Wachsender Wohlstand lässt Glücksgefühl nicht mitwachsen

14.05.2012 | 21:00 |   (Die Presse)

Ökonomie. Trotz stark gestiegenen Nationalprodukts und gestiegenen Einkommens sind die Menschen in China weniger zufrieden als früher.

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Geht's der Wirtschaft gut, geht's allen gut? Das stimmt wohl nur in einer Richtung, zu schlecht dürfen die Dinge nicht laufen. Aber in der anderen werden die Hoffnungen nicht eingelöst: Eine Wirtschaft kann florieren, wie sie will – das Wohlbefinden des Volks, das diese Wirtschaft betreibt, wächst nicht mit. Zumindest ab einem bestimmten Level: Wenn Grundbedürfnisse gestillt sind, führt mehr Reichtum nicht zu mehr Glück.

Mit dem Befund überraschte Richard Easterlin (University of Southern California) 1974, er hatte ihn aus Umfragen von 1946 bis 1970, die etwa zeigten, dass die US-Amerikaner trotz Einkommenzuwächse nicht glücklicher geworden waren. Das ging als „Easterlin-Paradox“ in die Literatur ein, es bestätigte sich in vielen Gesellschaften, allerdings gab es auch Gegenbefunde. Easterlin wies diese zurück und hat seine Hypothese jetzt noch einmal einem Test unterzogen, an einem ganz besonderen Fallbeispiel: China.

Dort ist das Nationalprodukt pro Kopf und Jahr seit 1990 um mindestens acht Prozent pro Jahr gestiegen, es hat sich mehr als vervierfacht. Aber Easterlin findet „keine Steigerung der Zufriedenheit in dem Ausmaß, das man vom Zuwachs des Wohlstands erwarten könnte“. Im Gegenteil: Alle Befragungen seit Beginn der 90er-Jahre zeigen das Gleiche: 1990 lag die Zufriedenheit – auf einer zehnteiligen Skala – bei 7,29, dann ging sie zurück, bis 2001 um 0,76 Punkte. Erst 2007 hob sie sich wieder, erreichte aber nicht die Höhe von 1990. Ähnliches hat Easterlin schon oft beobachtet, etwa in den postsozialistischen Gesellschaften Osteuropas, der anfängliche Abschwung ist leicht erklärt, er kommt vom Schwund alter Sicherheiten.

Als in China die Wirtschaft noch im Staatsbesitz war, gab es die „eiserne Reisschüssel“, die Mitarbeiter wurden durchgefüttert – auch im Wortsinn: Es gab Lebensmittel –, sie waren unkündbar, die Gesundheitsversorgung war frei. Die Menschen fühlten sich auch gesund, die Reicheren wie die Ärmeren im gleichen Maß. Heute liegen sie in dieser Einschätzung um 28 Prozent auseinander, viele Arme können sich die teuer gewordene Medizin nicht leisten.

Das gilt auch für andere Bereiche: Zufrieden sind heute 71 Prozent der Reichen (1990: 68), aber nur 42 Prozent der Armen (1990: 65). Die Schere ist also weit aufgegangen – wie weit, ist unbekannt, seit zehn Jahren gibt es keine Statistik über die Verteilung des Reichtums im Land –, aber das erklärt nicht alles. Alle verdienen heute besser, auch die Armen (Pnas, 14. 5.). Und trotzdem fühlen sie sich nicht wohler.  jl

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11 Kommentare
Gast: Was
25.05.2012 01:11
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Der Artikel liest sich wie Satire

Kaum zu glauben, dass sich ein Presse-Artikel (und eine wissenschaftliche Studie) mit der Frage beschäftigt, ob Geld zufrieden macht. Das Ergebnis der Studie als überraschendes Paradoxon darzustellen finde ich erschreckend naiv.

Was um Himmels Willen lässt die Vermutung zu, dass ein direkten Zusammenhang zwischen Wohlstand und Zufriedenheit bestehe?

Gast: Störrisch...
22.05.2012 13:53
0

Wirtschaft ist eine Religion....

...vor allem auf Lügen aufgebaut seit indust. Revolution, anstatt Gott-glauben, also man muss dran glauben wollen!

Dass ein Mehr-Besitz (und zu große Einkommens-Unterschiede) nicht glücklich macht, zeigt auch die Zahl der Drogen-abhängigen in Österreich:

1/10 auf Psycho-pharmaka (auf Rezept)
1/10 Alkoholiker


Gast: lavater
20.05.2012 23:15
0

Binsenweisheiten als "Wissenschaft"

a) Dass arme Menschen glücklicher sind, wenn sie gratis ärztlich versorgt werden und nicht besonders glücklich sind, wenn sie sich die steigenden Arztkosten nicht mehr leisten können
b) dass Lebensstandard Menschen nicht automatisch glücklicher macht

sollten wir nicht "wissenschaftlich" erforschen. Das sind Binsenweisheiten.

Den Konnex zwischen Geld und Glück herzustellen und statistisch zu untersuchen, finde ich geradezu primitiv. Wenn die Wissenschaft sich keine schlaueren Fragestellungen ausdenken kann, wird sie in Verruf geraten, vor allem Statistik in der Psychologie.

Die Antwort auf alle diese Fragen steht übrigens schon seit 2000 Jahren in der Bibel:

....denn niemand lebt davon, daß er viele Güter hat (Lukas 12:15).


Antworten Gast: Kaspar Hauser
25.05.2012 11:59
0

Re: Binsenweisheiten als "Wissenschaft"

Lese ich da aus Ihrem Posting eine gewisse Wissenschaftsfeindlichkeit heraus, die manchen Religiösen zu eigen ist?

Warum soll man Binsenweisheiten nicht erforschen? So manche Binsen"weisheit" hat sich schon als falsch herausgestellt.

Gast: Be-obachter
20.05.2012 11:04
0

Besitz (Reichtum) schafft auch Sorgen.

Schon mein Urgroßvater meinte: "Nichts haben bedeutet ruhig leben."

Gast: K. Lorenz
19.05.2012 12:19
0

wird die einzelne Ameise glücklicher,

wenn der Ameisenhaufen immer größer wird?

Auch bei uns fühlen sich

Reiche

nicht immer wohl,

abgesehen von ihren Schwarzkonten

und ihrer möglichen Aufdeckung in der Schweiz und Liechtenstein.

Der KHG schläft deshalb sicher nicht sehr gut.

Re: Auch bei uns fühlen sich

warum machen Sie eigentlich immer so viele Leerzeilen? Wiedererkennungswert? So quasi "Uh, da sind sie wieder, die vielen Leerzeilen.. das muss der Fishhof sein".


Re: Re: Auch bei uns fühlen sich

Korrekt!

Da erkennt man mich auch im standard.at.,profil usw.!

Gibt es eine SI-Einheit für Glück?

Glück ist subjektiv, und es kann durchaus sein, dass sich mit der Veränderung der Wirtschaft auch die persönliche Definition des Glücks ändert. Anders als etwa Temperatur oder Masse ist Glück nicht eindeutig definiert und schon gar nicht auf simple Weise messbar.
Wer keine Möglichkeiten hat, auch nur das kleinste Detail im Leben zu ändern, wird sich resigniert damit abfinden, weil es eben nicht anders geht. Diese Resignation läßt sich als "Glück" fehlinterpretieren, weil die betreffende Person erreicht hat, was sie erreichen kann.
Wer aber Veränderungsmöglichkeiten sieht - und die gibt es in einer Marktwirtschaft zuhauf - hat den Wunsch, sich zu verbessern und dies läßt sich als "Nicht-Glück" fehlinterpretieren.

Antworten Gast: keiner
04.06.2012 18:31
0

Re: Gibt es eine SI-Einheit für Glück?

der kapitalismus arbeitet mit glücksversprechen die er nicht halten kann, was zu unglück führt.

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