Wien/Jil. Manchmal braucht es einen alten Philosophen, um dem Zeitgeist etwas entgegenzusetzen. Anthony de Jasay, 89 Jahre alt, fast blind und praktisch taub, übernimmt diese Rolle nur zu gern. Er tritt einer Binsenweisheit entgegen, die heute quasi als Faktum durchgeht: dass Gleichheit innerhalb einer Gesellschaft der Ungleichheit überlegen ist und es die Aufgabe des Staates sein muss, umzuverteilen.
„Die Behauptung, Gleichheit sei besser als Ungleichheit, ist aber vollkommen willkürlich“, sagt de Jasay, der in Ungarn geboren wurde, vor dem Kommunismus flüchten musste und seit vielen Jahren in Frankreich lebt, kürzlich bei einem Vortrag auf Einladung des Hayek-Instituts in Wien. Sein Argument ist ein linguistisches: „Ich muss nicht beweisen, dass ,gut‘ besser als ,schlecht‘ ist. Das ist selbstverständlich. Die Hierarchie ist eindeutig.“ Bei „Gleichheit versus Ungleichheit“ verhalte es sich aber wie bei „lang versus kurz“ oder „schwer versus leicht“.
Da sei die Hierarchie unklar. „Alle Denkmodelle, die die Überlegenheit der Gleichheit zu beweisen versuchen, sind leicht widerlegbar“, sagt de Jasay. Von den Politikern und Aktivisten, die ständig „mehr Gleichheit“ und „soziale Gerechtigkeit“ fordern, war bei seinem Vortrag freilich niemand anwesend. Wohl, weil de Jasay sich Fragen widmet, die für viele dieser Menschen längst geklärt scheinen dürften. Dabei will de Jasay nicht die Reichen verteidigen. Er will auf die Wertneutralität des Begriffs der Ungleichheit hinweisen. Darauf, dass sie ein Symptom sein kann – aber nicht die Wurzel des Problems.
Tief in kollektiver Psyche
„Die Behauptung, dass alle Probleme – von Alkoholismus bis zu Schulabbruch – auf eine ungleiche Vermögensverteilung zurückzuführen sind, ist aber unwissenschaftlich“, sagt de Jasay. „Der Begriff der ,sozialen Gerechtigkeit‘ ist nur eine leere – aber hübsche – Hülle.“ Tatsächlich müsse man den Lebensstandard der Armen verbessern, um die Probleme der Gesellschaften zu lösen. Aber dies müsse nicht notwendigerweise durch Umverteilung geschehen, denn die Probleme entstünden durch absoluten Mangel, nicht durch relative Armut.
Allerdings ist de Jasay keineswegs optimistisch. Vor allem die Vereinnahmung des undefinierbaren Begriffs „soziale Gerechtigkeit“ sei ein Hindernis für eine echte Debatte: „Es ist ja unmöglich zu sagen, man ist gegen soziale Gerechtigkeit.“ Die falsche Grundidee von der „bösen Ungleichheit“ und der „guten Gleichheit“ sei schon sehr tief in die kollektive Psyche eingedrungen. „Das geschieht durch die unaufhörliche Wiederholung der Unwahrheit“, sagt de Jasay. „Und alle linksgerichteten Menschen wiederholen es immer wieder, ohne es zu hinterfragen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)
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