Eurokrise: Deutschland und die Münchhausen-Nummer

Deutschland dafür zu prügeln, dass es im Gegensatz zum „Club Med“ global mithalten kann, ist eigenartig. Wohin der von einigen Ökonomen bevorzugte französische Weg führt, kann man ja gerade mitverfolgen.

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Deutschland Merkel – (c) REUTERS (HEINO KALIS)

Ganz neu ist der Vorwurf nicht, aber rund um die Zypern-Krise hat er jetzt wieder Hochsaison: Schuld an der ganzen Eurokrise seien die Deutschen, weil sie ihre Wettbewerbsposition in den vergangenen Jahren durch „Lohndumping“ unfair verbessert hätten und mit ihren Leistungsbilanzüberschüssen nun den Rest Europas an die Wand drücken beziehungsweise in die Staatspleite treiben.

Die Patentlösung hat eine ganze Reihe von (überwiegend linken) Ökonomen auch schon parat: „Exportweltmeister“ Deutschland möge seine Wettbewerbsfähigkeit (etwa durch überproportionale Lohnerhöhungen) einfach so lange verschlechtern, bis der „Club Med“ wieder mithalten kann.

Gute Idee, die auch in anderen Gebieten ausbaufähig ist. Man könnte beispielsweise die Ungleichgewichte in der obersten spanischen Fußballliga dadurch einebnen, dass man den FC Barcelona und Real Madrid grundsätzlich nur noch mit schweren Bleiwesten aufs Spielfeld laufen lässt. Das bringt Spannung in die Meisterschaft. Ob Spanien dann freilich international in der Champions League noch eine Rolle spielt, ist eine andere Frage.

Genau das ist aber der springende Punkt: Natürlich ist der Leistungsbilanzüberschuss des einen das Defizit der anderen. Aber die Welt hört leider nicht an den Eurozonen-Grenzen auf. Ja es soll, auch wenn sich das einige bipolar denkende Ökonomen nicht vorstellen können, außerhalb dieser Grenzen, in Asien etwa, sogar so etwas wie wettbewerbsfähige Unternehmen geben. Wer die Exportlokomotive der Eurozone willkürlich schwächt, bremst damit also wohl die Wirtschaft der gesamten Zone – und schadet damit auch denen, denen er nützen will.

Anders gesagt: Natürlich kann man VW, BMW und Mercedes durch mutwillige Kostensteigerungen so lange teurer machen, bis sich die Käufer entnervt anderen Herstellern zuwenden. Ob sie dann freilich zu Peugeot greifen (was das französische Handelsdefizit verringert) oder ob es doch Toyota oder Kia wird, ist allerdings die Frage.

Wobei: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es Letzteres werden. Denn Frankreich führt das den Deutschen so sehr ans Herz gelegte Modell ja im Echtzeit-Modellversuch gerade vor. Seit Jahren liegen die Lohnsteigerungen deutlich über dem Produktivitätszuwachs. Mit dem erwartbaren Ergebnis, dass die Wettbewerbsfähigkeit der zweitgrößten Eurozonen-Wirtschaft dramatisch sinkt. Eigentlich sollte das den Küchenökonomen, die jetzt auf Deutschland hinprügeln, zu denken geben.

Denn diese hier praktizierte klassische „Steigerung der Inlandskaufkraft“ samt Ankurbelung des Inlandskonsums gilt ja als Voraussetzung für die Münchhausen-Nummer, mit der sich die Eurozone am eigenen Schopf aus dem Krisensumpf ziehen soll. Dass vom steigenden französischen Leistungsbilanzdefizit die übrigen Krisenstaaten nennenswert profitieren, ist allerdings nicht überliefert. Dafür fährt die französische Wirtschaft mit atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Wand, das Land gilt als einer der nächsten Absturzkandidaten. Scheint also doch nicht eine so tolle Methode zu sein.

Dabei ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, der im Vorjahr schon mehr als die von der EU „erlaubten“ sechs Prozent erreichte, tatsächlich ein Problem. Vor allem für die Deutschen selbst.

Ein Teil der hohen deutschen Forderungen (zuletzt knapp 600 Milliarden Euro) gegenüber dem EZB-Clearingsystem Target2, das seit einigen Jahren offenbar als Institution für versteckte Transfers an die Krisenstaaten missbraucht wird, stammt ja aus Exportlieferungen – die von den Empfängern nicht beglichen wurden. Anders gesagt: Innerhalb der Eurozone, in die mehr als die Hälfte der deutschen Exporte gehen, zahlen sich die Deutschen ihr Exportwunder in ziemlich hohem Ausmaß selbst. Ein nicht gerade optimaler Zustand.

Den kann man aber nicht verbessern, indem man den Deutschen ihre Wettbewerbsfähigkeit nimmt und damit die Stellung der Eurozone in der globalen Wirtschaft insgesamt schwächt. Sondern nur, indem die anderen, so schwierig das ist, einen Aufholprozess starten. Österreich hat diesen Prozess in den Siebzigerjahren bei der Anbindung des Schillings an die D-Mark durchgemacht. Und die damit verbundene „Produktivitätspeitsche“ hat dem Land (nach anfänglichem Leiden) alles andere als geschadet.

 

Für den Club Med gestaltet sich dieser Prozess schwieriger, weil er hier sehr schmerzhafte strukturelle Änderungen voraussetzt. Aber es gibt sichtbare Fortschritte: Der negative Trend in den Leistungsbilanzen der Problemländer Griechenland, Portugal, Irland und Spanien hat sich bereits gedreht. Nur beim Problembären Frankreich, der noch immer eine Wirtschaftspolitik betreibt, als könnte er aus dem Vollen schöpfen, geht es noch bergab. Ein langfristig angelegter „Aufbau Süd“ könnte also durchaus ins Laufen kommen.

Es gibt dazu ohnehin keine Alternative, auch wenn dabei das eine oder andere Euromitglied, das nicht mitmachen will oder kann, den Club verlassen muss. Die Kreativität sollte sich eindeutig mehr auf diesen Aufbau konzentrieren als auf das Verzieren von Merkel-Fotos mit Hitlerbärtchen. Und Ökonomen, die es für eine gute Idee halten, den größten Zahler für das ganze Schlamassel – das ist nun einmal Deutschland – zu schwächen –, die vergisst man am besten.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2013)

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