Das Wunder von Island

Island stand 2008 am Rande der Staatspleite, hat sich davon aber schnell erholt. Einer der Gründe: Wackelnde Banken wurden nicht gerettet, sondern in Konkurs geschickt.

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(c) AP (ADAM BUTLER)

Wien/Red. Die Meldung, die jüngst über die Nachrichtenagenturen lief, war knapp: Die Ratingagentur Fitch habe, hieß es darin, Island von „BB+“ auf „BBB-“ hochgestuft. Damit hätten die Staatsanleihen des nordischen Inselstaats wieder das Prädikat „Investmentgrade“.

Die Wirkung dieser Nachricht ist aber enorm: Mit Fitch hat die letzte der großen Ratingagenturen dem Land wieder „Investmentgrade“ zuerkannt. Damit gilt Island – wenn auch zu vergleichsweise höheren Zinsen – auf den internationalen Kapitalmärkten wieder als kreditfähig, womit auch große institutionelle Geldgeber wieder Anleihen des isländischen Staates in ihr Portfolio aufnehmen dürfen.

Für die krisengebeutelten Isländer heißt das: Das Schlimmste ist überstanden. Das Land hat erstaunlich schnell aus seiner schlimmen Staatskrise herausgefunden. Was man auch an den Wirtschaftsdaten merkt: Für heuer erwartet der Internationale Währungsfonds bereits wieder ein BIP-Wachstum von zwei bis 2,5 Prozent.

Währung drastisch abgewertet

Experten finden die rasche Erholung erstaunlich. Immerhin war der Inselstaat im hohen Norden 2008 nur denkbar knapp und mit Hilfe von Milliardenkrediten des IWF und der skandinavischen Staaten vor der Staatspleite gerettet worden. Im Gefolge der Lehman-Pleite waren die drei Großbanken des Landes zusammengebrochen, das Budgetdefizit war auf 13,5 Prozent, die Staatsverschuldung auf 130 Prozent des BIPs angestiegen. Die Landeswährung hatte die Hälfte ihres Werts verloren, die Arbeitslosigkeit war von zuvor einem Prozent auf neun Prozent hochgeschossen.

Mit anderen Worten: Eine Katastrophe griechischen Ausmaßes. Die allerdings, wie Beobachter jetzt anmerken, von den Isländern ganz anders gelöst wurde als dies die Eurogruppe in Griechenland versucht. Allerdings sind die beiden Staatsschuldenkrisen nur bedingt vergleichbar. Denn Island hatte eine eigene Währung, deren drastische Abwertung das Land sofort wieder konkurrenzfähig machte. Und die Probleme waren ausschließlich durch die abenteuerliche Geschäftspolitik der drei großen Banken des mit 300.000 Einwohnern relativ kleinen Landes entstanden.

Die – bisher sehr erfolgreiche – Sanierung unterscheidet sich allerdings auch in anderen Dingen entscheidend von der Herangehensweise der EU-Länder:

• Eine Bankenrettung wurde in Island gar nicht erst versucht. Die drei großen Institute (Kaupthing, Landesbanki und Glitnir) wären mit einer kumulierten Bilanzsumme im Ausmaß des zehnfachen isländischen BIPs ohnehin zu groß dafür gewesen. Die Großbanken wurden in den Konkurs geschickt, mehrere Manager dieser Institute wurden verhaftet und warten auf ihre Prozesse. Die Aktionäre gingen leer aus, ebenso die ausländischen Zeichner von Anleihen dieser Institute.

• Die Regierung übernahm auch in Sachen Spareinlagen nur inländische Verbindlichkeiten der Banken (und da nur bis zur Einlagensicherungsgrenze von umgerechnet etwas mehr als 20.000 Euro). Eine spätere Einigung über Milliardenzahlungen an Großbritannien und Norwegen (in beiden Ländern waren Sparer der isländischen Icesave Bank zu Schaden gekommen) wurde zweimal durch Volksabstimmungen gekippt.

Rückzahlungen werden da wohl sehr spät beginnen und sich lange dahinziehen. Die umgerechnet 3,8 Mrd. Euro sollen überdies nicht aus Staatsmitteln, sondern überwiegend aus der Verwertung der Reste der früheren Icesave-Mutter Landesbanki finanziert werden.

• Der Verzicht auf die Bankenrettung (die in den wackelnden Euroländern zum Fass ohne Boden zu werden droht) hat dem Staat genügend Spielraum gelassen, um neben den drastischen Sparmaßnahmen einen „Sozialpakt“ finanzieren zu können, der die isländische Bevölkerung nicht ins finanziell Bodenlose fallen ließ.

Fazit: Innerhalb von nicht einmal vier Jahren hat der Beinahe-Pleitestaat wieder Kreditwürdigkeit erlangt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2012)

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