Washington. Die Weltwirtschaft humpelt, und Christine Lagarde geht an einer Krücke. Besser könnte die Szene im Hauptquartier des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington den fragilen Status quo nicht illustrieren. Die IWF-Chefin laboriert an einer Knieverletzung, beißt als ehemalige Synchronschwimmerin aber die Zähne zusammen, um Zweckoptimismus auszustrahlen.
Bei der Frühjahrstagung der Finanzminister und Notenbankchefs verkündete Lagarde am Wochenende einen zweifelhaften Erfolg. Für die Aufstockung des Krisenfonds hat sie Zusicherungen von mehr als 430 Mrd. Dollar (325 Mrd. Euro) erhalten – aus Japan, den Schwellenländern, der EU. Jedoch nicht aus den USA und Kanada. Zu Beginn des Jahres hatte sie noch von 600 Mrd. Dollar zur Aufblähung des Finanz-Rettungsschirms gesprochen.
Die Finanzwelt steht Kopf
Einstweilen gibt sich die IWF-Chefin jedoch zufrieden. Mit rund einer Billion Dollar verfügt der Währungsfonds nun über dasselbe Volumen zur Abwendung einer neuen Finanzkrise wie die Eurozone. Ihrem französischen Landsmann, dem IWF-Chefökonomen Olivier Blanchard, ist indes nicht wohl bei der Sache. „Es herrscht derzeit eine merkwürdige Stille. Man hat das Gefühl, dass sich die Dinge ganz schnell wieder zum Schlechteren wenden könnten.“
Die grassierende Unsicherheit auf den europäischen Finanzmärkten, die volatile Situation in Spanien und Italien versetzen die Finanzwelt weiterhin in Schauer. Beim IWF in Washington steht die Welt gewissermaßen Kopf: Da urteilen Spitzenökonomen wie der Äthiopier Abebe Selassie über die Schulden-Fieberkurven Portugals oder der Inder Ajai Chopra über die Erholung Irlands. Und ein Journalist aus Jamaika fragt nach den Implikationen eines Euro-Kollapses auf die Karibik.
An Ratschlägen für die Europäer aus dem Rest der Welt mangelt es nicht. Als IWF-Chefin versucht die frühere französische Finanzministerin Lagarde die Interessen auszubalancieren. An eine Spaltung der Euro-Zone mag sie nicht denken, mit ihren Forderungen für ein entschlosseneres Handeln Deutschlands ist sie indes bereits mit ihrer Duz-Freundin Angela Merkel aneinandergeraten.
Die Gegensätze lassen sich nicht kaschieren, bei der Frühjahrstagung sind sie diplomatisch nur leidlich verhüllt zutage getreten. Reflexartig urgieren die USA nach dem Vorbild der US-Notenbank eine stärkere Rolle der Europäischen Zentralbank, Lagarde tritt für eine Öffnung der Notkredite auch für Banken ein. Eine solche Direkthilfe lehnt der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble kategorisch ab. Er will sich nicht auf „Abenteuer“ einlassen.
Wachstum versus Austerität
Während Schäuble die USA zu mehr Budgetdisziplin drängt, sticheln die US-Amerikaner gegen den strikten Sparkurs der Europäer. Die unterschiedliche Wirtschaftsphilosophie lässt sich unter dem Motto „Wachstum versus Austerität“ subsumieren, wie dies der mexikanische Notenbankchef Agustín Carstens bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion tat. „Die Konsolidierung ist längst nicht erreicht, das Szenario für eine Finanzkatastrophe in Europa nicht aus der Welt geschafft.“
Als Anwalt der Europäer stemmte sich der schwedische Finanzminister Anders Borg, mit obligatem Rossschwanz und Flinserl, der geballten Kritik entgegen. „Wir müssen an unserem Plan festhalten. Für Europa sind die Wachstumsaussichten in den nächsten zehn Jahren besser.“ Die Hoffnung liege aber in den „Triple-A“ begründet: Asien, Amerika, Afrika.
Die Schwellenländer murren derweil. Sie pochen auf eine zügige Umsetzung der Quotenreform, die ihnen mehr Einfluss im IWF gewähren wird. Brasiliens Finanzminister Guido Mantega monierte: „Luxemburg hat einen höheren Anteil als Argentinien, Belgien einen höheren als Indonesien.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2012)
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