Solarindustrie: Abgestürzt wie Ikarus

09.04.2012 | 18:16 |  KARL GAULHOFER (Die Presse)

Die Deutschen installieren Solaranlagen wie im Rausch, aber ihre eigenen Hersteller gehen Pleite. Wie kann die Branche wieder Anschluss gewinnen?

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Wien. Die Monteure reiben sich die Hände. Sie installierten in den vergangenen Wochen Solarpaneele auf Teufel komm raus. Auf Hausdächern, Scheunen und brachem Land wurde gehämmert und geschraubt, auch mit Überstunden und am Wochenende. Jetzt können sie Kassa machen. Der Grund für den Boom: Die Regierung hat mit 1.April wieder einmal die Förderungen für Solarstrom gekürzt. Wer vor dem Stichtag noch rasch seine Anlage ans Netz gebracht hat, bekommt zwei Jahrzehnte lang die alten Einspeisetarife garantiert. Das wollten sich viele nicht entgehen lassen.

Zur „Stichtagsrallye“ kam es schon öfter, zuletzt im Dezember. Die Investition bleibt hoch rentabel. Denn der Staat hechelt mit seinen Förderkürzungen der Marktdynamik hinterher: Die Preise für Solarmodule fielen im Vorjahr um 30 bis 40 Prozent. Dafür sorgen weltweite Überkapazitäten und die Chinesen, die mit billigen Zellen und Modulen den ökostromhungrigen Westen überschwemmen.

Zwei Gruppen haben da nichts zu lachen: deutsche Politiker und deutsche Produzenten. Der Regierung wächst der Erfolg ihrer Fördermaschinerie über den Kopf. Anders als in Österreich gibt es keine Deckelung der Menge.

Die Folge: Im Vorjahr wurden Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 7500 Megawatt installiert, mehr als das Doppelte von dem, was man in Berlin für sinnvoll hält. Wenn es so weiter geht, werden die Solarstromziele für 2022 schon in drei Jahren erzielt. Umso besser, möchte man meinen. Aber die Sache hat einen Haken: Die Produktion von Strom aus Sonnenwärme ist immer noch sehr teuer. Trotz der jüngsten Einschnitte von 20 bis 30 Prozent bei der Einspeisegebühr ist die Vergütung immer noch doppelt bis dreimal so hoch wie der Preis, der an der Strombörse erzielbar ist.

Kanzlerin Angela Merkel hat dem Steuerzahler, der den Boom finanziert, versprochen, dass es bei 3,5 Cent Ökostrom-Umlage pro Kilowattstunde bleibt. Aber wenn die Mengen ungeplant explodieren, reichen die 14 Mrd. Euro, auf die sich das summiert, bald nicht mehr aus. Eine noch stärkere Kürzung der Förderungen aber wäre der Todesstoß für die verbliebenen Hersteller. Sie müssen ihre Preise an die Kürzungen anpassen. Denn selbst für Käufer, die auf deutsche Qualitätsware bestehen, muss sich die Investition rechnen.

 

China löst Deutschland ab

Für die lange in den Himmel gehypte Branche ist die Götterdämmerung angebrochen: Ein Unternehmen nach dem anderen geht Pleite. Den Anfang machte die Berliner Firma Solon im Dezember. Rasch darauf folgte Solar Millennium, im März Solarhybrid. In der Karwoche erwischte es den früheren Börsenstar Q-Cells. Auch Conergy und Phoenix Solar wackeln gewaltig. Nur bei Solarworld gibt man sich noch zuversichtlich, den Sturm überstehen zu können.

Der deutsche Marktanteil lag vor acht Jahren bei 60 Prozent. So viel haben heute die Chinesen, während die Deutschen auf 20 Prozent abgestürzt sind. Manche Experten erwarten, dass schon bald gar kein Solarelement mehr aus Deutschland kommen wird.

Wie konnte es dazu kommen? Die Chinesen produzieren billiger bei vergleichbarer Qualität. Sicher: Die Firmen werden vom eigenen Staat unterstützt, während die einzigartig hohe Förderung in Deutschland allen Herstellern zugute kommt. Zudem subventioniert Berlin über Hilfsgelder sogar den Aufbau der Solarindustrie in China, was zu wilder Polemik geführt hat. Aber den wahren Grund für den Niedergang muss die deutsche Solarindustrie bei sich selbst suchen: Die Produzenten fühlten sich zu sicher und haben Entwicklungen verschlafen. Ihre ausgereifte Technik kann billiger nachgebaut werden. Um wieder Anschluss an den Weltmarkt zu finden, müssten die Deutschen das tun, was ihnen bei Autos und Maschinen so gut gelingt: sich durch Innovationen einen technischen Vorsprung verschaffen.

Das dürfte vermutlich nicht mit simplen Siliziumscheiben gelingen. Teile werden zunehmend zugekauft, um von den gesunkenen Preisen zu profitieren. Komplexer und weniger beackert ist das Thema Steuerung: Module nach der Sonne richten, Strom ans Netz abgeben, im Haus verwenden oder in integrierten Medien speichern. Damit deutsche Firmen überleben, müsste ihren Ingenieuren dazu noch einiges einfallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2012)

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85 Kommentare
 
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Gast: biersauer
13.04.2012 14:59
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Letztendlich wird nur die Umweltstromgewinnung übrig bleiben.

Sie ist rentabel, währenddem alle andern, wie Fossil und Atom irgendwann ihre Grundlage verlieren.
Umweltstromgewinnung wirkt auch gegen die Aufheizung unserer Ökosphäre und gegen die Naturgewalten.
Seit der intensiven PV und WIndstromgewinnung ist auch ein weiterer Anstieg der Luftaufheizung gebremst.
Jetzt ist der Umstieg auf Elektrofahrzeuge angesagt, dass hier Kinderkrankheiten auftreten ist normal.

Gast: gasti
10.04.2012 21:26
1

eine schwer subventionierte branche stirb und das ist gut so

es wird schon sowieso zuviel steuergeld für grüne märchen verpulvert

spinnen

nach Asterix: die spinnen die ....

die regierung bezahlt/ verspricht doppelt bis dreimal was der strom wert ist?

schildbuerger am werk, schaffe schaffe, geld ausseschmeissen

verdienen die politiker das geld oder nehmen sie es anderen Leuten weg?

weiterführende informationen

"Das EEG wird zu Grabe getragen, damit die zentralen Versorgungsstrukturen des fossil-atomaren Zeitalters in die regenerative Energieversorgung hinüber gerettet werden können. Dabei könnten die Wechselrichter der vielen dezentralen Windkraft- und Fotovoltaik-Anlagen nicht nur teuren Leitungsneubau überflüssig machen, sondern auch das Netz stützen."

http://www.heise.de/tp/artikel/36/36700/1.html

Grüner Umweltwahn

rechnet sich eben nicht!

Antworten Gast: Troö
10.04.2012 15:01
1

Aber Atomwahn und Kohlewahn rechnet sich

dank fürstlicher staatlicher Beihilfen in den meisten Ländern Europas ...

Gast: peter6
10.04.2012 12:42
0

Alles muss sich rechnen

Man kann auch Solarzellen installieren als liebe zur Umwelt.
Wieso muss sich alles rechnen?
Wenn man sich einen Luxuxauto kauft, rechnet es sich auch nicht, ausser dem Ego gegenüber.

Das Luxusauto rechnet sich eben übers Ego.

Wenn man etwas "der Umwelt zuliebe" tut, impliziert man allerdings auch, daß es sich aus ökologischen Gesichtspunkten "rechnen sollte" - tut es dies nicht, sollte man es als das sehen, was es ist - nämlich genau dieselbe Egopolitur.

Meistens liegen Wirtschaftlichkeit und Ökologie recht knapp beieinander - Ressourcenverbrauch kostet Geld und verursacht Umweltschäden, wer also sparsam mit seinem Geld umgeht nützt meist auch der Umwelt.

Na, die Chinesen

werden uns schon zeigen, wo der Bartl den Most hernimmt!
Wie immer halt.

Re: Na, die Chinesen


Wenn wir sie nicht mit Geld und Technologie füttern würden, könnten die gar nichts!

Die westlichen Politiker sind dafür verantwortlich!

Den Grund dafür habe ich aber noch nicht erkannt!

Will man einen neuen ernsthaften Kriegsgegner heranzüchten?


Re: Re: Na, die Chinesen

So wirdst du den Grund auch nie erkennen! Du musst deinen Kopf austauschen, wenn die Chinesen Ersatzteile liefern!

In Deutschland wie in Österreich ...

... unsere Politiker beschleunigen den Abstieg Mitteleuropas mit Vollgas. Vor 20 Jahren haben wir noch über die Planwirtschaft des Ostblocks gelacht - heute leben wir selbst mittendrin. Bei absehbarem Ergebnis.

Die deutsche Politik ist dabei sogar noch so bescheuert und zahlt nach China Entwicklungshilfe! Der eigene Abstieg wird also sogar noch subventioniert. Jeder Private der so ein Unternehmen führt käm dafür für mehrere Jahre hinter Gitter.

Gast: Brutaler Vorschlag
10.04.2012 10:24
2

Das meine ich jetzt ernst:

Im Wesentlichen geht es um Strom und/ oder Wärmegewinnung.

Warum aber stellt man Windräder auf oder macht Biogasanlagen, wenn es viel einfacher geht?!

Mein Vorschlag: Man nehme einen Misthaufen/ Komposthaufen und grabe ca. 100 Meter Schlauch ein. Wasser wird durchgeschickt.

Wasser wird warm, mit Verdichtung erreichen wir ca. 50 Grad Celsius. Also das selbe System, für das entweder ein Garten aufgegraben oder 100 Meter tief gebohrt wird.

Wenn die Zersetzung des Mistes keine Wärme mehr freisetzt - nächster Misthaufen wird aufgeschüttet.

Fertig. Kein Abfall, wenig Arbeit, ewiger Kreislauf.

Warum wird das eigentlich nicht gemacht? Verdienen da zu wenige?

Re: Das meine ich jetzt ernst:

Das einzige Problem dabei: Es wird der MIST teurer - und natürlich entsprechend besteuert!

Re: Das meine ich jetzt ernst:

Diese Idee gibt es bereits seit den 60er Jahren - der Franzose Jean Pain konnte damit beeindruckende Erfolge erzielen:

http://www.biomeiler.at/Was_ist_der_Biomeiler.html

Und wenn Du die Wärme entnimmst,

verlangsamst Du auch die Reaktion.

Im Winter erzeugt man auf diese Art nur sehr viele lang haltbare Misthaufen.

Wenn man eine geniale Idee hat, die aus unerfindlichen Gründen nicht schon von anderen praktiziert wird, beträgt die Wahscheinlichkeit, daß die Idee doch nicht so genial ist rund 99,99%.
Zu 0,009% handelt sich um eine Marktlücke mit der Chance selbst reich zu werden und nur zu 0,001% um eine böse Verschwörung zur Verhinderung des Fortschritts.


Re: Und wenn Du die Wärme entnimmst,

Ihre Erklärung klingt für mich plausibel.

Aber ganz generell: Ich glaube 99% der Erfindungen und Entdeckungen die gemacht wurden galten davor als völlig unmöglich, nicht machbar, hat noch nie funktioniert etc.

Antworten Antworten Gast: Brutaler Vorschlag
10.04.2012 11:44
1

Re: Und wenn Du die Wärme entnimmst,

Prinzipiell ist es mir EGAL, wie lange der Misthaufen verrottet. Es geht nur um die Wärme und um die Machbarkeit.

Angenommen, ich bringe die Biomasse von, sagen wir, zehn Hektar Grasschnitt, zusammen. Wie viele Haushalte ließen sich damit beheizen?

Hat das eigentlich schon jemand ausprobiert?

Re: Re: Und wenn Du die Wärme entnimmst,


1. Wer will neben einem Misthaufen wohnen?

2. Warum wollen Sie das Methangas nicht verwenden, wobei wir wieder bei der Biogasanlage wären?

Biogasanlagen sind ja eigentlich nur abgeschlossene Misthaufen.

Leider werden diese heute mißbraucht, weil Nahrungsmittel angebaut werden um sie dann in einer Biogasanlage zu verwerten!

In der BRD gibt es deshalb schon ganze Landstiche,die nur mehr aus Maiskulturen bestehen!

Nur, weil dieserSchwachsinn gefördert wird!


Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Kummelhahn
10.04.2012 15:00
0

Die BRD

gibt es seit 20 Jahren nicht mehr.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Brutaler Vorschlag
10.04.2012 13:33
1

Da muß man schon unterscheiden:

BIOGAS wird aus pflanzlichem Häckselgut hergestellt, das stark reagiert. Das sind Mais und Zwiebel.

Gras zB ist dafür nicht geeignet.

Daher ja auch meine Idee, die Wärme im Komposthaufen zu nützen. Da könnte man wirklich alle pflanzlichen Abfälle dafür hernehmen, vor allem Grasschnitt, Stroh etc.

Re: Das meine ich jetzt ernst:

Wird deshalb nicht umgesetzt, weil da keine (lobbyierte) Gruppe abcashen kann.
Politik orientiert sich nicht an der Gesamtwohlfahrt sondern bedient die Interessen einzelner (idR kleiner) Gruppen.

Solarinsustrie?

Das nennt man Wirtschaftspolitik!

Wer über die Solarindustrie schreibt ohne die "Seltenen Erden" zu erwähnen, hat das Thema verfehlt!

Ohne die Metalle, die man "Seltene Erden" nennt, geht in der Photovoltaik, bei E-Autos, LED-Leuchten, Handys, Computern . . . gar nichts!
Es gibt sie zwar überall, aber in so geringer Konzentration, dass die Gewinnung irrsinnig teuer ist. Nur in der Mongolei kommen sie in höherer Konzentration vor, dort sind auch die Arbeitskosten niedrig, was dazu führt, dass China praktisch ein weltweites Monopol auf diese unersetzbaren Metalle hat. Sie sind auch sehr teuer, an E-Autos ist ja eigentlich nichts dran, man zahlt hauptsächlich für das Lithium in der Batterie! Bei Solarpaneelen ist es ähnlich, alles hängt vom Preis der Seltenen Erden ab.

China weiß das genau, und beschränkt die Ausfuhr dieser Metalle streng. Damit werden die Kosten für Hersteller außerhalb Chinas so in die Höhe getrieben, dass sie gegen chinesische Hersteller keine Chance haben.

Das ist der einzige Grund, weshalb die deutschen Hersteller reihenweise zusperren müssen! Einfälle deutscher Ingenieure können daran gar nichts ändern, die Technik ist ja eigentlich primitiv und deshalb kaum zu verbilligen. Alles hängt nur vom Preis der Seltenen Erden ab, der von den Chinesen diktiert wird


Re: Wer über die Solarindustrie schreibt ohne die "Seltenen Erden" zu erwähnen, hat das Thema verfehlt!

Pfui Teufel...
Du unterstellst den Chinesen das Denken...

Re: Wer über die Solarindustrie schreibt ohne die "Seltenen Erden" zu erwähnen, hat das Thema verfehlt!


Lithium und Silizium gibt es buchstäblich wie Sand am Meer!

Nicht verwechseln!


 
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