Wien/London/Ag. Die Ermittlungen gegen Großbanken wegen des Verdachts auf Manipulationen bei der Ermittlung von wichtigen Zinssätzen fordern ein erstes Opfer: Die US-Bank Citigroup musste bereits 50 Mio. Dollar (38Mio. Euro) abschreiben, weil sie in Japan eine Strafe erhalten hat und Handelspositionen auflösen musste. Diese Positionen waren von Tradern betreut worden, die offenbar in den Skandal verwickelt waren und Citigroup inzwischen verlassen haben. Das berichtet die „Financial Times“ am Freitag.
Die japanischen Behörden sind die ersten, die im Zuge der weltweiten Ermittlungen wegen möglicher Zinsmanipulationen auch Sanktionen verhängen. Die Banken sind den Behörden offenbar zuvorgekommen: Laut „FT“ haben bereits mehrere internationale Großbanken personelle Konsequenzen gezogen und mehr als ein Dutzend Händler entlassen. Unter diesen Banken soll sich auch die Deutsche Bank befinden. Außerdem die Royal Bank of Scotland, UBS und JP Morgan. Wegen der möglichen Manipulation von Zinssätzen wird inzwischen in Japan, in der EU und der Schweiz ermittelt.
Enorme Auswirkungen
Konkret geht es bei den Manipulationsvorwürfen um Libor, Tibor und Euribor. Das sind Zinssätze, zu denen sich die Banken untereinander Geld leihen. Sie werden täglich festgestellt, indem die Institute ihre aktuellen Zinssätze an einen Informationsdienstleister melden. Dieser ermittelt dann den Durchschnittswert für verschiedene Laufzeiten und Währungen. Sie sind die Basis für viele Finanzprodukte wie Kredite und Sparbücher. Werden Libor, Tibor und Euribor manipuliert, hat das große Auswirkungen.
Zunächst verfolgten die Ermittler nur den Verdacht, dass die Institute sich abgesprochen haben und die Zinssätze zwischen 2006 und 2008 kollektiv zu niedrig angegeben haben. Grund für diese Aktion dürfte die sich ankündigende Finanzkrise gewesen sein. In diesen Jahren beobachteten die Märkte sehr genau, zu welchen Konditionen sich die Banken refinanzierten. Wenn eine Bank sich Geld zu deutlich höheren Zinsen als andere Banken hätte leihen müssen, wäre das ein schlechtes Zeichen gewesen. Die Beobachter an den Märkten hätten annehmen können, dass sich die betreffende Bank in Schwierigkeiten befindet.
Inzwischen gibt es aber laut der „FT“ zwei weitere Ermittlungsansätze. Es wird untersucht, ob Händler bei Banken und Hedgefonds die Zinssätze beeinflusst haben, um selbst davon zu profitieren. Außerdem gibt es offenbar den Verdacht, dass mit Insiderwissen über die Zinsentwicklungen Geld gemacht wurde. So platzierten etwa Hedgefonds hohe Wetten auf die Veränderung der Zinsraten. Die Ermittler haben den fraglichen Zeitraum nun auf 2006 bis 2010 ausgedehnt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)
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