Paradox erscheint der Personalbereich im Banking: „Während im Backoffice-Bereich zentralisiert wird und dadurch manche Stellen abgebaut werden, werden für spezielle Positionen gleichzeitig intensiv Mitarbeiter gesucht “, sagt die renommierte Personalberaterin Gundi Wentner von Deloitte: „Die Kreditkrise und neue Regulative kreieren teilweise sogar zusätzliche Jobs.“ Stark nachgefragt sind denn daher auch Kandidaten im Risk-Management, Kreditabteilungen sowie in der Compliance. „Händeringend werden aber vor allem Personen für den Vertrieb gesucht.“ Die Zahl der in diesem Sektor offenen Stellen beziffert die HR-Expertin mit mehreren hundert Positionen.
Einen Imageschaden durch die Finanzkrise haben die Banken bei Bewerbern jedenfalls nicht davongetragen, bestätigen auch die HR-Verantwortlichen heimischer Finanzinstitute: „Die Sub-Prime-Krise hat uns auf der Kandidatenseite nicht betroffen“, sagt Thomas Klein, Head of Group HR bei der Volksbank AG. „Der österreichische Bewerbermarkt hat sich durch die Finanzkrise nicht wesentlich geändert“, meint Barbara Baumgartner, HR-Leiterin der Kommunalkredit Austria AG. „Sie hat uns sogar etwas geholfen, weil nun mehr Personal am Arbeitsmarkt verfügbar ist“, ergänzt Monika-Maria Goschler-Praxmarer, Head of Executive Development bei der Bank Austria.
Branche performte 2007 schlechter
Die Branche erlebt durchwachsene Zeiten: Laut der Bankwissenschaftlichen Gesellschaft Österreichs (BWG) fiel das kumulierte Betriebsergebnis der heimischen Kreditinstitute im ersten Quartal 2008 auf 1,14 Mrd. Euro – was nicht nur einem Rückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von fast 15 Prozent entspricht, sondern auch das erste negative Wachstum seit 2001 darstellt. Erstmals seit 1999 sanken im ersten Jahresviertel auch die Betriebserträge der Branche um 52 Mio. Euro – für 2008 rechnet die BWG mit einem Überschuss von 4,17 Mrd. Euro, womit sie um 140 Mio. Euro unter dem Ergebnis des Vorjahres liegen würde.
In Zeiten knapper Ressourcen gewinnt der Kampf um die richtigen Talente an Schärfe: Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Company werden die Institute in den nächsten Jahren Schwierigkeiten haben, 25 bis 40 Prozent ihrer Schlüsselkräfte zu finden. In Österreich sind bereits über 1000 Key-Positionen zu besetzen. Talent Management wird daher immer mehr zum entscheidenden Erfolgsfaktor:
Dessen Bedeutung sehen vier von fünf internationalen Executives laut Ergebnissen einer Umfrage von Deloitte im Steigen begriffen. Zwei Drittel der Befragten sind bereits in Programmen engagiert oder planen, welche einzuführen. „Die Programme werden vor allem für Schlüsselpositionen angeboten“, erklärt Wentner. Je nach Unternehmen werden diese unterschiedlich definiert – gemein ist allen, dass sehr viele Ressourcen dafür verwendet werden. „Ein Talent ist ein Mitarbeiter mit fünf bis zehn Jahren Berufserfahrung, der durch eine ausgezeichnete Performance besticht, unsere Werte lebt und bereit ist, geografisch mobil zu arbeiten“, definiert Goschler-Praxmarer die Anforderungen ihres Konzerns an „Group Talents“.
Ein wichtiger Aspekt ist auch das Potenzial des Mitarbeiters: „Bei unseren Talenten gehen wir davon aus, dass sie in den nächsten fünf bis sieben Jahren in das absolute Top-Management der Gruppe vorstoßen können.“ Die geeigneten Mitarbeiter werden durch internationale Screenings erhoben und gezielt weitergebildet. „Sie werden ins Scheinwerferlicht gestellt, im Verlauf müssen sie durch Leistung das Vertrauen bestätigen.“
Verkäufer sind gefragt
Gefragt sind vor allem Persönlichkeiten, die „am Verkauf orientiert sind, mobil eingesetzt werden können, kommunikative Skills mitbringen und idealerweise noch CEE-Fremdsprachen beherrschen“, sagt Klein. „Diese ,Wunderwuzzis‘ sind natürlich rar gesät.“ Daher erweitern die Banken ihren Interessentenkreis und versuchen, neue Zielgruppen anzusprechen. „Wir richten uns nicht nur an BWL-Absolventen“, so der HR-Experte. Auch Absolventen anderer Studienrichtungen können Karriere machen. „Wir haben beispielsweise gute Erfahrungen mit Physikern gemacht. Fachliche Fähigkeiten sind zwar für die Mitarbeiter noch immer unverzichtbar, können allerdings ,on the job‘ vermittelt und entsprechend vertieft werden.“
Ein großes Weiterbildungsangebot erwartet allerdings nicht nur die Top-Talente: „Die Branche war schon immer stark auf fundierte Personalentwicklung fokussiert“, sagt Baumgartner. Beispiele für solche Karriereschmieden sind unter anderem maßgeschneiderte Traineeprogramme und erfolgreiche Akademien der Banken. „Um die richtigen Köpfe anzuziehen, ist es außerdem wichtig, potenzielle Karriereverläufe klar vorzugeben und transparent zu gestalten.“ Neben den althergebrachten Pfaden entlang der Linie treten auch neue Optionen ins Rampenlicht. „Zunehmend bedeutsam werden Karrieren als Fachexperten einer bestimmten Abteilung.“ So könnten Risikoverwalter oder auch Projektmanager neue Karrierewege bestreiten, die nicht nur inhaltlich, sondern auch pekuniär interessant sind.
Leistungsorientierte Vergütung
„Banken zahlen nach wie vor überdurchschnittliche Gehälter“, sagt Goschler-Praxmarer. Exorbitante Saläre wie an international renommierten Finanzplätzen wie London oder Frankfurt könnten die heimischen Institute zwar nicht bezahlen. „Aber wir sind eine attraktive Branche, was das Finanzielle betrifft“, ergänzt Baumgartner.
Die durchschnittlichen Einstiegsgehälter für Universitätsabsolventen liegen zwischen 28.000 und 30.000 Euro brutto im Jahr. Alle drei Bankenvertreter erklären, dass Kandidaten bei ihnen noch höhere Saläre winken. „Bis zu 35.000 Euro im Jahr können sich Einsteiger im Traineeprogramm erwarten“, so Goschler-Praxmarer und Klein unisono.
Interessenten sollten allerdings nicht denken, dass sie ein finanzielles Ruhekissen erwartet: „Die Vergütung ist stark von der Performance des Mitarbeiters getrieben“, wirft Wentner ein. Hatte vor wenigen Jahren nur rund ein Zehntel des Personals variable Gehaltsbestandteile, so werden heutzutage beinahe alle Mitarbeiter zumindest zu einem Teil erfolgsabhängig vergütet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2008)
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