[Washington] Seit Monaten wussten Michael Duke und seine Vorstandskollegen in der Walmart-Zentrale in Bentonville in Arkansas, was auf sie zukommen würde. Aufgescheucht von Recherchen von „New York Times“-Reportern über eine Bestechungsaffäre in Mexiko suchten sie bereits im Dezember die Kooperation mit den Justizbehörden und der berüchtigten Börsenaufsicht SEC in den USA, die auch prompt Ermittlungen einleiteten.
Als das Blatt dann am Sonntag in großer Aufmachung drei Seiten lang über den Korruptionsskandal berichtete, blieb nur noch ein Tag, um das Schlimmste zu verhindern. Der Imageschaden war indes bereits angerichtet. An der Wall Street trat tags darauf das Unvermeidliche ein: Der Kurs des weltweit größten Handelsunternehmens an der New Yorker Börse brach angesichts der schlechten Presse um fünf Prozent ein. Und Michael Duke und Konsorten flatterte eine Vorladung für ein Kongress-Hearing in Washington ins Büro.
Schmutzige Praktiken
Im September 2005 hatte ein ehemaliger führender Mitarbeiter von Walmart-Mexiko, der größten Tochter der Handelskette, per E-Mail die Rechtsabteilung in der Konzernzentrale alarmiert und die schmutzigen Praktiken der Marketingoffensive südlich des Rio Grande in ihrer ganzen Dimension demaskiert. Walmart lancierte eine interne Untersuchung, die ein finsteres Bild ergab. Um rasch an Baugenehmigungen zu gelangen und Konkurrenten auszustechen, flossen insgesamt 24 Millionen Dollar an Schmiergeldzahlungen an Lokalpolitiker. Aus Angst vor einer weiteren Welle an negativen Medienberichten hielt das Hauptquartier die Ergebnisse jedoch unter Verschluss. Wegen niedriger Löhne, der teils üblen Behandlung ihrer Mitarbeiter und ruppiger Geschäftsmethoden ist das Unternehmen mehrfach am Pranger der Gewerkschaften und der Öffentlichkeit gestanden.
Walmart beförderte Eduardo Castro-Wright, den Chef der Mexiko-Tochter, sogar zum Vizepräsidenten. Der gebürtige Ecuadorianer war die treibende Kraft der aggressiven Wachstumsstrategie in Mexiko. Heute zählt der Konzern beim südlichen Nachbarn mehr als 200.000 Mitarbeiter, ein Fünftel aller Filialen befindet sich in Mexiko. In Castro-Wright dürfte Walmart also den „Sündenbock“ gefunden haben. Zufall oder nicht: Im Vorjahr hat er für Juni 2012 schon seinen Rückzug angekündigt. Der Skandal dürfte sich jedoch auf eine Reihe weiterer hochrangiger Manager ausweiten, die zumindest Kenntnis davon hatten. Auch Michael Duke, damals zuständig für das Auslandsgeschäft, wurde 2005 informiert.
Walmart hat indessen zwei Anwaltskanzleien mit dem Fall betraut, die den Schaden minimieren sollen. Dem Unternehmen droht eine hohe Strafe. Gemäß eines weit gefassten Korruptionsgesetzes können das Justizministerium und die Börsenaufsicht SEC auch Bestechung von US-Firmen im Ausland ahnden – ebenso wie die von ausländischen, börsenotierten Unternehmen in den USA. Insbesondere der deutsche Siemens-Konzern machte 2006 schmerzhaft Bekanntschaft mit dem Gesetz, gegen das die US-Handelskammer seit Jahren ankämpft. Im Zuge eines groß angelegten Korruptionsskandals zahlte der Münchner Konzern allein in den USA eine Strafe von 800 Mio. Dollar. Der langjährige Siemens-Chef Heinrich von Pierer und sein Nachfolger Klaus Kleinfeld verloren ihre Jobs.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2012)
Städte-RankingWo die meisten Superreichen leben
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet
UrlaubÖsterreicher im EU-Ranking voran