China: Die Werkbank der Welt wird EU-Firmen zu teuer

29.05.2012 | 18:15 |  Von unserem Korrespondenten FELIX LEE (Die Presse)

Wie aus einer aktuellen Studie der EU-Handelskammer in Peking hervorgeht, jedes fünfte EU-Unternehmen erwägt den Abzug aus China. Die Gründe dafür sind Bürokratie und Behördenwillkür sowie steigende Lohnkosten.

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Peking. Rekordumsätze, zweistellige Wachstumsraten und ein gigantischer Binnenmarkt – dennoch ist die Stimmung unter vielen europäischen Unternehmen in China schlecht. Wie aus einer aktuellen Studie der EU-Handelskammer in Peking hervorgeht, erwägt jedes fünfte europäische Unternehmen in der Volksrepublik derzeit die Abwanderung in ein anderes Land. „Das würde ich als ziemlich alarmierend betrachten“, sagte EU-Kammerpräsident David Cucino am Dienstag bei der Vorstellung der Studie.

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Die beiden am häufigsten genannten Beschwerden: Rechtsunsicherheit und die Willkür der Behörden. 22 Prozent beklagten, dass Gesetze und Vorschriften nach wie vor nicht eindeutig seien und von den Verwaltungen vor Ort oft willkürlich ausgelegt würden. Jedes zweite europäische Unternehmen gab an, dass ihm wegen solcher behördlicher Hürden mögliche Geschäfte entgangen seien. Zwei Drittel dieser Gruppe gingen auf diese Weise mehr als zehn Prozent des Geschäftsvolumens durch die Lappen. Die verpatzten Geschäfte würden sich auf mehrere Milliarden Euro im Jahr summieren. Viele europäische Unternehmen beschweren sich zudem darüber, dass die Regierung in Peking heimische Unternehmen bevorteile und mit protektionistischen Mitteln gegen ausländische Konkurrenz abschirme.

Die EU-Kammer erhebt diese Umfrage jedes Jahr. Geantwortet haben dieses Mal 550 europäische Firmenvertreter. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen mit weniger als fünf Jahren China-Erfahrung erwägen eine Produktionsverlagerung (29Prozent). Sie ziehen als Alternative Länder Lateinamerikas oder Südostasiens wie etwa Vietnam in Betracht. Große Unternehmen mit 5000 Mitarbeitern und mehr teilen diese Einschätzung sehr viel weniger (17Prozent). Für sie bleibt die Volksrepublik ein attraktiver Produktionsstandort.

 

Löhne haben sich verdoppelt

Was als Klagepunkt der europäischen Unternehmen im Vergleich zu den Studien der Vorjahre immer stärker in den Vordergrund rückt sind die steigenden Arbeitskosten. Tatsächlich haben sich die Löhne vor allem in den boomenden Küstenprovinzen im Osten des Landes binnen kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Verdiente ein einfacher Industriearbeiter vor zwei Jahren im Schnitt noch etwa 1500 Yuan im Monat (rund 190 Euro), sind die Löhne inzwischen auf 400 Euro gestiegen. Facharbeiter in Peking, Shanghai und am Perlflussdelta sind unter 1100 Euro kaum mehr zu finden.

Konkret heißt das: Für Unternehmen, die vor allem aufgrund niedriger Arbeitskosten nach China gekommen sind, lohnen sich Investitionen in der Volksrepublik immer weniger. Firmen, die hingegen auf den weiter stark wachsenden Absatzmarkt setzen, nehmen die Behördenwillkür in Kauf.

Dies führt zunehmend auch dazu, dass Firmen ihre Werke aus China sogar wieder nach Europa zurückholen. Ein solches Beispiel ist der Wiener Elektronikkonzern Kapsch. Das Unternehmen übernahm vor rund eineinhalb Jahren mit dem Kauf der Zugfunksparte des kanadischen Herstellers Nortel auch eine Fabrik im chinesischen Foshan Shunde. Inzwischen ist das Werk geschlossen und die Produktion nach Wien-Liesing verlegt. Dort schaffen 50 Mitarbeiter gleich viel, wie in China 500. Dadurch würden die höheren Lohnkosten wieder weitgehend egalisiert, heißt es bei Kapsch.

Die alljährlich durchgeführte Studie sagt viel über die Stimmung der europäischen Unternehmer in China aus. Denn werden die Unternehmen einzeln nach ihrem Befinden gefragt, halten sich ihre Firmenvertreter mit Beschwerden zumeist zurück. Das nicht zuletzt deshalb, weil sie ihre chinesischen Geschäftspartner und vor allem die Regierungsbehörden nicht verärgern wollen. Über die anonyme Umfrage der EU-Kammer haben sie hingegen die Möglichkeit, ihrem angestauten Frust freien Lauf zu lassen.

Auf einen Blick

Laut einer Umfrage der EU-Handelskammer in Peking will jedes fünfte EU-Unternehmen, das in China Werke unterhält, dem Land wieder den Rücken kehren. Grund dafür sind Bürokratie und Behördenwillkür sowie stark steigende Lohnkosten. Die Firmen ziehen in der Regel weiter in andere Länder Asiens wie Vietnam, nach Lateinamerika oder – vor allem bei Hightech-Produkten – auch zurück nach Europa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2012)

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27 Kommentare
 
12
Gast: schnellhorn
30.05.2012 13:13
3

also funktioniert er doch der vielgescholtene markt ?

also funktioniert er doch der vielgescholtene markt ? von der verarmung, der mao-uniform, einer schale reis und einem kaputten fahrrad (wohl gemerkt KP-olitisch verordnet); ploetzlich durch oeffnung, industrialisierung und markt, zum gespenstisch gefaehrlichen konkurenten.

und jetzt schlaegt "der markt" schon wieder zu; der einerseits wohlstand schafft aber auch gleichzeitig die loehne steigen laesst und somit den boom (export) mindert. das resultat ist annaeherung der standorte.

nein kann nicht sein, ist wohl alles von der ostkueste aus gesteuert.

Re: also funktioniert er doch der vielgescholtene markt ?

Wenn man sich schnellhorn nennt und schellhorn anhimmelt wie der homomanager des atomkraftwerkes Springfield,Mister Burns,drängt sich schon ein kriecherisches Verhalten auf.Nähmlich, Verzicht auf Eigendenken zugunsten eines auserkorenen Gurus.Was der sagt ist Programm.Außerdem würde eine Schale Reis,die sie so läßig belächeln,den unförmigen Körpern der Globalisierungsgewinnern,gut tun.Den Anabolikajunkies und ansichherumschnitzligern genau so.Was Wohlstand ist:ist IHNEN verborgen.Sie werden es in diesen Leben auch nicht mehr begreifen.

Gast: Warum auch noch in China bleiben?
30.05.2012 08:42
3

Dank Harz IV gibt's besser Lösungen!

In Deutschland sind die Arbeitskosten inzwischen dank Harz IV ohnedies billiger als in China, die Arbeitskräfte arbeiten auch gerne 60 Stunden und mehr die Woche für den Mindestlohn, wenn nicht, kommt die Streichung und Mensch steht auf der Straße. Und hat Firma gute Kontakte, gibt's die Arbeitskräfte sogar kostenlos.

In den USA bekommen Firmen Häftlinge defakto kostenlos für die Arbeit, bei einem Anteil von mehr als 1% die im Gefängnis sitzen, werden die Arbeitsplätze in den nächsten Jahrzehnten sicher nicht ausgehen, zumale der Staat ja den privaten Haftanstalten eine Mindestbelegung von 80% versprochen hat, notfalls eben mit Kinder belegen!

Und da kann China und andere Staaten schön langsam einfach nicht mehr Mithalten, vor allem dann wenn das Arbeitsrecht in Deutschland schon mal weniger Wert ist als in China.

Nachzulesen in Telepolis. damit keiner auf die Idee kommt, alles Blödsinn:
http://www.heise.de/tp/default.html

Gast: Na und?
30.05.2012 07:28
6

Warum die Kritik an China?

Es ist doch von Anfang an klar gewesen, worum es geht: Aufbau von Industrie und technischem Können, finanziert vom Westen.

Die Firmen, die jetzt jammern, sind selber schuld. China hat aus seiner Geschichte heraus NUR schlechte Erfahrungen mit Europa gemacht. In den letzten zwanzig Jahren ist halt einmal der Spieß umgedreht worden!

Man sollte Zyniker genug sein, die abgewanderten Firmen gar nicht mehr zurück nach Europa zu lassen. In den guten Zeiten haben die auf ihre Arbeiter und Märkte gehustet, in den schlechten wäre Europa wieder gut genug?!

Vielleicht, daß man Infrastruktur gratis anbietet und Steuerschlupflöcher sperrangelweit aufmacht?!

Nein, danke!

Gast: ZahlmeisterIn
30.05.2012 05:52
2

Anderer Grund?

Vielleicht aber auch lässt sich China seine Exporte nicht länger mit wertlosen Dollar und Euro abgelten. Und für Gold-gedeckte Bestellungen hat der Westen kein Cash mehr. Der Fuchs dem die Trauben zu hoch hangen, produziert also zwangsweise wieder zu hause?

Gast: Hutbürger
30.05.2012 00:35
2

Die Werkbank der Welt

hat sich billig das knowhow des Westens geholt und unsere Arbeitsplätze, die Löhne und den Lebensstandard im Westen ruiniert. Recht schönen Dank allen dieser so weitsichtigen Firmen, die es vorgezogen haben, lieber in China zu produzieren. Sollen sie doch auch jetzt dort bleiben!

Antworten Gast: nicht ganz
30.05.2012 13:34
1

Re: Die Werkbank der Welt

Es hat nicht China gebraucht, das das "knowhow des Westens geholt und unsere Arbeitsplätze, die Löhne und den Lebensstandard im Westen ruiniert" hat. Das haben wir, unsere Politiker, unsere Firmen und unsere Dummheit ganz alleine zusammengebracht. China hat das nur geschickt ausgenuetzt. Das kann man nicht China vorwerfen, nur uns.

Und dass Arbeitskraefte in China oder Indien 1:1 mit solchen in Europa oder USA zu vergleichen sind glaubt auch nur ein Manager der von Quartal zu Quartal lebt.

Antworten Gast: Stimmt nicht ganz!
30.05.2012 08:50
4

Re: Die Werkbank der Welt

Beispiel Vöst, würde gerne in Linz ein paar Hochöfen aufstellen, die Auflagen sind so, das gar nix anders übrigbleibt als in's EU Ausland zu gehen, und wer heute daran denkt hierzulande eine Fabrik aufzustellen, der wird höchsten sein blaues Wunder erleben, in China zahle ich zwar Schmiergeld, hab dafür dann ruhe von lästiger Konkurrenz, die es versteht das Leben mehr als schwer zu machen!

Oder warum sind wohl die AMS mit Leuten vollgestopft, sicher nicht weil alles so deppert sind, nicht ihre eigenen Ideen umzusetzen, rechtlich einfach unmöglich!

Gast: itsrazy
29.05.2012 22:00
2

die heuschrecken wandern weiter- sind ihnen die hunderten millionen rechtlosen chinesischen wanderarbeiter auch schon zu teuer geworden? wohin gehts weiter-nach afrika etwa? oder zu den deutschen 1 euro jobbern und hartzIV empfängern?


Endlich

Werkbänke zurück nach Europa!

Re: Endlich

Juchuu! Endlich brauchen wir nicht mehr andere arbeiten zu lassen, und damit Geld zu verdienen. Endlich dürfen wir wieder selbst in die Fabrik!

Antworten Antworten Gast: gaaanzsicher
30.05.2012 08:29
1

Re: Re: Endlich

leider haben nur wenige damit verdient andere (Chinesen) für sich arbeiten zu lassen, während hier die jobs gedumpt wurden...aber wie lautet der spruch: die gier ist ein ......

Antworten Gast: efafafawfafawfadwawdawd
30.05.2012 00:29
2

Re: Endlich

Ja endlich, sicher werden sie auch Löhne zahlen die wir in Europa fair finden......... oder?

Schon was von McJobs gehört?

Gast: Währungsökonom
29.05.2012 15:36
3

China cleverer als Deutschland

Die Chinesen funktionieren ihre Volkswirtschaft von einer investitionsgetriebenen in eine konsumgetriebene um. Die Löhne werden angehoben und der Konsum beziehungsweise die Binnenwirtschaft wird gestützt. China wird bald langlebige und hochwertige Güter produzieren und der Deutschen/Austria etc. Wirtschaft den Export vermiesen. Nur haben die vor ihre Bevölkerung an dem Wohlstand teilhaben zu lassen. Unglaublich das Tempo dass die Chinesen vorlegen. Schlicht beeindruckend! Es würde auch nicht überraschen wenn und falls der Deutschland Export zusammenbricht dass Frankreich mit einem deutlich höheren Binnenmarkt plötzlich als stabilere und stärkere Volkswirtschaft in Europa positioniert ist. Dann hätte Deutschland den Süden sarniert, ihre eigene Wirtschaft blamiert und vor allem ihre Bürger finanziell massakriert.

Antworten Gast: Martin_S
30.05.2012 12:53
0

Re: China cleverer als Deutschland

"Nur haben die vor ihre Bevölkerung an dem Wohlstand teilhaben zu lassen" -> Woher nehmen Sie den Blödsinn her? Die massen an Wanderarbeitern, die massen an armen bauern etc - die haben null Chancen auch nur 1 euro davon zu kriegen!

Und warum, um Himmels willen, sollte Frankreich einen deutlich "höheren" (??) Binnenmarkt als Deutschland haben?? Erstens meinen Sie wohl "grösseren" - nur, dazu muss man auch was tun, und nicht nur ein paar Taused Lehrer einstellen...

Antworten Gast: Stefan Bach
30.05.2012 12:06
1

Re: China cleverer als Deutschland

Da kann ich nur zustimmen, es ist beeindruckend auf welche Art und Weise die VR China vorwärts schreitet. Ein Wirtschafts-Krieg in welchem VR China einfach langfristiger gedacht hat.
Eigentlich ist es schon erstaunlich mit welcher Dummheit da us- und europ. Unternehmen sich in die Fänge Chinas begeben haben. Ich denke China hat genau die Schwäche des Kapitalismus, die grenzenlose Gier, einfach für sich nutzen können und die us- und europ. Unternehmen gegen sich selbst ausgespielt.
Meiner Meinung nach ist für Europa, die Russ.Föd. eine wichtige Adresse für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung. Wenn dann kann nur durch die Russ.Föd. ein Gegengewicht zu VR China geschaffen werden und dadurch eine zu starke Dominaz durch China verhindert werden.

Re: China cleverer als Deutschland

.... vielleicht sollten Sie auch Ihren Wissensstand SA(R)NIEREN .......

Gast: Wenig ergiebig
29.05.2012 15:24
2

Und wohin wollen sie abwandern?

Hat man vergessen, diese Frage zu stellen? Oder gibt es einen Grund, die Antwort zu verheimlichen.

Re: Und wohin wollen sie abwandern?

die Frage wurde beantwortet! genau lesen- Lateinamerika, vietnam

Strafzoll

Strafzölle auf alles was in China produziert wird und früher in Europa produziert wurde.

Verkauft soll es ja dann wieder in Europa werden, doch wird das auf Dauer schwer funktionieren, wenn durch Abwanderung der Arbeitsplätze die Kaufkraft fehlt.

Nicht China hat sich selbst so stark gemacht, China ist von uns so stark gemacht worden.
Wenn der Wille da wäre, dann könnte man das auch jederzeit wieder zurück nehmen.
USA und Europa brauchten nur gemeinsam agieren.
Der Gewinn von Firmen, würde sich natürlich reduzieren, aber wir sprechen von Reduktion von Gewinn und nicht von katastrophalem Verlust.

Der Merkantilismus

stirbt wohl nie aus.

Als Entgegnung mein liebstes Keynes(!)-Zitat:
"Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist."

Antworten Gast: Stefan Bach
30.05.2012 11:39
0

Re: Strafzoll

Wenn Sie den Artikel aufmerksam gelesen hätten, dann hätten Sie mitbekommen, dass nicht nur die Produktionsstätten nach China transeferiert wurden, sondern auch die Kaufkraft. Eine Verdoppelung der Löhne innerhalb von 2 Jahren ist beachtlich. Und ein mtl. Entgelt von 1100 € erinnert dann schon an unser Lohnniveau.

Antworten Gast: Stefan Bach
30.05.2012 11:17
1

Re: Strafzoll

So einfach ist das nicht. Einfach zu naiv gedacht.
Die USA und EU hat schon längst die Kontrolle über den Weltmarkt verloren.
Die VR China hat eine gute Strategie und nutzte die Gier der euro. und us-amer. Unternehmer aus. Ja auch unser Konsumverhalten spielt da eine gr. Rolle. Immerhin hat uns auch keiner gezwungen Produkte "Made in China" zu kaufen.

die Karawane zieht weiter

wer hätte das gedacht
behördliche Hürden ,na sowas ,ist ja ganz was neues in China
was bietet sich an ?
back to the Roots ,heim ins Reich der ein Euro Jobber ,billiger wirds niergendsmehr
bleib im Land und nähr dich redlich ,kleines Unternehmerlein

Antworten Gast: Hutbürger
30.05.2012 00:36
0

wie es schon oben jemand ausgedrückt hat:

es ist keine Karawane, sondern ein Heuschreckenschwarm.

Gast: Wirtschaftsanalyse 2020
29.05.2012 10:25
5

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