Wallraff: "Moderne Sklaverei mitten in Deutschland"

Enthüllungsjournalist Wallraff stellt den europaweit tätigen Paketzusteller GLS an den Pranger. Er spricht von "Arbeitsbedingungen, die ruinieren".

Wallraff Arbeitsbedingungen ruinieren
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Wallraff Arbeitsbedingungen ruinieren
(c) AP (Michael Probst)

Der bekannte deutsche Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat wieder einmal undercover recherchiert und Missstände aufgedeckt. Diesmal beim europaweit tätigen Paketzusteller GLS. "Ich habe dort an verschiedenen Standorten mitgearbeitet und recherchiert - und habe Arbeitsbedingungen festgestellt, die körperlich, nervlich und finanziell ruinieren", sagt Wallraff. Er hat nach eigenen Angaben mehrere Monate lang verdeckt bei GLS gearbeitet.

Er spricht von "Menschenschinderei mit System". Sein Schluss: "Es ist ein System, das eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland darstellt". Betroffen seien vor allem jüngere Beschäftigte, die sich in die Scheinselbständigkeit drängen lassen würden - einfach weil sie froh seien, einen Job zu haben. So werden die GLS-Fahrer zu Subunternehmern gemacht. "Viele werden total ausgebeutet, geraten in eine Schuldenfalle - und GLS stiehlt sich geschickt und komplett aus der Verantwortung", lautet sein Vorwurf.

Skandalöse Arbeitsbedingungen

"Es konnten oft keine Pausen gemacht werden, nachts waren nur vier oder fünf Stunden Schlaf drin. Das Unfallrisiko ist enorm", schildert Wallraff. "Wir waren in verbeulten Karren und bei Schnee und Eis auch mit Sommerreifen unterwegs."

Und: "Ein Skandal ist auch, dass die ersten Stunden gar nicht bezahlt werden. Wenn die Fahrer um 5 Uhr die Pakete aus den Depots holen, vom Band nehmen, scannen und in die Wagen tragen, werden diese zwei, drei Stunden nicht bezahlt. GLS zahlt seinen Subunternehmern nur einen Preis pro Paket." Es handle sich um "prekäre Beschäftigung" und um Dumpinglöhne von oft nur umgerechnet drei bis fünf Euro pro Stunde. Er habe 14-Stunden-Einsätze bis zur totalen Erschöpfung erlebt, Schlafdefizite, Drangsalierung. Arbeitsschutzgesetze würden klar missachtet, sagt der 69-Jährige. "Gegenüber den Behörden werden manipulierte Angaben gemacht."

Firmenname bis zuletzt geheim gehalten

Nachzulesen sind die Details in der "Zeit"-Reportage "Armee der Unsichtbaren". Darin schildert Wallraff seine Eindrücke vom Knochenjob Paketzusteller. Am Mittwochabend wurde auch eine entsprechende TV-Doku auf RTL ausgestrahlt.

Den Namen des Unternehmens hatte Wallraff bis kurz vor Ausstrahlung seiner einstündigen Reportage um 21.15 Uhr bei RTL nicht nennen wollen. Er habe eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung im Fernsehen und auch im "Zeit-Magazin" am Donnerstag befürchtet, sagte er zur Begründung. Der Verbraucher könne diesem expandierenden europäischen Konzern möglicherweise Einhalt gebieten oder Verbesserungen bewirken, in dem er nicht immer "online, schnell und billigst" bestelle, meinte Wallraff.

GLS auch in Österreich tätig

GLS (General Logistics Systems) mit Sitz in Amsterdam hat nach eigenen Angaben gut 210.000 Kunden in Europa, davon rund 40.000 in Deutschland. Laut Homepage gibt es in ganz Deutschland für den Paket-und Express-Service 57 Depots, und 3.850 Zustellerfahrzeuge sind im Einsatz. Auch in Österreich ist der Konzern tätig.

GLS weist Vorwürfe zurück

Der Paketzusteller GLS hat die Vorwürfe von Wallraff zurückgewiesen. Es handele sich bei dem Beitrag um eine "einseitige und verkürzte Berichterstattung", erklärte das Unternehmen am Donnerstag im hessischen Neuenstein. GLS verpflichte Transportfirmen "zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen", hieß es in einer Mitteilung. Das Unternehmen mit Sitz in Amsterdam, das in Deutschland zu den vier größten Paketlogistikern gehört, "bedauerte" den Bericht.

"Die GLS Gruppe akzeptiert keine despektierlichen Äußerungen über Subunternehmen und deren Fahrer in ihrem Unternehmen", entgegneten der Geschäftsführer von GLS Germany, Klaus Conrad, und Rico Back als Chef der GLS-Gruppe

GLS kein Einzelfall

Nach seiner Einschätzung ist der Konzern nicht der einzige, der Dumpinglöhne zahlt und Verstöße gegen arbeitsrechtliche Regelungen bewusst in Kauf nimmt. "Bei mir häufen sich Zuschriften von vielen Betroffenen aus den unteren Hierarchie-Ebenen, aber auch von Managern, die diese Zustände nicht mehr verantworten wollen."

Er hoffe, nun auch möglichst viele Betroffene über den Privatsender RTL zu erreichen: "Die, auf die es mir sehr ankommt, sind die Jüngeren. Das sind die, die vielleicht weniger Bücher lesen", sagte Wallraff. Der Journalist hat auch diesmal sein Aussehen verändert und sich auf jünger trimmen lassen. Seit den 70er Jahren sorgt er mit seinen Undercover-Recherchen für Schlagzeilen, etwa als "Bild"-Reporter oder als türkischer Gastarbeiter Ali. Seine Recherche über schlechte Bezahlung und mangelnden Arbeitsschutz in einer Großbäckerei, die einem Discounter zuliefert, führte zu einem noch laufenden Prozess gegen den Firmenchef.

(Red.)

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