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Ein Leben in Ferrari-Rot

21.04.2012 | 18:13 |  von Hedi Schneid (Die Presse)

Mister Ferrari Luca Cordero di Montezemolo will mit seinem Hochgeschwindigkeitszug "Italo" die Welt der Bahnen revolutionieren. Eine neue Herausforderung für den rastlosen Manager.

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Bewegung – und zwar meist jenseits der 200Stundenkilometer – ist sein Lebenselixier. Anders als mit enormem Tempo ist die Fülle an Funktionen, die Luca Cordero di Montezemolo hat, auch nicht zu schaffen. Zumal es dabei, wie man bei einem italienischen Spross aus nobler Familie annehmen könnte, keinesfalls um Ehrenämter geht. Der Industrielle, der das „fare una bella figura“ nicht nur mit dem Maßanzug, sondern vor allem mit seinem Auftreten verkörpert, ist Ferrari-Boss und Verwaltungsrat bei Fiat, wo er bis 2010 ebenfalls Präsident war.

Der 64-Jährige sitzt aber auch im Verwaltungsrat der Zeitung „La Stampa“, bei der französischen Handelsgruppe Pinault/Printemps Redoute (PPR) sowie im Aufsichtsgremium bei der Kult-Schuhmarke Tod's seines besten Freundes Diego della Valle. Montezemolo berät die Citigroup und ist Präsident der Libera Università Internazionale degli Studi Sociali in Rom.

Jetzt will sich Montezemolo, der schon als Student nebenbei Autorennen fuhr (in einem roten Fiat, was sonst?), in einem ganz neuen Metier beweisen: Italiens erster privater Hochgeschwindigkeitszug „Italo“ aus dem Hause Montezemolo startet am 28.April.

Ferrari und Fiat (der Sportwagenhersteller gehört seit 1969 zum Autokonzern) bestimmen auch nach 20Jahren das Leben des Managers aus Bologna. Zur Sportwagen-Ikone kam er übrigens durch eine Radiosendung, in der er einem Kritiker des Motorsports beherzt konterte. Das gefiel Enzo Ferrari, der ihn nach einem Gespräch zum Assistenten machte. 1974 wurde Montezemolo Chef der damals wenig erfolgreichen Rennsportabteilung – mit Niki Lauda sollte sich das ändern.

Vielleicht bindet Montezemolo doch noch mehr als der Beruf an den Automobil-Clan: Als ihn der „avvocato“ Gianni Agnelli 1991 zum Boss von Ferrari machte, tauchten Gerüchte auf, er sei dessen geheimer Sohn. Die Spekulationen verstummten nie ganz und flammten erneut auf, als Montezemolo 2004 nach Giannis Bruder Umberto auch den Fiat-Vorsitz übernahm.


Einmal noch durchstarten. Das Privatleben war für Montezemolo jedoch immer tabu. Diese Gerüchte um sein Naheverhältnis zur Familie Agnelli und Berichte über unzählige Affären kosteten den Vater von drei Kindern aus zwei Ehen immer nur ein müdes Lächeln. Da war und ist ihm das Schicksal seiner Heimat schon viel wichtiger. Mit seinen kritischen Aussagen zur Regierungspolitik von Silvio Berlusconi und über mangelnden Reformwillen brachte Montezemolo während seiner Zeit als Präsident des Industriellenverbandes Confindustria (2004 bis 2008) Bewegung in das verkrustete Italien. Ein Angebot von Berlusconi, in die Regierung zu gehen, lehnte der Jurist 2001 aber ab.

Vielleicht lief das Leben des Vollblutmanagers nach der Sanierung von Ferrari mit etlichen WM-Titeln, der Neupositionierung von Fiat, der erfolgreichen Fußball-WM 1990 (deren Organisationskomitee er leitete) und dem Abgang aus der Confindustria einfach zu glatt. Einmal noch durchstarten, etwas ganz Neues machen und das Berlusconi-geschädigte Italien nicht nur mit Skandalen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken: Diese Gedanken müssen den rastlosen Maestro angetrieben haben, als er sein neues „Produkt“ entwickelt hat.

Es ist rot, schnittig und macht 350 „Sachen“ wie ein Ferrari – der „Bolide“ fährt allerdings auf Schienen und bietet 500 Reisenden Platz. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug „Italo“ fordert Montezemolo den „Frecciarossa“ der italienischen Staatsbahnen heraus.

„Ich liebe Züge“, sagt der Mann, dessen Leben vom Auto geprägt ist, in einem Interview in der „Süddeutschen Zeitung“. Allerdings müssen Züge das Service des „Italo“ bieten: eigenes Bordkino, bestes italienisches Essen, Breitband, kostenloses Wifi, eigenen Ruheraum. „Solche Züge haben Sie noch nie gesehen“, begeistert sich Montezemolo für seinen roten „Ferrari-Zug“. Bald können sich Reisende selbst überzeugen: Ab Samstag verkehrt der „Italo“ zwischen Mailand, Bologna, Florenz, Rom und Neapel. Bis Jahresende sollen Turin und Venedig folgen. Montezemolo denkt schon weiter: „Von Mailand und Venedig nach München oder Wien – das wäre fantastisch.“
Ein hoch riskantes Abenteuer. Eine Milliarde Euro haben er, sein Freund della Valle und Bahnprofi Giuseppe Sciarrone mit Unterstützung der Banca Sanpaolo in die Firma Nuovo Trasporto Viaggiatori (NTV) gesteckt. 650Millionen Euro kosten die 25 Züge von Alsthom. Das raubt auch einem Mann vom Format Montezemolos den Schlaf. „Das ist ein hoch riskantes Abenteuer. Wir nützen die Liberalisierung der Schienennetze und haben das teuerste und ambitionierteste Privatprojekt in Italien der vergangenen zehn Jahre angestoßen.“ 2015 soll der „Italo“ die Gewinnzone erreichen, dazu braucht er acht bis neun Millionen Reisende. Heuer erwartet man eine Million Passagiere.

2015 ist Montezemolo 67Jahre alt, für italienische Begriffe gerade im richtigen Alter, um in die Politik zu gehen. Ob er das noch will? Er schließt es nicht aus. Das Vehikel für eine neue Partei hat er jedenfalls schon gegründet: den Thinktank „Italia Futura“. Jetzt winkt jedoch eine andere Aufgabe: Montezemolo soll Aufsichtsrat der UniCredit werden.

31.8.1947
Montezemolo wird in Bologna geboren. Er studiert Rechtswissenschaft in Rom und an der Columbia University in New York.

1974
Enzo Ferrari macht Montezemolo zum Rennleiter. 1991 übernimmt er den Vorsitz des Sportwagenherstellers.

2004
wird er Präsident von Fiat.

2008
gründet Montezemolo mit Diego della Valle und Giuseppe Sciarrone die Privatbahngesellschaft NTV. Die Banca Intesa Sanpaolo und die französische Staatsbahn SNCF halten je 20Prozent. Sie nützen die Liberalisierung des europäischen Schienenverkehrs, die die EU in drei Paketen 2001, 2004 und 2007 einleitete.

2011
nahm am 11.12. die private „Westbahn“ von Hans-Peter Haselsteiner und Stefan Wehinger in Österreich den Betrieb auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2012)

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4 Kommentare

Da kann soger der autoaffine Macho sagen: " Ich bin mit dem Ferrari da"!


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Forschung in den falschen Bereichen?

Ich verstehe nicht, wieso solche toten Verkehrsmittel wie Bahnen weiterentwickelt werden.
Bahnen und Busse sind Super für den Nahverkehr, keine Frage, doch der Fernverkehr sollte doch Langsam den Flugzeugen überlassen werden. In diesem Sinne sollten auch mehr Forschungsgelder in Ökonomischere Treibstoffe, mehr Kompfort und ähnliches fließen.
Die Musik und Film Industrie beschäftigt sich ja auch nicht mehr mit Schallplatten und V8 Filmen.

Re: Forschung in den falschen Bereichen?

Flugzeug? Sie meinen diese suendteure Geschichte, bei der jeder pauschal wie ein Schwerverbrecher behandelt wird? Nein danke, viel lieber fahre ich mit der Bahn ... (wie viele andere)

falls montezemolo noch auf der suche nach einem geschäftsführer sein sollte:

unser allseits bewunderter stefan wehinger wäre bald zu haben:
wenn nämlich SNCF und haselsteiner keine lust mehr haben, ihr geld weiterhin im verlustabschreibemodell namens westbahn zu verbrennen.

Hobbyökonom