Ließ Ikea hinter schwedischen Gardinen fertigen?

Dass Ikea billigst im ehemaligen Ostblock produzierte, war bekannt. Nun will eine TV-Dokumentation Beweise haben, dass dafür in der DDR auch Häftlinge zwangsweise eingesetzt wurden. Bei Ikea ist man bestürzt.

Liess Ikea hinter schwedischen
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Liess Ikea hinter schwedischen
(c) REUTERS (OLIVIER PON)

Kopenhagen/Stockholm. Beim Blick auf ein „Klippan“-Sofa in einem Ikea-Katalog wird bei einem ehemaligen Häftling aus der DDR die Erinnerung wach: „Ja“, sagt er, „das haben wir auch gebaut.“ Damals in den 1980er-Jahren, als er wegen versuchter Republikflucht in einer der Haftanstalten der DDR hinter schwedischen Gardinen saß.

Die Szene stammt aus einer TV-Dokumentation, die am Mittwochabend im Schwedischen Fernsehsender SVT laufen wird. Sie geht den seit längerer Zeit kursierenden Gerüchten nach, dass der Möbelgigant Ikea von der Zwangsarbeit politischer Gefangener in der DDR profitierte. Nach dem, was vorab bekannt wurde, kommt sie zu dem Schluss: Die Gerüchte stimmen.

Für die Sendung „Auftrag Nachforschung“ des öffentlich-rechtlichen Kanals stöberte Reporter Björn Tunbäck in den Stasi-Archiven und sprach mit Ex-Häftlingen ebenso wie mit früherem Wachpersonal. Dass DDR-Gefangene zur Möbelproduktion benützt wurden, steht außer Frage, und zwischen kriminellen und politischen Häftlingen wurde bei der Zwangsarbeit kein Unterschied gemacht. Republikflucht oder staatsfeindliche Machenschaften galten als kriminelle Akte, bestätigt ein ehemaliger Wächter. Und es gibt zumindest starke Indizien, dass Ikea zu den Auftraggebern zählte.

„Der, der in der Schreibstube saß, hat Briefe in schwedischer Sprache gesehen. Daher war klar: Es musste einen Zusammenhang mit Schweden geben“, sagt einer der Mithäftlinge. Außer Ikea gibt es in Schweden kein Möbelhaus, das infrage käme.

 

Ikea prüft Vorwürfe nun selbst

Bei Ikea nimmt man die Beschuldigungen sehr ernst. Der Einsatz von Zwangsarbeitern für Ikea wäre „total unakzeptabel“, sagte Pressesprecherin Jeanette Skjelmose. Daher will das Unternehmen nun selbst die Vorwürfe prüfen und hat Unterlagen aus Berlin angefordert. Dort bestätigt man, dass das Material dem Unternehmen zur Verfügung gestellt wurde. Es bezieht sich laut Skjelmose auf die erste Hälfte der 1980er-Jahre, als die Möbelkette zum internationalen Konzern aufstieg. Ikea-Gründer Ingvar Kamprad hat früher unterstrichen, dass Billigproduktion in Osteuropa maßgeblich zum Erfolg beitrug. Neben Polen war die DDR die wichtigste Produktionsstätte. Inwieweit die Verantwortlichen wussten, dass die Zulieferer Häftlinge als Zwangsarbeiter benützten, ist unklar. „Bisher sieht es aus, als ob niemand bei Ikea davon wusste“, sagte Skjelmose.

„Auftrag Nachforschung“ ist das Aushängeschild von SVT. Das Programm hat auch enthüllt, dass Kamprad Vermögen in Liechtenstein hortet und dass Ikea Holz für die Möbelherstellung durch Kahlschläge in Urwäldern im russischen Karelien beschafft. International erregte sie enormes Aufsehen, als sie die antisemitischen Ausfälle des St.-Pius-Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson dokumentierte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2012)

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