Wien/Dowjones/Stef. Nach Einschätzung des EU-Botschafters in China könnte das asiatische Land schon heuer der größte Absatzmarkt für Produkte aus der EU werden. „Es gibt Anzeichen dafür“, zitiert die Nachrichtenagentur Dow Jones den Deutschen Markus Ederer, der in Peking als diplomatischer Vertreter für die EU tätig ist.
In welchen Bereichen die zweitgrößte Volkswirtschaft künftig deutlich mehr Produkte aus der EU kaufen werde, führte der Diplomat nicht aus. Er wies bloß darauf hin, dass die Ausfuhren in die Volksrepublik schon heuer deutlich stärker zulegen werden als die Einfuhren chinesischer Produkte in die EU.
Tatsächlich sind die Vereinigten Staaten bislang der mit Abstand wichtigste Zielmarkt europäischer Exporteure. 2010 führten die 27 EU-Länder Waren im Wert von 242Mrd. Euro in die USA aus. Das entspricht 18Prozent der gesamten Exporte. Zum Vergleich: China kaufte Produkte aus der EU im Wert von 113Mrd. Euro oder 8,4Prozent der gesamten Ausfuhren. Als weitere wichtige Abnehmer von Waren aus der EU folgen die Schweiz (7,8Prozent der Ausfuhren), Russland (6,4Prozent) sowie die Türkei (4,5 Prozent).
EU als Motor für Chinas Wachstum
Im Gegensatz zu den Exporten aus der EU rangiert China bei den Warenlieferungen in die EU bereits als Nummer eins. 2010 führten die EU-Mitglieder Güter im Wert von 281,9Mrd. Euro aus der Volksrepublik ein. „Der offene europäische Markt trägt entscheidend zu dem exportorientierten Wachstum Chinas bei“, ist auf der Seite der Europäischen Kommission zu lesen.
Doch eine rein exportorientierte Wirtschaft ist nicht bloß ein Segen. Nicht zuletzt wegen der Eurokrise und des damit verbundenen Konjunkturrückgangs in Europa fürchtet das chinesische Regime, dass auch der Wachstumsmotor im Reich der Mitte ins Stocken kommen könnte. Erst kürzlich stellte Peking deshalb eine Initiative zur Anregung des heimischen Konsums vor. Ein wesentlicher Teil davon ist die Verpflichtung der Banken, Kredite günstig zu vergeben – was wiederum die Angst vor einer „Blase“ auf dem Immobilienmarkt nährt. So führt der Internationale Währungsfonds in einer jüngst vorgestellten Studie das Platzen einer „Blase“ auf dem Häusermarkt als größtes Risiko für die chinesische Wirtschaft an.
Darauf, dass die Prognose des EU-Botschafters aufgeht, wonach China schon heuer der wichtigste Absatzmarkt für die EU werde, deuten auch die vorläufigen Zahlen für 2011 nicht hin. In den ersten drei Quartalen (die Ganzjahreszahlen liegen noch nicht vor) exportierte die EU Waren im Wert von 192Mrd. Euro in die USA, um 92Prozent mehr als nach China. Seine Stellung als wichtigster Lieferant für die EU konnte China in den ersten drei Quartalen hingegen untermauern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)
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