Als Graham Phelps vor einem Monat an einem Treffen der Anrainer mit dem Olympischen Organisationskomitee teilnahm, konnte er es nicht fassen. „Die hatten ihre Meinung schon wieder geändert“, beschwert sich der Unternehmer. „Seit ein paar Jahren schreibe ich denen E-Mails, um die Lage einschätzen zu können.“ Mal habe es geheißen, es werde begrenzt Verkehrsprobleme geben. Dann plötzlich, alle Straßen seien frei. Und nun wieder anders: Während der Olympischen und Paralympischen Spiele sollen bestimmte Straßen in der Nähe des Olympischen Parks im Osten Londons, wo die meisten Wettkämpfe stattfinden, für mehrere Wochen gesperrt werden.
Denn während Europas Sportfans derzeit noch gebannt zur Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine blicken, wird schon in wenigen Wochen die britische Hauptstadt in den Fokus des Interesses rücken. Zwischen 27. Juli und 12. August werden die 30. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit in und um die Millionenmetropole stattfinden.
„Für uns ist das untragbar“, wütet Phelps. Sein Transportunternehmen Phelps Transport ist in der Nachbarschaft beheimatet und zählt zu einer Gruppe von Betrieben, die sich durch die Olympischen Spiele in Bedrängnis sehen. „Wenn es wirklich so laufen wird, wie es jetzt aussieht, wird dieser Zirkus für viele von uns existenzbedrohend“, sieht Phelps voraus.
Beschwerde gegen die Spiele. Als einer von rund 50 Betrieben hat Phelps Transport daher eine Beschwerde gegen die Organisatoren der Olympischen Spiele laufen. Sollten sich die aktuellen Pläne, über die er erst seit kurzem informiert ist, nicht ändern, droht er mit Klage.
„Wie soll ich meine Kunden bedienen, wenn ich nicht die Straßen benutzen darf, die vor meine Tür gelegt sind?“, fragt sich Phelps, dessen Geschäft denn aus dem Liefern von Waren besteht. Der Zugang zur Schnellstraße A12, die er für fast alle seine Aufträge benutzt, soll während der Spiele aber gesperrt und weitere Auswege durch den Verkehr kaum benutzbar sein. Auf der anderen Seite liegt der Olympische Park, sodass sich Phelps, wie die rund 50 weiteren Betriebe, technisch von Absperrungen eingekreist sieht.
Einige klagen darüber, dass sie die Nachbarschaft nicht mehr verlassen könnten, andere befürchten, dass die Kunden keinen Zugang zu ihnen erhalten werden. Dazu zählen unter anderem Friseure, Cafés, Reinigungsunternehmen und eine NGO, die Transportdienstleistungen für behinderte Kinder bietet.
Vor einer Woche haben die betroffenen Betriebe die Olympic Delivery Authority (ODA), die im Auftrag des Olympischen Organisationskomitees die Erfüllung der Pläne versichert, und das für den öffentlichen Transport zuständige Unternehmen „Transport for London“ (TfL) kontaktiert. In einem 18-seitigen Beschwerdebrief ist von Menschenrechten die Rede, und dass den Betrieben bisher nicht einmal eine Entschädigung angeboten werde. „Diese Betriebe sind wirklich die Opfer der Olympischen Spiele. Wir hoffen, dass ODA und TfL auf unser Angebot zukommen, den Konflikt außergerichtlich zu regeln“, sagt Paul Ridge von der Kanzlei Bindmans, die die betroffenen Unternehmen vertritt.
Bisher hat weder ODA noch TfL auf das Schreiben reagiert. Gegenüber der „Presse“ kommunizierte Transport for London: „Für die durch die Olympischen Spiele unvermeidlichen vorübergehenden Veränderungen haben wir uns mit tausenden Geschäften und Personen beschäftigt und werden dies weiter tun.“ Weiter heißt es, man freue sich, auch in Zukunft mit allen Betrieben zu kooperieren, sodass auch diese von den Spielen profitieren könnten.
Allerdings sind die meisten der kleineren britischen Unternehmen nicht gerade angetan von den Olympischen Spielen. Einer Umfrage der Federation of Small Businesses (FSB) zufolge, die Unternehmen mit bis zu 249 Arbeitskräften repräsentiert, sehen sich über 60 Prozent der 4,5 Millionen solcher britischer Betriebe nicht als Gewinner des Sportevents. Nur sieben Prozent erwarten positive Auswirkungen auf ihr Geschäft und ein Viertel sieht sich als Verlierer.
Angst vor der Pleite. Einige der von Straßensperrungen und Verkehrsproblemen in der Nachbarschaft des Olympischen Parks betroffenen Unternehmen, die kollektiv an die 700 Arbeitskräfte beschäftigen, befürchten diesen Sommer sogar die Pleite, sagt Paul Ridge von Bindmans. Diese Tatsache bestätige nach Ridges Ansicht auch, dass die Olympischen Spiele vor allem ein Geschäft für die großen Unternehmen seien.
Wie sich das Geschäft seines Transportbetriebs diesen Sommer entwickeln wird, kann Graham Phelps noch nicht genau absehen. „Erstmal versuchen wir, dass wir einen Gerichtsprozess verhindern und wenigstens wir Anlieger unbeschränkt Zugang zu allen Straßen bekommen.“
Für alle Fälle streckt Phelps aber schon seine Fühler für neue Kunden aus. Auch das sei er gewohnt: Als vor fünf Jahren der Bau am Olympischen Park begann, mussten damals zahlreiche Unternehmen umsiedeln. „Dadurch habe ich 30 Prozent meiner Geschäftspartner verloren. Über die Jahre konnte ich einen neuen Kundenstamm aufbauen“, erinnert sich Phelps. Aber ob das noch einmal gelinge, wagt er nicht, vorherzusagen. „Am besten wäre es, wenn diese Olympischen Spiele einfach nicht stattfänden.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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