War es nur eine Delle oder befindet sich Chinas Wirtschaft tatsächlich auf dem Weg in die Flaute? Diese Frage stellen sich nicht nur Ökonomen im Reich der Mitte. Eine klare Antwort – und zwar naturgemäß in Richtung einer nur kurzfristigen Abkühlung – erhofft sich vor allem das krisengeschüttelte Europa: Es setzt nämlich darauf, von der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aus dem Konjunkturtief gezogen zu werden.
Derzeit kommen allerdings sehr widersprüchliche Nachrichten aus China, was die Einschätzung nicht einfacher macht. Die jüngsten Daten zur chinesischen Wirtschaft bestätigen einmal mehr, dass alles relativ ist: Was in den westlichen Industriestaaten als Rekord gefeiert würde, kann in der Volksrepublik schon Sorgen bereiten. Die Industrieproduktion Chinas verharrt laut jüngsten Zahlen des Nationalen Statistikamts auf einem für die Volksrepublik sehr niedrigen Niveau. Im Mai blieben sowohl der Einzelhandelsumsatz mit einem Plus von 13,8 Prozent als auch die Industrieproduktion mit einem Wachstum von 9,6 Prozent im Jahresvergleich unter den Erwartungen der Experten. Damit schaffte die Industrie zum zweiten Mal in Folge kein Wachstum über zehn Prozent – das war zuvor fast drei Jahre lang nicht mehr vorgekommen.
Die Sachgüterinvestionen lagen mit 20,1 Prozent Zuwachs in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um 0,1 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Auch diese Marke ist zum dritten Mal in Folge gefallen.
Niedrigstes Wachstum seit drei Jahren
Laut chinesischen Medien hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Jahreswachstumsprognose für China von 8,2 auf acht Prozent nach unten korrigiert. Für die Volksrepublik wäre es das niedrigste Wachstum seit drei Jahren. Die Regierung selbst spricht in ihrer Vorschau für heuer nur von plus 7,5 Prozent. Dieser Trend verstärkt die Sorgen von Analysten, China könnte auf den schwersten Abschwung seit Jahren zusteuern. Schon im ersten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur um 8,1 Prozent – das war der niedrigste Anstieg seit drei Jahren. Im Vorquartal hatte das Wachstum noch 8,9 Prozent betragen.
Die chinesische Zentralbank hat in der vergangenen Woche die Reißleine gezogen und mit der überraschenden Senkung der Leitzinsen – der ersten seit 2008 – mehr als deutlich signalisiert, dass auch sie von einer Abschwächung ausgeht.
Diese Einschätzung dürften auch die aktuellen Zahlen zum Im- und Export nicht gravierend ändern, die sich überraschend verbessert haben: Wie die Zollverwaltung in Peking mitteilte, ist das Außenhandelsvolumen im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat um 14,1 Prozent gestiegen – auf eine Rekordsumme von mehr als 340 Mrd Dollar. Der starke Einbruch im Außenhandel in den Monaten zuvor wurde mit der Schuldenkrise in Europa begründet – China drohte dadurch der wichtigste Exportmarkt wegzubrechen. Ob die starke Steigerung der Ausfuhren auch schon die Entspannung in Europa bedeutet? Eine Antwort auf diese Frage gibt es derzeit nicht.
Vor allem die Exporte stiegen im Mai mit 15,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr deutlich stärker als erwartet. Die Importe kletterten im Mai mit 12,7 Prozent ebenfalls deutlich – im April waren es nur 0,3 Prozent gewesen. Insgesamt wuchs Chinas Außenhandel in den ersten fünf Monaten des Jahres um 7,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Regierung peilt in diesem Jahr aufgrund der schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein Handelswachstum von zehn Prozent an. Allerdings war Chinas Außenhandel im Vorjahr noch um 22,5 Prozent gewachsen. Deshalb warnen Analysten auch davor, aus den Zahlen eine Trendwende für die chinesische Wirtschaft abzulesen.
Niedrige Inflation
Positiv in die Waagschale fällt die niedrige Inflation: Auf Jahresbasis lag die Rate im Mai bei drei Prozent – der niedrigste Stand seit fast zwei Jahren. Die Erzeugerpreise, die einen Hinweis auf die künftige Inflationsentwicklung geben können, sind im Mai um 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gesunken. Chinas Wirtschaftspolitik müsse sich in diesem Jahr weniger der Inflationsbekämpfung widmen als vielmehr der schwächelnden Konjunktur, meinen Ökonomen. Regierungschef Wen Jiabao hat schon im Mai angekündigt, dem Wachstum wieder mehr Priorität einräumen zu wollen. Übereilte Hoffnungen auf ein eventuell geplantes neues Konjunkturprogramm wurden von offizieller Seite aber sofort gedämpft.
Ein weiterer Lichtblick ist die Binnennachfrage, die sich in China deutlich zu erholen scheint. So legte der chinesische Automarkt im Mai um fast 16 Prozent zu. Seit Anfang des Jahres konnten die Hersteller insgesamt 6,33 Millionen Pkw absetzen. Europas größter Autokonzern VW will sein Geschäft in China ausbauen und die Produktionskapazität auf vier Millionen Fahrzeuge verdoppeln, berichtet das Magazin „Focus“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)
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