Regionale Ungleichheiten und das Bürgerkriegs-Risiko

05.02.2013 | 11:55 |  Von Christian Lessmann (Ökonomenstimme)

Regionale Ungleichheiten erhöhen das Risiko von Bürgerkriegen. Das hemmt die wirtschaftliche Entwicklung, das Konfliktpotential steigt weiter an.

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Bürgerkriege sind nicht nur menschlich eine Tragödie, sie reduzieren auch das Wirtschaftswachstum in den betroffenen Gebieten erheblich. Mit der Verringerung von regionalen Ungleichheiten ließe sich das Risiko von Bürgerkriegen zumindest etwas eindämmen.

Die anhaltende Unterentwicklung in vielen Teilen der Welt – vor allem in Subsahara-Afrika – ist oftmals die Folge von Bürgerkriegen. Bürgerkriege verursachen erhebliche menschliche Tragödien. Nach Angaben des Correlates of War Dataset gab es seit dem zweiten Weltkrieg etwa 250 Bürgerkriege mit mehr als 2,3 Millionen Gefallenen. Dabei nicht berücksichtigt ist die viel größere Zahl ziviler Opfer, die kaum quantifiziert werden kann. Zugleich reduzieren Bürgerkriege auch das Wirtschaftswachstum in erheblichem Umfang. Nach Schätzungen von Collier (1999) ist die Wachstumsrate betroffener Länder im Durchschnitt um 2,2 Prozentpunkte niedriger in Bürgerkriegsjahren gegenüber Friedenszeiten. Bei einer Konfliktdauer von 15 Jahren sinkt das Einkommen um etwa 30 Prozent. Es ist daher von herausragender Bedeutung für die Gesellschaft, die Determinanten von Bürgerkriegen besser zu verstehen, um die Häufigkeit der Ereignisse und deren Folgen zu reduzieren.

Interpersonale vs. interregionale Ungleichheit

Eine in diesem Kontext viel diskutierte Konfliktdeterminante ist die interpersonale Einkommensungleichheit. Nach der marxistischen Theorie generiert der Kapitalismus immer weiter wachsende Ungleichheiten, die letztlich zu einem Aufstand der Arbeiterklasse führen. Vor diesem Hintergrund schreibt der Nobelpreisträger Amartya Sen auf der ersten Seite seines Buches über die Ungleichheit: „The relationship between inequality and rebellion is indeed a close one“ [Sen 1973)]. Die Argumentation ist leicht nachvollziehbar und wird sicherlich viele Fürsprecher finden. Dennoch konnte in empirischen Untersuchungen bislang kein robuster Zusammenhang zwischen interpersonalen Ungleichheiten – gemessen am Gini-Koeffizienten – und internen Konflikten nachgewiesen werden [Lichbach (1989), Faeron und Laitin (2003), Collier und Hoeffler (2004)]. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Sind zum Beispiel die armen Bevölkerungsschichten so arm, dass sie gar nicht die finanziellen Mittel für einen bewaffneten Widerstand aufbringen können, dann kann kein eindeutiger, linearer Zusammenhang gefunden werden [Esteban et al. (2012a)]. Stewart (2000) argumentiert hingegen, dass es vor allem auf die Einkommensungleichheit zwischen verschiedenen Gruppen einer Gesellschaft ankommt (horizontale Ungleichheit), weniger auf die nicht-gruppenspezifische Einkommensungleichheit innerhalb der Gesellschaft als Ganzes (vertikale Ungleichheit). Die Gruppenzugehörigkeit kann dabei zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe oder Religionsgemeinschaft sein. So zeigen zum Beispiel Esteban et al. (2012b), dass die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung eines Landes bei der Entstehung von Bürgerkriegen eine sehr wichtige Rolle spielt. Andere Formen der horizontalen Ungleichheit – wie zum Beispiel die interregionale Einkommensungleichheit innerhalb eines Landes – sind jedoch bislang kaum untersucht worden.

Interregionale Ungleichheit und Bürgerkriege

Ausgehend von diesen Gedanken habe ich untersucht, wie interregionale Ungleichheit auf das Risiko von Bürgerkriegen wirkt [Lessmann (2013)]. Interregionale Ungleichheit ist eine besondere Ausprägung horizontaler Ungleichheit, wobei die Gruppenzugehörigkeit der Bevölkerung auf Basis der Grenzen zwischen den verschiedenen Regionen eines Landes definiert wird. Sind regionale Ungleichheiten hoch, dann hat eine sehr reiche Region einen Anreiz zur Sezession, um mögliche Umverteilungsmaßnahmen zu umgehen. Ist eine unterschiedliche Kapitalausstattung – etwa natürliche Ressourcen – Grund für den relativen Reichtum einer Region, dann kann auch seitens der armen Region ein Konflikt um die Kontrolle der Ressourcen ausbrechen. Insofern erscheint es plausibel, dass regionale Ungleichheit das Konfliktrisiko erhöht. Diese Hypothese gilt es empirisch zu überprüfen.

Gemessen wird interregionale Ungleichheit auf Basis des gewichteten Variationskoeffizienten der regionalen Pro-Kopf Bruttoinlandsprodukte eines Landes. Die relative Abweichung einer einzelnen Region vom Landesdurchschnitt wird dabei mit dem jeweiligen Bevölkerungsanteil gewichtet, um Größenunterschiede der Regionen zu berücksichtigen. Grundlage der im Folgenden präsentierten Untersuchungsergebnisse sind zwei etwas unterschiedliche Datensätze regionaler Ungleichheiten: ein Paneldatensatz, der 56 Länder (835 Regionen) für den Zeitraum 1980-2009 beinhaltet [vgl. Lessmann (2011)], sowie ein Querschnittsdatensatz, der 110 Länder (1569 Regionen) für das Jahr 2005 berücksichtigt [vgl. Gennaioli et al. (2013)]. Durch den zuletzt genannten Datensatz sind auch weniger entwickelten Ländern sehr gut abgedeckt, in denen Bürgerkriege deutlich häufiger auftreten. Allerdings sind die Regionaldaten nur für einen Zeitpunkt verfügbar, so dass damit keine Panelregressionen durchgeführt werden können, was aus methodischer Sicht wünschenswert ist.

Diese Ungleichheitsdaten müssen nun mit Konfliktdaten zusammengebracht werden. Dazu wird die Datenbank des Uppsala Conflict Data Program (UCDP) und des Peace Research Institute Oslo (PRIO) verwendet. Bürgerkriege werden hier nach unterschiedlicher Intensität erfasst. Eine viel verwendete Definition erfasst Bürgerkriege, die mindestens 25 Todesopfer in einem Land innerhalb eines Jahres fordern, wobei wenigstens eine der Bürgerkriegsparteien die Regierung des betroffenen Landes ist. Die Inkompatibilität der Parteien muss sich dabei auf die Anerkennung der Regierung, des Territoriums oder beides zugleich beziehen. Typisch sind hier z.B. Sezessionskriege, bei denen einzelne Regionen eines Landes für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Keine Bürgerkriege sind hingegen Kämpfe zwischen kriminellen Vereinigungen und Regierungstruppen, wenn durch die bewaffneten Auseinandersetzungen nicht die Regierungsübernahme bezweckt wird oder Grenzen verschoben werden sollen (z.B. Kokain-Mafia in Kolumbien). Andere Konfliktdefinitionen zielen insbesondere auf höhere Konfliktintensitäten und erfassen zum Beispiel nur Kriege mit mehr als 1.000 Todesopfern je Konfliktjahr.

Ergebnisse

Anhand dieser Daten habe ich untersucht, ob interregionale Ungleichheit innerhalb von Staaten das Bürgerkriegsrisiko erhöht. Eine einfache Analysemöglichkeit ist die Ermittlung der Häufigkeit von Bürgerkriegen unter Berücksichtigung der regionalen Ungleichheit der einzelnen Länder. Dazu habe ich Quantile der Verteilung des Ungleichheitsmaßes gebildet, um die Länder entsprechend ihrer Ungleichheit zu gruppieren. Anschließend wurde die Zahl der Konfliktperioden je Gruppe ermittelt. Abbildung 1 illustriert die Häufigkeit der Bürgerkriegsperioden für eine Einteilung der Ungleichheit in Fünftelwerte, sogenannte Quintile. Betrachtet werden hier 5-Jahresperioden, bei denen eine Periode als Konfliktperiode gezählt wird, sofern in einem oder mehreren Jahren ein Bürgerkrieg in dem jeweiligen Land stattgefunden hat. Die erste Säule zeigt die Zahl der Bürgerkriegsperioden in der Gruppe der Länder bis zum 20%-Punkt der Verteilung der Ungleichheitsmaßes, d.h. hier sind die Länder mit den geringsten regionalen Ungleichheiten zusammengefasst. Dazu gehören sowohl reiche Länder wie Deutschland oder Australien, als auch Entwicklungsländer wie Burkina Faso und Malawi. Die zweite Säule steht für die Ländergruppe bis zum 40%-Punkt der Verteilung des Ungleichheitsmaßes, usw. Dabei zeigt sich, dass in den unteren drei Ländergruppen jeweils eine etwa gleich große Zahl an Bürgerkriegsperioden vorliegt. In den beiden oberen Ländergruppen ist die Häufigkeit von Bürgerkriegen deutlich größer. Von der zweiten bis zur fünften Gruppe nimmt die Häufigkeit von Bürgerkriegen bei steigender Ungleichheit weiter zu. In der fünften Gruppe finden sich beispielsweise Länder mit lang anhaltenden internen Konflikten wie Russland, Indonesien, oder die Demokratische Republik Kongo.

Abbildung 1

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Diese deskriptive Statistik kann als erstes Indiz dafür gesehen werden, dass regionale Ungleichheiten das Bürgerkriegsrisiko erhöhen. Ein Ersatz für eine detaillierte Regressionsanalyse ist dies jedoch sicher nicht, da zahlenmäßig deutlich mehr Beobachtungen für höher entwickelte Länder mit wenigen Konflikten vorliegen. Außerdem gibt es zahlreiche andere Konfliktdeterminanten, die auch mit regionalen Ungleichheiten zusammenhängen. Daher ist unklar, ob der Effekt tatsächlich von der Ungleichheit ausgeht. Zu nennen sind hierbei zum Beispiel der Entwicklungsstand eines Landes, der Grad der ethnischen Fragmentierung sowie die geographischen Gegebenheiten. Ich habe daher das logistische Regressionsmodell zur Erklärung von Bürgerkriegen von Esteban et al. (2012b) um das Ungleichheitsmaß erweitert. Das Auftreten von Bürgerkriegen wird dabei durch das Bruttoinlandsprodukt, verschiedene Maße für die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung, die Bevölkerungsgröße, sowie verschiedene geographische und politische Variablen erklärt. Kontrolliert wird zudem für das Auftreten von Bürgerkriegen in Vorperioden. Die Schätzungen zeigen, dass die regionale Ungleichheit das Bürgerkriegsrisiko signifikant erhöht. Das Ergebnis ist dabei unabhängig davon, wie genau Bürgerkriege definiert werden (25 vs. 1.000 Gefallene). Auch kann für ein alternatives Konfliktmaß der Political Risk Services Group (PRS) ein vergleichbarer Zusammenhang gefunden werden. Die Ratingagentur stellt im International Country Risk Guide (ICRG) ein Maß für interne Konflikte bereit, dass die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Bürgerkriegen, Terrorangriffen und Aufständen reflektiert. Der Vorteil dieses Maßes liegt darin, dass genügend zeitliche Variation in den Daten vorhanden ist, die es erlaubt länderspezifische, unbeobachtbare Effekte in den Schätzungen zu berücksichtigen. Allerdings basieren die Daten auf subjektiven Experteneinschätzungen, so dass hier eine mögliche Fehlerquelle liegt.

Fazit

Zusammenfassend stelle ich fest: interregionale Ungleichheiten erhöhen das Risiko von Bürgerkriegen. Dies verursacht viel Leid unter den betroffenen Menschen und hemmt die wirtschaftliche Entwicklung, so dass das Konfliktpotential weiter ansteigt. Es drängt sich daher die Frage auf wie regionale Ungleichheiten reduziert werden können. Einige Determinanten regionaler Ungleichheiten sind schlichtweg unabänderlich, z.B. geographische Begebenheiten. Eine aktuelle Studie von Gennaioli et al. (2013) gibt hier aber einen wertvollen Hinweis. Danach spielen Unterschiede in den Bildungsniveaus zwischen den Regionen eines Landes eine zentrale Rolle bei der Erklärung regionaler Ungleichheiten. Hier bietet sich ein möglicher Anknüpfungspunkt für Politikmaßnahmen, der in gezielten Investitionen in Humankapital rückständiger Regionen bestehen kann. Natürlich sind auch Institutionen hilfreich, die die Partizipation der verschiedenen Bevölkerungsgruppen – seien es nun ethnische Gruppen oder unterschiedliche regionale Gruppen – an politischen Entscheidungsprozessen verbessern.


Literatur

Collier, P. (1999): On the Economic Consequences of Civil War, Oxford Economic Papers 51(1), S. 168-183.

Collier, P. and A. Hoeffler (2004): Greed and grievance in civil war, Oxford Economic Papers, 56(4), S. 563-595.

Esteban, J., L. Mayoral, and D. Ray (2012a): Ethnicity and Conflict: Theory and Facts. Science 336(6083), S. 858-865.

Esteban, J., L. Mayoral, and D. Ray (2012b): Ethnicity and Conflict: An Empirical Study, American Eco-nomic Review 102(4), S. 1310-1342.

Fearon, J. D. and D. D. Laitin (2003): Ethnicity, Insurgency, and Civil War, American Political Science Review 97(1), S. 75-90.

Gennaioli, N., R. L. Porta, F. L. de Silanes, und A. Shleifer (2013): Human Capital and Regional Devel-opment, Quartely Journal of Economics (2013), 1–60. doi:10.1093/qje/qjs050.

Lessmann, C. (2011): Spatial Inequality and Development – Is there an Inverted-U Relationship? CESifo Working Paper Series Nr. 3622, CESifo Group Munich.

Lessmann, C. (2013): Regional Inequality and Internal Conflict, CESifo Working Paper Nr. 4112, CESifo Group Munich.

Lichbach, M. I. (1989): An Evaluation of "Does Economic Inequality Breed Political Conflict?" Studies, World Politics 41(4), S. 431-470.

Sen, A. (1973): On Economic Inequality. New York: Norton.

Stewart, F. (2000): Crisis prevention: tackling horizontal inequalities, Oxford Development Studies 28(3), S. 245-262.

Der Autor
Christian Lessmann, Jahrgang 1977, ist Habilitand an der Technischen Universität Dresden. Er studierte von 1998 bis 2004 Wirtschaftswissenschaften an der Leibniz Universität Hannover und promovierte 2010 an der TU Dresden. Von 2004 bis 2007 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am ifo Institut für Wirtschaftsforschung, Niederlassung Dresden.

Die Forschungsschwerpunkte von Lesmann sind Politische Ökonomie, Fiskalföderalismus, Regional- und Entwicklungsökonomik.

Kooperation
Dieser Artikel wurde für "Ökonomenstimme", die Internetplattform für Ökonomen im deutschsprachigen Raum, erstellt. Die Presse ist exklusiver Medienpartner der Ökonomenstimme.

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2 Kommentare

Amerikaner

Drum schauen die Amerikaner auch immer gut drauf das die regionalen Unterschiede groß bleiben. Nach einem gewaltigen Aufbau über Jahrzehnte in Libyen innerhalb von ein paar Wochen alles zerbomben sichert die regionalen Unterschiede wieder auf Jahrzehnte. Genau wie im Irak, Afghanistan oder auch in Ägypten wo man kräftig mit geholfen hat, die gesamte Lage in Nord- bis Mittelafrika auf Jahrzehnte zu destabilisieren. Und damit der regionale Unterschied auch möglichst größer wird, nimmt man sich dann das Recht heraus, wirtschaftlich diese Länder zur Ader zu lassen. Die Kreuzritter haben das damals nicht anders gemacht

Fast überall wo der Islam ist, ist auch Krieg.

Was sagt uns das wie wir mit dem Islam in Europa umgehen sollten?

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