Was haben Bob Geldof und Ludwig Poullain gemeinsam? Beide, der irische Rocksänger und der ehemalige deutsche Banker, sehen die Gier der „Banker“ nach immer mehr Geld als Auslöser der Finanzkrise. „Die Banker haben die Marktwirtschaft verraten“, sagte der Exchef der West LB Ludwig Poullain in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen“ im Oktober 2008. „Die Banker sind schuld“, meinte der Musiker Bob Geldof genau drei Jahre später in zahlreichen Interviews.
Das Ansehen der Berufsgruppe scheint in den Jahren seit der Wirtschaftskrise stark gesunken zu sein. Aber wer sind „die Banker“ eigentlich? Und was sagen sie dazu? „Die Presse“ hat einen Vorstandsvorsitzenden, drei Betriebsräte und zwei Angestellte unterschiedlicher österreichischer Banken befragt.
Prestigeverlust. „Vor 15 Jahren ging man noch auf der Kärntner Straße und war stolz, ein Banker zu sein“, sagt Lorenz Berger*. „Heute würde man sich wohl eher ducken.“ Der Betriebsrat einer österreichischen Bank will lieber anonym bleiben. Auch für Wolfgang Heinzl, den Betriebsratsvorsitzenden der Bank Austria, hat das Ansehen der Banken unter der Krise gelitten. Besonders schwer hätten es die Kollegen, die in den Filialen am Schalter stehen.
„Natürlich gibt es individuelle Feedbacks, wenn einer seinen Frust am Schalter ablädt und sich bitter beschwert“, sagt Willibald Cernko, Vorstandsvorsitzender der UniCredit Bank Austria. Diese Muster nähmen in der Krise zu. „Der individuelle Missmut, der durchaus berechtigt sein kann, wird bei mir übrigens genauso abgeladen“, sagt Cernko. Auch er müsse sich an den Wochenenden mit Beschwerdemails von Kunden beschäftigen.
Häufig bewegten sich die Klagen um die Phrase „Ihr da oben“. Die Banken seien zwar mitverantwortlich für die Krise und dafür, dass „wir jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt haben“. Auch sei für Cernko nachvollziehbar, dass in einer ersten Reaktion die Schuldigen gesucht würden. „Aber wir lernen heute, dass es deutlich komplexer ist“, sagt er. Die Beziehung zwischen Berater und Kunden sei zwar nach wie vor unbelastet „aber die Institution Bank hat Schaden genommen“.
Bei den Banken, sagt Berger, müsse man unterscheiden. Österreichische Unternehmen seien nicht für die Krise verantwortlich, da hier nicht groß spekuliert wurde. „Die Menschen wissen zwar, dass die Mitarbeiter einer Bank nichts für die Krise können“, sagt Berger. „Trotzdem entladen sich die Emotionen der Kunden auf die Angestellten in den Filialen.“ So häuften sich unterschwellige Bemerkungen. Momentan sei es schwer, Kredite zu bekommen. „In den Gesprächen hört man immer wieder Dinge wie: ,Unser Geld verzockt ihr, ihr baut euch Paläste, und wir kriegen nichts.‘“
Das bestätigt Bernhard Kainz, Betriebsratsvorsitzender bei der Erste Bank. „Beschimpfungen kommen vor. Speziell bei Wertpapierkunden, wenn die Veranlagungen nicht den Erwartungen entsprechen.“ Laut Kainz, der seit elf Jahren für die Bank arbeitet, sind solche Schuldzuschreibungen seit der Krise mehr geworden. „Das liegt daran, dass das Vertrauen der Kunden in die Banken gesunken ist. Außerdem kennen sich die Kunden heute besser aus als vor der Krise. Das lässt sie aggressiver reagieren“, sagt der Betriebsrat. Status und Prestige der Bankangestellten hätten unter der Krise gelitten. Kainz: „Man erzählt nicht mehr so gern wie früher, dass man bei einer Bank arbeitet.“
Psychische Belastung steigt. „Das Betriebsklima hat sich verschlechtert“, sagt Wolfgang Heinzl von der Bank Austria. „Burn-out ist in unserer Branche ein Thema.“ Auch Cernko sagt, dass die Belastung größer geworden ist: „Das gilt für uns alle.“ Heute wäre die Kundenöffentlichkeit um einiges kritischer. „Wir haben eine breite Feedback-Kultur“, sagt Cernko. Manche Entwicklungen hätten sich durch die Krise beschleunigt. So wäre etwa sein Bonus seit ein paar Jahren zu 50 Prozent von der Kundenzufriedenheit und der Reputation der Bank abhängig. „Diese Gewichtung hätte es früher nicht gegeben“, sagt der Vorstand.
Clemens Mayer* arbeitet bei der Volksbank. „Dass die Banker für die Wirtschaftskrise verantwortlich sind, ist eine populistische und vereinfachte Aussage“, sagt der Risikomanager. „Es sind ja nicht die Bankangestellten ,schuldig‘, sondern einige wenige Entscheidungsträger. Als einfacher Mitarbeiter kann man nicht wirklich etwas ändern.“ Die psychische Belastung auf Bankangestellte hat sich in den letzten Jahren verstärkt. „Im Betrieb herrscht eine angespannte Stimmung“, sagt Kainz. Schuld daran sei nicht das Management, sondern die Schlagzeilen. Positiv bewertet Kainz den starken Zusammenhalt der Mitarbeiter. Die Solidarität sei durch den enormen Druck gestiegen. Cernko von der Bank Austria findet nicht, dass sich das Betriebsklima verschlechtert hat: „Es hat durch den Druck von außen ein gewisses Zusammenrücken gegeben.“ Das sieht Betriebsrat Heinzl anders: Unter den hohen Herausforderungen hätten auch die zwischenmenschlichen Kontakte gelitten: „Jeder schaut zuerst, wie er seine eigene Arbeit bewältigen soll.“ Erst seit Kurzem gehe es wieder mehr um das Team und weniger um individuelle Ziele.
„Die Banken haben ihre Ziele jetzt noch höher geschraubt“, sagt Berger. Alle Banken versuchten heute, Kosten zu senken. Das verstärke den Druck auf die Angestellten. „Es wird zwar nicht offensiv entlassen“, meint der Betriebsrat „aber die Stellen werden nicht nachbesetzt. Das führt dazu, dass immer weniger Mitarbeiter immer mehr Arbeit bewältigen müssen.“ Der Druck, sagt Berger, habe sich schon in den letzten zehn bis 15 Jahren verstärkt. „Aber in den letzten fünf Jahren hat es sich noch zugespitzt.“ Die Kollegen in den Filialen stünden unter Stress und seien häufigeren Kontrollen ausgesetzt. Österreichische Banken sind nicht die einzigen, die unter einem Imageverlust leiden. So gab bereits 2010 fast die Hälfte der Deutschen an, den Finanzinstituten nicht mehr zu vertrauen. Im englischsprachigen Raum hielt der Begriff „bankster“ in den letzten Jahren vermehrt Einzug in den Sprachgebrauch.
„Wenn wir uns auf der Treppe der Anerkennung in den nächsten Jahren nicht wieder nach oben arbeiten“, sagt Cernko „sehe ich die Gefahr, dass wir im Wettbewerb um die besten Talente umfallen.“ Junge Leute mit einem sehr guten Universitätsabschluss wollten nicht nur viel Geld verdienen, sondern in einem Unternehmen arbeiten, das über hohes Sozialprestige verfügt und in junge Talente investiert. „Wenn das Prestige unten durch ist, dann kannst du die Menschen nur noch mit Geld ansprechen“, sagt Cernko. „Und Geld ist der schlechteste Motivator.“
Sicherheit nicht mehr gegeben. Paul Sommer* ist Marktrisikocontroller bei der Volksbank. „Bei meinem Dienstgeber sieht die Zukunft nicht so gut aus wie noch vor vier oder fünf Jahren“, sagt er. „Einen Karrieresprung sehe ich persönlich eher als unwahrscheinlich.“
Auch Berger zeichnet kein positives Bild von der Zukunft. „Sichere Jobs gibt es heute sowieso nicht mehr“, sagt der Betriebsrat. „Nächstes Jahr wird es auch für uns noch einmal sehr schwer werden.“ Die Börsen könne er ohnehin nicht beeinflussen. Als Betriebsrat versuche er, die Arbeitssituation seiner Kollegen zu verbessern.
Heinzl kann nicht sagen, wie es weitergehen wird, aber er stellt sich auf ein schwieriges Jahr ein. „Und die Belastungsgrenze“, sagt der Betriebsrat „ist schon jetzt überschritten.“
*Name von der Redaktion geändert.
Die Finanzkrise begann mit der US-Immobilienkrise im Frühjahr 2007. Infolge dessen wurden große Finanzkonzerne in den USA durch staatliche Kapitalspritzen gerettet.
Die Milliardenboni an Manager wurden zum Teil durch Staatshilfen finanziert, was für heftige Kritik sorgte. Bis zu einem Fünftel der US-Hilfsgelder wurden für Boni verwendet.
„Bankster“ ist ein Schachtelwort aus den Nomen „Banker“ und „Gangster“ (Gauner).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)
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