Finanzierung: Geld ist reichlich da, es fehlt die Fantasie

Etwa 170 Milliarden Euro liegen real negativ verzinst auf Sparkonten. Den Weg in die Unternehmen finden sie nicht. Die „Volksaktie“ ist gemeuchelt worden, der KMU-Finanzierung fehlt es an legalen Modellen.

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(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Auf den privaten Sparkonten der Österreicher liegen rund 170 Mrd. Euro. Bei kaum sichtbaren Nominalzinsen, aber recht deutlich sichtbarer Inflation fällt dort zurzeit ein kumulierter Realverlust von ungefähr drei Mrd. Euro im Jahr an. Also kein besonders guter Platz, um Geld zu parken.

Auf der anderen Seite wird es für Unternehmen schwieriger, an Geld zu kommen. „Basel III“ wetterleuchtet am Horizont, die Eigenkapitalerfordernisse der Banken steigen, das schmälert das zur Kreditvergabe zur Verfügung stehende Volumen. Zum ernsten Wachstumshemmnis wird das spätestens dann, wenn die Wirtschaft irgendwann in den nächsten Jahren wieder in Schwung kommt.

170 real negativ verzinst herumliegende Milliarden auf der einen und großer absehbarer Finanzbedarf auf der anderen Seite – das schreit ja geradezu nach Zusammenführungsmodellen. Es wäre aber nicht Österreich, wenn nicht das genaue Gegenteil der Fall wäre: Der ehemalige Vorzeigebetrieb Telekom Austria ist gerade dabei, das Instrument der „Volksaktie“ endgültig umzubringen. Und im Waldviertel droht ein Streit zwischen einem starrköpfigen Schuherzeuger und der FMA um kreative regionale Finanzierungsmodelle für Klein- und Mittelbetriebe.

Das Trauerspiel im Waldviertel ist noch gefährlicher als der Tod der „Volksaktie“: Große Aktiengesellschaften haben eine Reihe von Ausweichmöglichkeiten, wenn die Bank aus welchen Gründen auch immer Nein sagt. Kleine nicht.

Das Beispiel der Firma GEA aus dem Waldviertel zeigt, dass Private offenbar bereit sind, lokale Betriebe, die sie gut kennen, zu finanzieren. Immerhin wurden ja drei Mio. Euro an privaten Geldern eingesammelt. Eine Win-win-Situation, wenn dabei (hoffentlich) auch noch höhere Zinsen als auf der Bank herausschauen.

Dass das Ganze offenbar in Form eines verdeckten Bankgeschäfts ohne entsprechende Konzession geschehen ist und deshalb zwingend ein Einschreiten der Finanzmarktaufsicht erfordert, steht auf einem anderen Blatt. Da sind die Fronten klar.

Das sollte jetzt freilich nicht als Anlass dienen, all diese am Rand oder jenseits der Legalität daherkommenden regionalen Risikofinanzierungsmodelle – es gibt ja mehrere Dutzend davon – nach der Methode „Da könnt ja ein jeder kommen“ abzudrehen. Sondern Modelle zu entwickeln, die Risikofinanzierung für KMU – egal, ob auf Beteiligungs- oder Anleihebasis – ermöglichen, ohne dass sich gleich eine Investmentbank an einem sechshunderseitigen Emissionsprospekt goldene Nasen verdient. Die Gefahr, dass so eine Beteiligung im Totalverlust endet, weil das Unternehmen pleitemacht oder sich der Chef mit der Firmenkassa vertschüsst, ist mit „Risikofinanzierung“ ja ausreichend beschrieben. Offenbar gibt es aber genügend Kleinfinanziers, die das Risiko auf lokaler Ebene eingehen würden, weil sie die Unternehmen und die handelnden Personen zu kennen glauben.

Und, ganz nebenbei: Die wirklich großen Verluste haben Kleinanleger in den vergangenen Jahren mit von der FMA kontrollierten (und mit FMA-geprüften Börseprospekten versehenen) „Volksaktien“ wie MEL, Immofinanz oder Telekom Austria gemacht.

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(c) DiePresse

Letztere ist ein besonders krasses Beispiel, wie man einen zart aufkeimenden Aktienmarkt für Kleinanleger erfolgreich kaputt macht und Anleger nachhaltig vertreibt: Vor mehr als zehn Jahren dezidiert als „Volksaktie“ zu neun Euro pro Stück breit unters Volk gestreut, zwischenzeitig auf mehr als 20 hochgetrieben, grundelt das Papier heute unter fünf Euro herum.

Und zwar nicht nur, weil die Börsen insgesamt schwach sind und der Telekomsektor unterdurchschnittlich performt. Wie man an nebenstehender Grafik sehen kann, ist der parallel zu anderen Telekoms verlaufende Kurs im heurigen Sommer, nach dem Hochkochen der Korruptionsvorwürfe, ganz besonders abgetaucht.

Da hat sich auch Kernaktionär ÖIAG als Börsenkiller betätigt. Denn Kursmanipulation und Korruption sind unter dem offenbar schläfrigen Auge der hochkarätigen Aufseher geschehen. Ein Beweis dafür, dass auch Private mit fremdem Geld nicht anders umgehen als der Staat: Im eigenen Unternehmen hätte wohl keiner der ÖIAG-Granden solche Zustände auch nur einen Tag geduldet.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2012)

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