OMV: Verkürzte Nabucco-Variante möglich

25.04.2012 | 16:45 |   (DiePresse.com)

Die zu hohen Kosten zwingen das Konsortium zu einer Redimensionierung des Projekts. Minister Mitterlehner sieht Ungarn-Ausstieg nicht als Haupthindernis.

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Verzögerungen und steigende Kosten - vor allem dadurch machte das ehrgeizige europäische Pipelineprojekt Nabucco zuletzt von sich reden, das Europa unabhängiger vom russischen Gas machen soll. Nun ist eine radikale Verkleinerung im Gespräch. "Es läuft auf eine pragmatisch machbare Lösung hinaus", sagte Johannes Vetter, ein Sprecher der federführenden österreichischen OMV, am Mittwoch in Wien. Nach den ursprünglichen Plänen sollte die Pipeline Erdgas aus den kaspischen Feldern über die Türkei nach Österreich transportieren.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) berichtete am Mittwoch unter Berufung auf EU-Diplomaten, der geplante Bau habe sich als zu teuer erwiesen. Zuletzt hatte das Konsortium selbst die Kosten mit acht Milliarden Euro veranschlagt und dabei eingeräumt, dass es sich noch weiter verteuern könnte. Aus Branchenkreisen wurden Summen von bis zu 15 Milliarden Euro genannt. Die OMV machte dazu keine Angaben. Auch die EU-Kommission wollte sich am Mittwoch zu dem Thema nicht äußern.

Ungarn sorgt für Unsicherheit

Für Unsicherheit sorgte zudem die Ankündigung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, dass sich der teilstaatliche Energiekonzern MOL aus dem Projekt zurückziehen oder seine Beteiligung stark senken will. Österreichs VP-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner sieht aber im möglichen Ausstieg der Ungarn aus dem Projekt nicht das Haupthindernis. Die Linie der EU gehe bei der Gasversorgung in Richtung des Südkorridors, aber "nachdem wir am Ende der Pipeline sitzen", sei man von den Entscheidungen Anderer abhängig, sagte Mitterlehner.

"Ich fürchte, dass die Türkei in ihrer geografischen und politischen Schlüsselrolle den weiteren Takt vorgeben wird", führte der Minister weiter aus. "Deswegen glaube ich, dass es auf jeden Fall eine zeitliche Verzögerung geben wird." Und dann stelle sich die Frage, ob angesichts der dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung der Türkei und des damit verbundenen Energiebedarfs noch genug Gas für die Weiterleitung nach Westen übrig sein werde.

RWE auch für kleinere Variante

Wichtige Partner im Konsortium sprechen sich bereits für eine reduzierte Variante aus. "Wir sind bereit, uns an Lösungen, die wirtschaftlich sind, zu beteiligen, auch wenn es kleinere sind", sagte ein RWE-Sprecher am Mittwoch und bestätigte damit frühere Aussagen von Konzernchef Jürgen Großmann zu Anfang des Jahres.

Ein verkleinertes Projekt "Nabucco West" würde das Gas lediglich von der türkisch-bulgarischen Grenze nach Österreich bringen und so dem europäischen Markt zugänglich machen. Von der Förderregion durch die Türkei bis dorthin würde das Gas durch Pipelines anderer Betreiber strömen. "Es ist nicht entscheidend, welcher Name auf welchem Teilstück steht", sagte OMV-Sprecher Vettel. Die "Nabucco West" könnte an die von der Türkei und Aserbaidschan geplante TANAP-Röhre andocken. Trotz aller Unsicherheiten hält der OMV-Sprecher fest: "Nabucco Klassik ist noch nicht vom Tisch".

Zu wenig Gas macht Projekt unrentabel

Das Nabucco-Konsortium hatte im vergangenen Oktober ein Angebot an das autoritär regierte Aserbaidschan für den Gasexport nach Europa in beiden Varianten vorgelegt. Nach Einschätzung des staatlichen aserbaidschanischen Energieriesen Socar, der am Shah-Deniz-II-Konsortium beteiligt ist, hat das ursprünglich anvisierte Nabucco-Projekt aus Mangel an Gas derzeit keine Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg.

Im Moment gebe es für eine solche Leitung von Aserbaidschan nach Europa nur zehn Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr, hatte der Chef der Investitionsabteilung von Socar, Wagif Alijew, zuletzt der dpa gesagt. Nötig sei aber die dreifache Menge. Nabucco sei für 31 Milliarden Kubikmeter Gas Jahresleistung geplant. Deshalb favorisiere das Land gegenwärtig kleine Transportmöglichkeiten.

Entscheidung im Sommer

Um Zugang zu dem großen Shah-Deniz-II-Feld haben sich neben Nabucco auch die Türkei-Griechenland-Italien-Verbindung (ITGI), die Transadriatische Pipeline (TAP) und die türkische TANAP beworben. Im Sommer will das Shah-Deniz-Konsortium eine Entscheidung fällen, welcher Nabucco-Variante es den Vorzug gibt und dann entscheiden, welcher Bewerber den Zuschlag erhält.

Der Nabucco-Gruppe gehören derzeit die OMV, RWE, MOL, die türkische Botas, die Bulgarian Energy Holding und die rumänische Transgaz an. Der kommunale Gasversorger Bayerngas hält nach Angaben eines Sprechers vom Mittwoch an seinen Plänen für eine Beteiligung fest. Eine Entscheidung solle noch heuer fallen.

(APA/Ag.)

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