Wien/Jil. Was hat Amazon vor? Ein Bericht des Blogs „Good E-Reader“ beschäftigt derzeit amerikanische Online-Medien. Laut „Good E-Reader“ will nämlich die weltgrößte Online-Handelskette nun auch die Straßen der Städte mit eigenen Geschäften erobern. Zumindest soll bald ein Pilotprojekt in Seattle gestartet werden, wo Amazon seinen Hauptsitz hat. Gerüchte über Offline-Pläne des riesigen Versandhandels gab es zwar schon früher, aber noch nie sind so viele Details durchgedrungen. Und noch nie wäre der Schritt auf die Straße so sinnvoll gewesen für Amazon.
Zurück zu Buch-Wurzeln?
Das Unternehmen verkauft heute nicht nur Bücher, sondern auch Elektronikartikel, Bekleidung und sogar Möbel. Die Frage ist also: Plant Amazon einen Buchladen, ein ganzes Kaufhaus oder ganz etwas anderes? Laut „Good E-Reader“ darf man von Amazon durchaus Innovationen erwarten.
Der erste Shop in Seattle, der noch dieses Jahr eröffnet werden soll, wird den Weg weisen. Vieles deutet darauf hin, dass Amazon zu seinen Buch-Wurzeln zurückkehren – und dabei mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen will. Seit die Firma mit ihren Kindle-Geräten auch E-Reader beziehungsweise Tablet-PCs anbietet, hat man sich neue Feinde geschaffen.
Bei Tablets ist der direkte Gegner Amazons natürlich Apple mit seinem iPad. Die Firma mit dem Apfel verfügt bereits über ein dichtes Ladennetzwerk. Die Apple-Shops tragen zur Markenbildung und zur Kundenbindung bei. Außerdem bilden sich bei der Einführung neuer Produkte oft lange Schlangen vor den Shops – was Apple tolle Bilder von seinen Fans liefert, die man zu Marketingzwecken ausschlachten kann. All das fehlt Amazon noch. Imagefragen dürften überhaupt eine große Rolle in Amazons Offline-Plänen spielen. Die beeindruckende weltweite Logistik hinter dem Online-Shop ist zwar das Herzstück des Unternehmens, sorgt aber nicht für ein herzerwärmendes Image.
Apple verfügt über eigene Abteilungen in den Filialen großer Ketten wie Target oder Mediamarkt in Europa. Auch das fehlt Amazon. Die Kindle-Geräte werden zwar von Elektronikketten angeboten. Aber anders als beim direkten Konkurrenten Barnes & Noble kann der Amazon-Kunde seinen Kindle nicht zu einem Amazon-Mitarbeiter bringen, wenn es Probleme gibt. Als Barnes & Noble im Herbst das eigene Tablet Nook präsentierte, sagte CEO William Lynch: „Viele Menschen wollen sicher sein, dass sie ihr Gerät in ein Geschäft tragen können und dort Hilfe bekommen.“ Amazon hat die Botschaft wohl verstanden.
Der Online-Gigant versucht sich außerdem neuerdings als Verleger. Man hat bereits junge Autoren unter Vertrag und versucht auch, die Übersetzungsrechte von Bestsellern besonders früh zu bekommen, um ausländische Märkte bedienen zu können. Die direkten Konkurrenten von Barnes & Noble und der kanadischen Kette Indigo Books haben auch schon angekündigt, die von Amazon verlegten Bücher nicht in ihre Regale stellen zu wollen.
Gerüchte über „Amazon-Handy“
Eine eigene Kette an Online-Shops wäre auch sinnvoll, wenn Amazon plante, weitere eigens entwickelte Produkte wie den Kindle anzubieten. In der amerikanischen Blogosphäre wird bereits heftig über einen möglichen Smartphone-Angriff Amazons auf Apples iPhone spekuliert. Konkrete Hinweise auf solche Pläne gibt es allerdings noch keine.
Und selbst wenn der Amazon-Store in Seattle bald Realität – und ein Erfolg – wird: Dass in jeder Stadt bald ein Amazon-Geschäft aufmacht, ist eher unwahrscheinlich. Das hat mit der Struktur des Online-Versandhandels zu tun. Derzeit zahlt Amazon nur dort die (bundesstaatlichen) Steuern, wo auch Logistikzentren für den Produktversand stehen.
Eine Ladenkette würde also große Zusatzkosten verursachen. „Good E-Reader“ schreibt dazu: Amazon sei noch auf der Suche nach Steuer-Schlüpflöchern. Ob Amazon auch Pläne hat, außerhalb Amerikas Shops zu eröffnen, ist bisher nicht bekannt.
Amazon ist das größte Online-Kaufhaus. Der Umsatz beläuft sich auf 48 Mrd. Dollar, die Firma hat 56.000 Mitarbeiter weltweit und plant offenbar, auch Geschäfte in Einkaufsstraßen zu eröffnen. Noch heuer soll ein Pilotprojekt in Seattle starten, wo das Amazon-Hauptquartier angesiedelt ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)
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