zum Jahresende 2011 hatte der Wert bei 17,3 Milliarden Euro den höchsten Wert seit zwei Jahren erreicht.

Die eintägigen Einlagen und Ausleihungen der Banken bei der EZB gelten als Zeichen für das Misstrauen der Institute untereinander. Normalerweise greifen Banken der Eurozone kaum auf diese sehr kurzfristigen Geschäfte mit der Notenbank zurück, da die Konditionen vergleichsweise ungünstig sind. Ende 2011 hatte die EZB über einen Dreijahreskredit ein Volumen von fast 500 Milliarden Euro an Banken der Eurozone ausgereicht. Nach Einschätzung von Experten wird ein Großteil dieses Geldes nun über Nacht bei der EZB geparkt.

(Ag.)

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29 Kommentare
 
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Das ist eine Blase

Eine Blase erkennt man, wenn Dinge irreal bewertet werden.

http://ausserdem.info/2011/Das_kommende_Platzen_der_Staatsanleihen-Blase

Negativzinsen sind so eine irreale Bewertung.

Re: Das ist eine Blase

ausser, die schweiz macht das, stimmts?

beweis

ist wohl ein guter beweis, dass die politik in DE am richtigen weg ist.

Antworten Gast: Halbwissen
09.01.2012 19:38
0

Re: beweis

Oder der Gegenbeweis !

Die Sparpolitik ( der Deutschen ) fährt doch die Wirtschaft der EU an die Wand.
Alle flüchten in die vermeindliche Sicherheit.

Re: Re: beweis

i glaub nicht, dass dies mit sparen zutun hat. eher mit vertrauen in die wirtschaft (und politik).

Antworten Antworten Antworten Gast: Halbwissen
09.01.2012 23:43
0

Re: Re: Re: beweis

Gut möglich !

Sie sollten aber auch die andere Möglichkeit in betracht ziehen..

...wie soll bei ...

...negativen realzinsen ein positiverertrag überbleiben?

dann wäre vielleicht eine alternative in sich selber oder in das eigene unternehmen zu investieren?

Unternehmertum als Lebensphilosophie
http://www.diary-of-a-future-millionaire.blogspot.com

Antworten Gast: Halbwissen
09.01.2012 19:39
0

Re: ...wie soll bei ...

Wer am wenigsten verliert gewinnt !?

Re: ...wie soll bei ...

Weiterverkauf am Sekundärmarkt.

Re: ...wie soll bei ...

Es geht hierbei wohl eher um Sicherheit als um Ertrag. Lieber z.B. 10 Millionen in dänische/deutsche/niederländische Anleihen anlegen und 9,99 Millionen zurück bekommen als sie in italienische Papiere zu stecken und mit etwas Pech nur noch die Hälfte oder gar nichts mehr bekommen. ;)

Antworten Antworten Gast: Analyst 829
09.01.2012 17:51
0

Re: Re: ...wie soll bei ...

Da kann man sich den Aufwand aber sparen und gleich im Bargeld bleiben.

Möglich ist Rendite über den Sekundärmarkt, wenn die Käufer Menschen finden, die aus irgend einem Grund einen Kursaufschlag auf diese Papiere akzeptieren.

Aber offen gesagt wundern mich Bankenkonkurse überhaupt nicht mehr, wenn Banken solche Geschäfte machen. Denn gratis borgen Sparer Banken auch kein Geld und somit wird die Sache wohl nur Ertrag abwerfen, wenn man ganz seltsame Investoren findet, die einen Kursaufschlag auf Staatsanleihen mit negativen Renditen akzeptieren, weil sie schlicht keinen Platz mehr im Tresor haben um weitere Banknoten unterzubringen und die Anleger größere Angst vor Bankenzusammenbrüchen haben als vor Staatsbankrotten und daher das Geld nicht auf ein Sparbuch legen.

Dann gibt es noch eine Erklärung. Der Euro könnte extrem unterbewertet sein und in manchen Ländern darf man nicht beliebig Devisen horten. Z. B. Eigene Wähung verkaufen und irgend etwas, das man notfalls leicht zu Euro wandeln kann, kaufen ist aber erlaubt.

An sich sind aber negative Renditen bei Staatsanleihen immer schwer erklärbar. Aber entscheidend ist der Nutzen für den Kunden. Zu Beginn des Bankwesens mussten bekanntlich auch die Kunden ZAHLEN, damit ihnen jemand das Geld aufhebt. Erst später kam man auf die Idee das Geld, das gerade nicht gebraucht wird, weiterzuverleihen und von denen die Zinsen zu kassieren, die das Geld borgen.

Re: Re: Re: ...wie soll bei ...

"die Anleger größere Angst vor Bankenzusammenbrüchen haben als vor Staatsbankrotten"
ja und nein
Kapitalflucht von Italien nach Deutschland (!) der letzten 3 Monate ca € 140 Milliarden
von Frankreich nach D von August/September ca. € 90 Milliarden
das Großkapital vertraut nicht nur den eigenen Banken nicht, sondern rechnen mit eventuellen Bankrotts der eigenen Staaten

Antworten Antworten Antworten Gast: Halbwissen
09.01.2012 19:25
0

Re: Re: Re: ...wie soll bei ...

Was soll eine Firma wie Microsoft mit den Euromilliarden die sie nicht hin und herwechseln wollen sonst machen ?

Auch...

...Dänemark hatte laut Financial Times Deutschland letztens eine "negative Rendite" zu zahlen. ;)
Sicherheit kostet eben. ;)

Antworten Gast: Bobby
09.01.2012 18:39
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Sicherheit"?

Soweit ich weiß, wurde das im Zusammenhang mit den Rettungspakten ausgearbeitet. Staatsanleihen sind sicher (Paradox, weil deswegen ja gerade die Krise entstand).
Banken Fonds Versicherungen etc müssen die Papiere Kaufen.

Interessant ist noch zu erwähnen, dass gleichzeitig der Garantiezinssatz für Lebensversicherungen von der Regierung festgesetzt wurde, und zwar stark nach unten.

Man agiert ein wenig geschickter, als so mancher ungern gesehener Premier in Europa.

Gast: Wetterhahn
09.01.2012 15:12
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Jeder Bauer weiss, dass er fuer den Erhalt

der Ernte Vorsorge treffen muss damit diese nicht verdirbt und das kostet eben Geld.

Das ist beim Waehrungen an sich auch nicht anders.

Die positiven Zinsen waren von Anfang an ein Denkfehler der Gesellschaft.

Die positiven Zinsen waren von Anfang an ein Denkfehler der Gesellschaft

Negativzinsen wären zumindest ein formidabler Kulturschock;-)
Spannend ist das Thema allemal - nur wie motiviert der Hausbauer dabei die Bank dazu, ihm Kredit zu geben?

Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

Warum das Geld nicht einfach in Cash halten? Das brächte eine höhere Rendite.

Oder glauben die nicht mehr an die Sicherheit von Cash-Beständen?
Oder ist die Qualität des Schuldners maßgebend?
Oder sehen die schon eine Deflation voraus ?

Wird spannend.

Re: Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

dann gehens mal zur bank und machen ein sparbuch über 1mrd auf.

Re: Re: Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

Firmen halten oft Cash-Bestände von mehreren Milliarden.

Re: Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

Meine persönliche Erklärung ist: Angebot/Nachfrage mit einer grossen Portion Psychologie plus Gesetzgebung/Richtlinien.
Die weltweit bestehenden "Geldbestände" sind durch den Zinseszinseffekt immens hoch geworden. Winziges Beispiel AT: Unsere Sparquote liegt bei ca. 8%, d.h. ca 1/12 der laufenden Einkommen wird irgendwo angespart. Über Jahrzehnte kommt da schon was zusammen. Dieses Geld muss andauernd investiert werden, d.h. Geld wird "billiger".

Hinzu kommt, dass institutionelle Anleger einen Teil des Volumens in AAA-Anleihen investieren *müssen*. Und DE ist da nunmal erste Anlaufstelle.
Die Psychologie kommt bei den (grade am Finanzsektor üblichen) Übertreibungen ins Spiel. Der Preis steigt und der Trendfolger macht seinem Namen alle Ehre.

Re: Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

Dachte immer ich würde etwas von Finanz- und Volkswirtschaft verstehen, aber das........überfordert mich völlig, versteh auch nicht einmal ansatzweise, wie da eine positive Rendite (durch Handel an der Börse in den nächsten 6 Monaten, wie das im Artikel steht) herauskommen soll.

Kann nur so sein, dass diejenigen Investoren den total Absturz in den nächsten Monaten erwarten und es als sicherer ansehen, ihr EUR beim Staat geparkt zu haben, als auf der Bank, selbst wenn es die Deutsche Bank ist.

Sonst hab ich gar keine Idee, vielleicht gibt es ja schlaue Leute im Forum, die mich erhellen können.

Antworten Antworten Gast: Halbwissen
09.01.2012 19:35
0

Re: Re: Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

Jetzt wissen Sie, wieso mein Name Halbwissen ist !

Antworten Antworten Gast: Analyst 829
09.01.2012 15:36
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Re: Re: Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

Mich verwundern auch immer wieder negative Renditen im Geldmarkt, aber die Spekulation auf noch negativere Zinsen kann natürlich zu einem Kursanstieg führen und so könnte sich über die Börse ein Gewinn ausgehen!

Nur frage ich mich schon, warum man nicht gleich Bargeld hält, noch dazu wo doch die EZB nicht nur unsere gewöhnlichen Banknoten entwickelt hat, sondern auch diebstahlsichere Banknoten, die aus zwei Lagen Kletthaftpapier bzw. einer Kletthaftfolie bestehen.

Die kann man im getrennten Zustand sicher vor Dieben aufbewahren und man muss nicht das Risiko eines Staatsbankrottes auf sich nehmen und dafür auch noch bezahlen.

Zu hoffen, dass man an der Börse noch seltsamere Tyen findet, die noch negativere Renditen akzeptieren müssen, da ihre Tresore zu voll mit Geldbündel gestopft sind, ist schon eine fragwürdige Strategie.

Man darf aber nicht vergessen, dass die Aufbewahrung von Geld derzeit noch riskant und teuer ist, da die EZB die diebstahlsicheren Banknoten zurückhält. Diese zerlegbaren Banknoten wären auch eine Konkurrenz für Bitcoins, die im Prinzip genauso aufgebaut sind und eben sicher weitergegeben werden können über den Postweg. Bitcoins sind im Prinzip auch zerlegbare Banknoten, die ohne Konten sicher weitergeleitet werden können.

Bitcoins sind extrem knapp und diebstahlsichere Banknoten werden überhaupt zurückgehalten, somit kostet das Aufbewahren von Bargeld Tresorraum und der ist teuer und somit rechnet sich sogar negative Rendite.

Re: Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

Cash, inkl. Konten und "sparbücher", ist die Form, welche bei Problemen (von Inflation bis Crash) sofort und immer verliert.

Über alles andere kann man, auch später, über neue Preise, je nachdem was "Cash" dann Wert sein wird, verhandeln.

Antworten Antworten Gast: Gast2
09.01.2012 15:44
0

Re: Re: Welche Motivation können solche Anleger bloß haben?

Deutschland leiht in €

auch die Bundesanleihen sind von Inflation betroffen

 
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