Wien/Ag./Weber. Finanziell gesehen sind die zwei Milliarden Dollar, die die US-Großbank JP Morgan Chase in den vergangenen Wochen in den Sand gesetzt hat, verkraftbar. „Wir werden dieses Quartal trotz allem eine Menge Geld verdienen“, berichtete CEO Jamie Dimon am Wochenende in einem Interview mit dem Fernsehsender NBC. Zwar dürfte die „Corporate“-Sparte, die den Verlust verursacht hat, für den Zeitraum zwischen April und Juni einen Verlust von 800 Mio. Dollar ausweisen. Insgesamt werde die größte Bank der Vereinigten Staaten aber noch einen Gewinn von etwa vier Mrd. Dollar verbuchen, so Dimon.
Dennoch hat der gigantische Verlust, den die Londoner Investmentsparte mit Derivategeschäften verursacht hat, weitreichende Konsequenzen. Am Montag gab JP Morgan den Rücktritt von Ina Drew bekannt. Sie war Geschäftsführerin des „Chief Investment Office“ (CIO), wie das Londoner Büro offiziell heißt. Die 54-Jährige hatte sich 30 Jahre lang in dem Unternehmen nach oben gearbeitet. Zum Schluss war sie eine von zwei Frauen in der Chefetage der Bank.
Von Insidern wird sie als jemand beschrieben, der bereitwillig große Risken einging. Dennoch sei sie „sehr unauffällig“ gewesen, „verglichen mit den Verrückten, die man sonst in den Handelsabteilungen findet“, sagte Mark Schneiderman, der früher in der Personalabteilung von JP Morgan arbeitete. Pflichtveröffentlichungen zufolge verdiente sie im Vorjahr etwa 14 Mrd. Dollar.
Das „Wall Street Journal“ berichtete am Wochenende von drei Entlassungen. Demnach müssten neben Drew noch zwei weitere Mitglieder ihres Teams den Hut nehmen. Neuer Chef des CIO wird Matt Zames, momentan Koleiter des Anleihengeschäfts in der Investmentbank und Leiter der Kapitalmärkte in der Hypothekenbankensparte.
Was wusste Dimon?
Angaben der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge könnte gleich das komplette Londoner Büro vor dem Aus stehen. Davon betroffen wären „einige Dutzend“ Mitarbeiter. Offiziell hieß es von JP Morgan lediglich, man prüfe, ob einer der Mitarbeiter der Sparte versucht habe, Risken zu verschleiern. Bislang gebe es aber keine Anzeichen dafür.
Wie genau ein so großer Schaden entstehen konnte, ist immer noch nicht ganz klar. Eigentlich ist die Londoner Sparte dafür verantwortlich, die Risken der Bank abzusichern. Dabei hat sie sich offenbar mit Kreditausfall-Versicherungen verspekuliert. Solche Papiere hatten schon 2008 für viel Aufregung gesorgt.
Unklar ist auch, inwieweit der Wall-Street-Star Dimon in die Geschäfte eingeweiht war. Informationen von Bloomberg zufolge soll der CEO täglich Berichte über Gewinne und Verluste des „Chief Investment Office“ erhalten haben. Am Wochenende übte er sich in Demut: „Wir wissen, dass wir nachlässig waren, wir wissen, dass wir dumm waren, wir wissen, dass es an Urteilsvermögen mangelte“, sagt er gegenüber NBC.
Für die gesamte Bankenwelt kommt der Handelsskandal zur Unzeit. „Das ist eine ziemlich unglückliche Zeit für so einen Fehler“, räumte auch Dimon selbst ein. Denn in Washington wird momentan über die Verabschiedung der sogenannten „Volcker-Rule“ verhandelt. Die nach dem früheren US-Notenbankchef Paul Volcker benannte Regel verbietet es Banken, mit dem eigenen Geld zu spekulieren. Ausgerechnet der JP-Morgan-Chef war bislang der lauteste Kritiker des Gesetzesvorhabens. Der Kongressabgeordnete Barney Frank erklärte am Samstag, es sei nun um „zwei Mrd. Dollar schwerer geworden, gegen die neuen Regeln zu argumentieren“.
Anleger reagieren nervös
Auch an der Börse sorgte der Verlust für Aufregung. Am Freitag gaben die Aktien von JP Morgan mehr als neun Prozent ab. Auch Morgan Stanley, Goldman Sachs und Citigroup mussten Verluste hinnehmen. Die Nervosität hielt auch am Montag noch an: JP Morgan setzte den Abwärtstrend fort, zur Eröffnung der New Yorker Börse lag das Papier erneut mit zwei Prozent im Minus. Am Freitag hatte die Ratingagentur Fitch das Institut noch eine Stufe heruntergestuft. Die Agentur begründete dies mit den Risken, die mit dem Verlust verbunden seien, etwa für den Ruf und die Führung der Bank.
WirtschaftswachstumDas Plus und Minus der EU-Länder im ersten Quartal
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet
UrlaubÖsterreicher im EU-Ranking voran