Womit haben die Japaner wohl die Götter erzürnt? Vor 15 Monaten schienen Megabeben, Tsunami und Atomdesaster die drittgrößte Volkswirtschaft auf Jahre zu paralysieren. Die direkten Schäden und mittelbaren Produktionsausfälle daraus summierten sich auf konservativ geschätzte 300Milliarden Euro. Sie trafen ein Land, dessen Politik wie gelähmt wirkte, dessen Staatskassen nicht nur leer sind, sondern auch noch mit fast 220Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung den höchsten Schuldenstand aller Industrienationen aufweisen. Viele Ökonomen in aller Welt senkten den Daumen, Japan galt als abschreibungsreif.
So schlimm haben es die Götter mit den Söhnen und Töchtern Nippons aber wohl doch nicht gemeint. Das fernöstliche Inselvolk ließ sich auch von dieser Katastrophe nicht unterkriegen und meldet sich nun ökonomisch zurück. Die japanische Volkswirtschaft wuchs im ersten Quartal mit einer hochgerechneten Jahresrate von real 4,7Prozent weit stärker als man annehmen konnte. Wohlgemerkt: Die dreifache Jahrhundertkatastrophe vom 11. März 2011 spielt im Jahresvergleich kaum eine Rolle, sie lag am Ende des Quartals. Bemerkenswert ist aber der Zuwachs von 1,2Prozent zu den vorangegangenen drei Monaten.
Natürlich hat die Regierung mit satten Konjunkturprogrammen von rund 200 Milliarden Euro kräftig nachgeholfen. Aber diese Erklärung allein wäre zu kurz gegriffen. Japans Unternehmer erwiesen sich in der Not eben nicht als Unterlasser, sondern reagierten schnell. Der Fahrzeugbau zum Beispiel verlor nach dem Naturdesaster zwar vorübergehend 50Prozent seines Produktionsvolumens, hatte aber zuvor in seinen Exportmärkten genügend Kapazitäten aufgebaut, um die drastischen Ausfälle im eigenen Land zu kompensieren.
Noch besser aufgestellt ist der japanische Maschinenbau im Ausland, vor allem in China. Spekulationen – auch bei den deutschen Wettbewerbern –, man könnte der schärfsten Konkurrenz Marktanteile abjagen, erwiesen sich als Illusion. Noch immer exportiert Japan mehr Maschinen nach Deutschland als umgekehrt. Im Jahr 2011 wiesen diese Ausfuhren sogar eine Steigerung von 22Prozent auf. Sorgen macht dagegen im Augenblick die Elektroniksparte, die sich bisher noch nicht auf Vorkrisenniveau erholen konnte. Aber auch hier gibt es Lichtblicke, Panasonic und Sony strukturieren radikal um, eine ganze Serie von neuen Produkten soll den alten Glanz wieder aufpolieren.
Also geht die Wirtschaftssonne in Fernost wieder auf? Wahrscheinlich spricht genau so viel dafür wie dagegen. Die Arbeitslosenrate stagniert bei unter fünf Prozent, die Banken sind durch Fusionen saniert, die Hälfte der börsenotierten Unternehmen gilt als quasi schuldenfrei. Aber ein möglicher Konjunktureinbruch in China, die exportbremsende Eurokrise, der unverhältnismäßig starke Yen-Kurs und nicht zuletzt die immer noch bürokratisch forcierte Reformverweigerung bergen auch ausreichend Rückschlagspotenzial.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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