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Der teure Traum von weniger Arbeit

17.06.2012 | 18:36 |  von Matthias Auer und Jeannine Hierländer (Die Presse)

Mit den Parlamentswahlen am Sonntag rutscht Frankreich nach links. Was brachten französische Wirtschaftsrezepte wie die 35-Stunden-Woche?

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Mit den gestrigen Parlamentswahlen ist der Linksrutsch in Frankreich wohl perfekt. Nach dem Wahlsieg des Sozialisten François Hollande bei der Präsidentschaftswahl müssen die Konservativen nach zehn Jahren auch ihre Macht im Parlament abgeben. So ist der Weg für die Ideen der französischen Linken frei – auch in Europa. Hollande wird die Trommel für Eurobonds und Wachstumspakt nun noch lauter rühren.

Dass manche Wirtschaftsrezepte aus Frankreich mit Vorsicht zu genießen sind, zeigt etwa ein Blick auf das Vorzeigeprojekt der letzten linken Regierung in Paris: die 35-Stunden-Woche. „Weniger arbeiten für mehr Jobs“, lautete die Parole damals. Arbeiten alle ein wenig kürzer, müssen die vorhandenen Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden, so die Idee bei der Einführung. Eine Dekade und etliche Studien später zeigt sich: Die 35-Stunden-Woche erfüllt ihren Zweck nicht. Das argumentieren zumindest die IWF-Ökonomen Marcello Estevao und Filipa Sá.

Gleiche Arbeit, aber Überstunden

Sie beobachteten bereits 2007 ein bemerkenswertes Phänomen: Obwohl die wöchentliche Arbeitszeit per Gesetz auf 35 Stunden, die kürzeste Arbeitswoche der Industrienationen, gesenkt wurde, änderte sich die tatsächliche Arbeitszeit der Franzosen kaum. Bei Männern gab es de facto keine Veränderungen, nur die Stundenlöhne stiegen stärker an. Frauen (ohne Teilzeit) arbeiteten im Schnitt 25 Minuten kürzer in der Woche als vorher– häuften aber deutlich mehr Überstunden an. Entsprechend gering seien die Auswirkungen auf die Beschäftigung, schließen die Autoren.

Während andere Studien von bis zu 300.000 zusätzlichen Jobs sprechen, finden sie keine Anzeichen dafür, dass mehr Arbeitsplätze generiert wurden. Andere Folgen wirken bis heute nach. So haben etwa die Angestellten des öffentlichen Spitals Hôpital Vaurigard in Paris von 2002 bis 2012 zwei Millionen freie Tage angehäuft.

Gleichzeitig hat die Einführung der 35-Stunden-Woche den Faktor Arbeit drastisch verteuert. Das zeigt ein Vergleich mit dem Nachbarland Deutschland: Zwischen 2001 und 2011 sind die Arbeitskosten in Deutschland um 19,4 Prozent gestiegen, das ist der geringste Anstieg in der EU. In Frankreich sind sie in der selben Zeit um 39,2 Prozent in die Höhe geschnellt, so das Statistische Bundesamt.

Dadurch büßte das Land Wettbewerbsfähigkeit ein, die Exportwirtschaft litt, zeigte eine Studie des arbeitgebernahen Forschungsinstituts COE-Rexecode. Auch die Kaufkraft habe sich negativ entwickelt: Während das BIP pro Kopf in Deutschland zwischen 1999 und 2010 um 13,3 Prozent stieg, schaffte Frankreich in der Zeit nur ein Plus von 7,2 Prozent.

Gesetz wurde 2008 gelockert

Rechnet man alle Krankenstände und Urlaube ein, arbeiten die französischen „Vollzeit“-Beschäftigten laut Studie um sechs Wochen weniger pro Jahr als die Deutschen. Das Institut bezieht sich auf Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat. Demnach arbeiten nur die Finnen effektiv weniger als die Franzosen.

2008 wurde die 35-Stunden-Woche abgeschwächt. Die Wochenarbeitszeit blieb offiziell zwar gleich. In Abstimmung mit den Mitarbeitern können Firmen seither die Arbeitszeit durch Überstunden mit geringeren Sozialabgaben aber wieder erhöhen. Solange die neue Regierung daran nicht rüttelt.

Die meisten Franzosen kennen laut Umfragen die negativen Folgen der 35-Stunden-Woche, wollen sie aber trotzdem nicht aufgeben. Philippe Poutou, Gewerkschafter und chancenloser Präsidentschaftskandidat, geht noch weiter: „Wenn es möglich wäre, gar nicht zu arbeiten, wären wir nicht dagegen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)

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10 Kommentare
Gast: Jean Paul Getty
18.06.2012 20:39
0 0

Um es im Leben zu etwas zu bringen, muss man früh aufstehen, bis in die Nacht arbeiten - und Öl finden.




Philippe Poutou, Gewerkschafter und chancenloser Präsidentschaftskandidat, geht noch weiter: „Wenn es möglich wäre, gar nicht zu arbeiten, wären wir nicht dagegen.“

Wahnsinn diese Ansichten, die gehören mit einen nassen Fetzen verjagt, zum Glück bin ich bei keiner Gewerkschaft!

35 Stundenwoche

möchte ich auch haben

Produktivität und Rationalisierung

Weniger Zeit mit Arbeit zu verbringen wäre die logische Konsequenz aus Rationalisierung und Produktionssteigerung. Aber da die Gewinne ja sprudeln müssen und die Zinsen bezahlt werden müssen, ist eine maximal mögliche Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft eine Ressource, die ausgeschöpft werden muss. Und wenn deshalb der Planet geplündert und sinnloser Mist überproduziert wird.

Antworten Gast: Gruftmaus
18.06.2012 16:00
0 1

Re: Produktivität und Rationalisierung

Wer mehr Freizeit hat, kann auch durchatmen und sich orientieren.
Genau DAS ist der Knackpunkt und nicht etwa Menschlichkeit.
Früher ging die Politik unter Tags von Frau zu Frau, am Gang und beim Greißler.
Später dann "an den Mann".
Schluß damit, Frauen haben nun genauso zu schuften und desinteressiert zu sein.

2 1

theoretisch ...

wäre es doch umsetzbar das die menschen viel weniger arbeiten. immer mehr arbeitsvorgänge werden automatisiert und theoretisch stehen dann mehr arbeitskräfte für weniger prozesse zur verfügung, wenn ich mir allerdings die arbeitsmoral in österreich ansehe ist es kein wunder wenn wir bald 60h/woche arbeiten müssen damit das gleiche rausschaut ... ich sehs bei mir im betrieb, die jungen reißen sich un die lehrstellen/ferialjobs aber nach 2 wochen "zahts kan mehr", kein wunder überall wird arbeit als "schlecht" abgestempelt (egal ob radio, fernsehen etc.).

... arbeiten nur die Finnen effektiv weniger als die Franzosen

Der wichtigste Satz in dem Artikel:
"arbeiten nur die Finnen effektiv weniger als die Franzosen".

Es kommt gar nicht auf die fleißigen Vielarbeiter an
- und auch nicht auf die Mehrleister, die glauben durch ihre Überstunden super zu sein (eigentlich sind sie in ihrer Position vollkommen überfordert!)

Es kommt darauf an:
- wie die Arbeitszeitregeln sind
- wie die Menschen zu Arbeit stehen ("Muß sein", oder Selbstverwirklichung)
- ob das Bewußtsein: "Es gibt für jede Arbeit eine Automatisierung" schon angekommen ist
- wie Betriebe zu Effizienz und Produktivitätssteigerungen stehen.

In Frankreich war der Versuch der 35-Stunden-Woche ein organisierter Stimmenkauf der Gewerkschaften. Das kann nicht gut gehen.
Der Umkehrschluss, nur viel Arbeiten ist gut, gilt da nicht.

Dass flexibles Arbeiten (auch über die Lebenszeit verteilt) sehr gut gehen kann, zeigen die Finnen, die Belgier und die Ergebnisverbesserung bei VW nach der Umstellung des Arbeitszeitmodells.

Eines ist sicher:
Vollbeschäftigung ist nur mehr ein Märchen der Gewerkschaften, um die Wähler bei der Stange zu halten.
Automatisierung und IT werden dafür sorgen, dass wir unsere Lebenskonzepte umstellen müssen.

Gast: gertrudenora
18.06.2012 08:20
4 1

Wir bezahlen das gerne

Hollande hat jetzt unbeschränkte Macht: Er wird die 35 Stunden Woche verteidigen, die Pensionsreform Sarkoys wieder rückgängig machen (von 62 auf 60 Jahre) und den Mindestlohn hinaufsetzten.
Er hat komplett Recht! Wir bezahlen das ja! Es sind nicht nur die Deutschen, wie immer gesagt sind, wir sind im gleichen Boot. Am 4. Juli wird unsere Trauregierung den ESM absegnen, dann sind wir aufgefordert, unwiderruflich und widerspruchslos binnen 7 Tagen jeweils nach Abruf Milliarden in die Eurokasse - auf die wir kaum Zugriff haben werden - einzuzahlen. Der ESM wird absehbar auf mehrere Billionen gehelbelt werden, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Warum sollen sich die Griechen, Franzosen, Spanier, Italiener etc. nicht darauf bedienen? Wir haben dann vielleicht einen Bankenkollaps, der niemanden interessieren wird, weil die Fremdwährungskredite mit der Euroabwertung explodieren, kaum 300.000 Mittelstandshaushalte, und die Bankenprobleme in Ungarnd und Rumänien sind weit weg von den PIIGS - Österreich kriegt dann auch einen Schuldenschnitt, aber vorher gehen wir pleite. Die Zustände werden nicht ganz so schlimm sein wie in Griechenland, aber nicht einen großen Teil unseres Vermögens legen wir ab. Auf Hollande und die weiterhin stummen und braven Österreicher, die meinen, es wird schon nicht so schlimm werden und sich nicht mit Händen und Füßen wehren!

tja die

linken haben noch jeden staat ruiniert !
frankreich wird bald im eiltempo griechische verhältnisse haben !

Re: tja die

Hat Frankreich ja schon wenn du genauer hinsiehst.
Nur liegt Frankreich im Norden.
Stell dir vor, was los wäre wenn es öffentlich wird das erstmals eines der "reichen" Nordländer fällig ist - Halleluja!!!

Hobbyökonom