Eurokrise und Song Contest: Dolchstoßlegende widerlegt

28.05.2013 | 13:32 |  Justina A. V. Fischer (Ökonomenstimme)

Verhalten sich die Eurokrisenländer bei der Punktevergabe gegenüber Deutschland anders als die restlichen Euroländer? Eine Analyse.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Hat die Eurokrise das schlechte Abschneiden Deutschlands im ESC 2013 (mit)verursacht, und tragen insbesondere die PIGSCI-Länder (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien, Zypern, Irland) einen hohen Anteil daran? Zumindest letztere Behauptung kann eine Analyse des Punktevergabeverhaltens der Jahre 2011 bis 2013 widerlegen.

Am Samstag, den 18. Mai, war der Schock in Deutschland, groß: im Finale des ESC 2013 in Malmö erreichte der deutsche Beitrag nur den 21. Platz (von 39 Teilnehmern), mit gerade einmal 18 Punkten. Dieses Ergebnis schmerzte besonders, da man im Jahre 2010 noch glorreich den ESC Sieger gestellt hatte, und sowohl 2011 als auch 2012 mit jeweils über 100 Punkten immer noch in den TOP 10 landen konnte (2012: 110 Punkte; 2011: 107 Punkte).

Schnell wurde in den deutschen Medien das Gerücht verbreitet, dass dieser Punkteverlust für Deutschland vor allem dem „Liebesentzug“ der südeuropäischen Länder bzw. der PIGCSCI Länder geschuldet sei, die damit für das angebliche „Austeritätsdiktat von Angela Merkel“ Rache nehmen wollten (z.B. Bild, 2013; Spiegel online, 2013; Stern, 2013). Insbesondere Griechenland wurde  „Treulosigkeit“ unterstellt. Müssten denn nicht gerade die Länder, welche vom europäischen Rettungsschirm profitierten, sich als besonders dankbar erweisen?, fragt sich enttäuscht der deutsche Michel.

Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass die in den deutschen Medien offen vorgebrachten und eher unreflektierten Unterstellungen das bereits belastete Verhältnis Deutschland-Griechenland weiter schädigen könnten. Aus diesem Grund habe ich eine kurze Analyse der Stimmenverluste im ESC seit dem Sieg von Lena im Jahre 2010 vorgenommen (ein Ereignis, das sicherlich eine Ausnahme für sich darstellt). Um das Ergebnis vorwegzunehmen: weder die PIGSCI-Staaten noch Griechenland im Speziellen haben zum Debakel in diesem Jahr in überdurchschnittlichem Masse beigetragen.

Beginnen wir mit einer Analyse der Punktevergabe der PIGSCI Staaten an Deutschland für die Jahre 2011, 2012, und 2013:

Tabelle 1: Punktevergabeverhalten der PIGSCI-Länder 2011 bis 2013

 Punktevergabeverhalten der PIGSCI-Länder 2011 bis 2013

vergrößern



Auffallend ist, dass Griechenland in den Jahren 2011 4 Punkte und 2012 0 Punkte an Deutschland vergeben hatte. Noch eindeutiger fällt das Verhalten von Zypern aus: 2011 wie 2012 vergab Zypern jeweils 0 Punkte, ebenso auch wie im Jahr 2013. Diese Zahlen widerlegen das Gerücht, Griechenland (oder Zypern) hätte im Jahre 2013 die Deutschen für die „Merkel-Politik“ mit Punkteabzug abgestraft. Im Gegenteil: Spanien vergab sogar konstant 3 Punkte, 2011, 2012 sowie 2013. Weniger Punkte hat Deutschland in 2013 vor allem von Irland und Italien erhalten (2012: 10 Punkte bzw. 8 Punkte); Portugal nahm am ESC 2013 nicht teil. Abschließend ist zu urteilen: Die Länder, welche am härtesten von der Austeritätspolitik betroffen sind, zeichnen sich durch eine hohe Kontinuität in ihrem Punktevergabeverhalten zwischen 2011 und 2013 aus.

Tatsächlich ist aber die an Deutschland vergebene Punktezahl pro PIGSCI-Land erheblich gefallen: von 2,16 im Jahr 2011 (bzw. sogar 5,16 im Jahr 2012) auf lediglich 0,6 Punkte pro Land im Jahre 2013. Bei einer Gesamtpunktzahl für den deutschen Beitrag von lediglich 18 Punkten im Jahr 2013 im Vergleich zu den erreichten 110 Punkten im Jahr 2012 müssen jedoch auch nicht-PIGSCI-Länder zu dem diesjährigen schlechten Abschneiden Deutschlands beigetragen haben. Möglicherweise gibt es einen punktereduzierenden Eurokriseneffekt für Deutschland, der dann auch nicht nur innerhalb der PIGSCI-Länder, sondern in der gesamten Eurozone sichtbar werden sollte.

Im nächsten Schritt untersuche ich, ob der Stimmenverlust 1. in der Gruppe der anderen Eurozonen- Länder und 2. in der Gruppe der übrigen ESC-Teilnehmerstaaten einen ähnlichen Umfang aufweist wie in den PIGSCI-Staaten oder nicht. Gemessen wird die durchschnittlich vergebene Punktzahl für Deutschland.

Tabelle 2: Durchschnittlich Punktzahl für Deutschland nach Geberländergruppen

 Durchschnittlich Punktzahl für Deutschland nach Geberländergruppen

vergrößern



Diese Tabelle lässt sich wie folgt interpretieren: Betrachten wir zunächst die absoluten Pro-Land-Werte in den drei Gruppen: Die durchschnittlichen Punkte für Deutschland liegen in der PIGSCI-Länder-Gruppe mindestens ebenso hoch wie in einer der beiden anderen Ländergruppen. Beispielsweise vergaben 2013 die PIGSCI-Länder im Schnitt 0,6 Punkte für Deutschland, die restliche Eurozone 0,75 Punkte, und die verbleibenden ESC-Teilnehmerstaaten 0,36 Punkte. Daraus schliesse ich, dass kein deutschlandfeindlicher „Austeritätspolitikeffekt“ innerhalb der PIGSCI-Länder existiert. Dieser Zusammenhang gilt für alle drei betrachteten Jahre 2011, 2012, und 2013 gleichermaßen.

Bemerkenswert sind auch die hohen Punktewerte in der Gruppe der restlichen Eurozonenländer relativ zu den Werten der Gruppe der verbleibenden ESC-Teilnehmerstaaten, ebenfalls für alle drei Jahre: beispielsweise honorierten die restlichen Eurozonenstaaten den deutschen Beitrag beim ESC 2012 im Schnitt mit 3,11 Punkten, während die verbleibenden ESC-Teilnehmer lediglich 1,96 Punkte pro Land vergaben. Hatten die damals geforderte Austeritätspolitik sowie die anderen Maßnahmen der Eurorettung einen (relativ) guten Eindruck bei den übrigen Euroländern hinterlassen?

Song Contest 2013: Die Sieger und Verlierer

Alle 28 Bilder der Galerie »


Schließlich könnte jedoch ein „Angela-Merkel-Effekt“ im Sinne einer vergleichsweise größeren Punkteabnahme in den PIGSCI-Staaten zwischen 2012/2011 und 2013 aufgetreten sein. Dazu betrachten wir die Abnahme der durchschnittlich vergebenen Punkte für Deutschland für alle drei Ländergruppen. In allen drei Gruppen tritt eine solche Abnahme auf, sowohl für 2011-2013 als auch für 2012-2013; die Werte für die PIGSCI-Staaten fallen das eine Mal unterdurchschnittlich (-1,56 für 2011-2013) und das andere Mal überdurchschnittlich hoch aus (-4,56 für 2012-2013), was keine spezifische Interpretation zulässt. Dagegen ist der Rückgang der durchschnittlich vergebenen Punkte in der Gruppe der restlichen Eurozonenländer höher als in der Gruppe der übrigen ESC-Teilnehmerländer - für beide Ausgangsjahre 2011 und 2012 (bspw. -2,36 versus -1,60 für 2012-2013). Dies könnte auf einen besonders starken Vertrauensverlust der anderen Euroländer in die Problemlösungskapazitäten der Troika (unter einer subjektiv wahrgenommen Führung von Frau Dr. Merkel) hinweisen.

Schlussworte


Eine Analyse des Punktevergabeverhaltens beim ESC 2011 bis 2013 lässt nicht den Schluss zu, dass sich die PIGSCI-Staaten anders als die restlichen Eurozonenstaaten oder die restlichen ESC-Teilnehmerländer verhalten hätten. Zugegebenermaßen ist eine deutliche Abnahme der Punkte für Deutschland zwischen 2011 bzw. 2012 und 2013 zu verzeichnen – diese Abnahme findet jedoch in den drei betrachteten Ländergruppen gleichermaßen statt und nimmt auch vergleichbare Ausmaße an. Die vorliegende Untersuchung hält jedoch auch eine kleine Überraschung bereit: wollte man tatsächlich den deutschen Medien folgen und die ESC-Punkte als „Vertrauensindikatoren“  interpretieren, dann zeigten auch 2013 die nicht-PIGSCI-Eurozonenstaaten ein relativ größeres Vertrauen in die Politik Deutschlands.

Quellen:

BILD (2013), „Welche Rolle spielt Kanzlerin Merkel bei Cascadas Niederlage?“ in: BILD online, 19.Mai 2013, heruntergeladen am 20. Mai 2013

Eurovision Song Contest 2011, heruntergeladen am 19. Mai 2013

Eurovision Song Contest 2012, heruntergeladen am 19. Mai 2013

Eurovision Song Contest 2013, heruntergeladen am 19. Mai 2013

Spiegel (2013), „Deutsche ESC-Blamage: Merkel ist schuld!“, in: SPIEGEL online, 19. Mai 2013, heruntergeladen am 20. Mai 2013

Stern (2013), „Nun soll Merkel auch noch das ESC-Debakel verursacht haben“, in: Stern online, 19. Mai 2013, heruntergeladen am 20. Mai 2013

Die Autorin
Justina A. V. Fischer ist Visiting Fellow an der Universität Mannheim und Gastprofessorin an der Universität von Oradea. Zuvor war sie Gastprofessorin an der Universität Rom «Tor Vergata» und Vertretungsprofessorin an der Universität Hamburg.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Verhaltensökonomie, Politische Ökonomie, Wohlfahrtsökonomie, Public Economics, Bildungsökonomie.

Kooperation
Dieser Artikel wurde für "Ökonomenstimme", die Internetplattform für Ökonomen im deutschsprachigen Raum, erstellt. Die Presse ist exklusiver Medienpartner der Ökonomenstimme.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

25 Kommentare
 
12

Alle lieben die Deutschen!

Österreicher aber nicht. Sie sind ja Beutedeutschen!

Oh Gott wir dachte Alle

es werden die schönsten Lieder ausgesucht!

Oh Schreck, nee!

Das im Song Contest geschoben wird, ist seit der EU Erweiterung auf Israel und co sowas von bekannt!

noch nie

noch nie in berührung mit menschen vom balkan gekommen ?? habe mehr als einmal erlebt, das sich die lieben leute da unten gegenüber nicht ganz grün waren, aber wenn es gegen die deutschen u. össis gegangen ist, da haben sie zusammengehalten wie der kaugummi auf der schuhsohle.

Es ist erstaunlich, worüber sich Die Presse sich

den Kopf zerbricht. Der ganze Sing-Sang ist zu vergessen und Österreich wäre gut beraten, an diesem Spektakel nicht mehr teilzunehmen, weil es nur viel Geld kostet und nichts bringt. Das Gegenseitige Zuspielen von Punkten hat mit den Liedern überhaupt nichts mehr zu tun. Kein Lied der letzten Jahre hat sich länger als ein paar Monate gehalten. Wozu das ganze Getöse?

Re: Es ist erstaunlich, worüber sich Die Presse sich

Früher habe auch ich den ESC für eine Verschwendung öffentlicher Gelder gehalten - mittlerweile sehe ich das anders. Gerade kleinen Ländern (wie die Schweiz), post-kommunistischen Ländern sowie den Ländern an der Peripherie Europas (Israel, Türkei) scheint die Teilnahme am ESC sehr wichtig zu sein: für sie alle ist der ESC eine Möglichkeit, ihre kulturelle Zugehörigkeit zu Europa zu signalisieren, und von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen zu werden.
Beim ESC handelt es sich also um eine Identitätsstiftende Veranstaltung, gerichtet an die Bürger aller teilnehmenden Länder.

Justina Fischer

Re: Es ist erstaunlich, worüber sich Die Presse sich

Lieber Fmoedrit

als Privatperson sehe ich die Rolle des ESC (mittlerweile) anders und positiv: es handelt sich um eine Europa-Identitätsstiftende Veranstaltung - adressiert an den Normalbürger. Dabeizusein bedeutet, (kulturell) zu Europa zu gehören - dies gilt besonders für das Finale, wegen der grossen Medienaufmerksamkeit.

Viele Grüsse,
Justina Fischer

Nur Zeitungsblabla und Mutmaßungen

Liebe Presse, das ganze kann man auch wissenschaftlich untersuchen. Gebt mir die Daten der Punktevergaben der vergangenen Song Contests und ich mach euch eine schöne Korrelationsanalyse ;-) Was da sicher rauskommt, ist, dass sich die Länder von Regionen wie Balkan oder Skandinavien gegenseitig die Punkte zuschanzen, während sich die dt.sprachigen Länder nichts schenken :-)))

Re: Nur Zeitungsblabla und Mutmaßungen

Die sogenannte kulturelle Nähe spielt sicherlich eine Rolle - Österreich gab Deutschland 6 Punkte, und Israel gab D. 5 Punkte. Hier an eine Verschwörung zu glauben halte ich für falsch: es gefällt eben, was man kennt und was man gewohnt ist. Und wir in Mittelauropa hören eben eher mitteleuropäische Musik und nordeuropäischen Pop.
Diese kulturelle Nähe (die ja in allen Jahren vorhanden ist) habe ich mittels des Differenzenverfahrens 'herausgerechnet'.

Justina Fischer

SONG Contest

soweit mir bekannt, geht es ja hier um das Lied!
Oder zumindest sollte es darum gehen.

PS: Hamma keine anderen Proleme? Dann geht's uns ut.

Geschmackloser Titel

Es ist ja recht nett Begriffe mit Geschichte als Titel zu verwenden um einzelne Berichte etwas aufzumotzen, jedoch sollte die Dolchstoßlegende in dem Teil der Vergangenheit bleiben in den sie gehört! Ich finde den Artikel auch ansonsten nicht sehr aufschlussreich, da die negative Stimmung gegen Deutschland vermutlich auch vor drei Jahren vorhanden war und zu versuchen hier einen Trend abzulesen, oder besser gesagt zu überlegen warum es vielleicht doch keinen gibt, vermutlich absolut sinnlos ist! Schlicht für mich unnötige Analyse.

Re: Geschmackloser Titel

Meiner persönlichen Einschätzung nach wurde Deutschland 2010-2011 eher positiv als 'Krisenretter' betrachet. Dazu gibt es allerdings noch keine wissenschaftliche Untersuchung mit europaweiten Umfragedaten.
Bereits in der empirischen Aussenhandesliteratur wurde das ESC-voting als Vertrauensindikator bzw. als Indikator für eine 'freundschaftliche Beziehung' zwischen 2 Ländern verwendet.

Justina Fischer

Sicherlich spielen einige Faktoren bei

der Stimmabgabe mit. Und vergleichen kann man alles. Wählten die Personen deren Familiennamen mit A begann dieses Jahr anders als letztes Jahr ?
Und ist das der Merkeleffekt bei diesen Personen ?

Ach, so was von unwichtig.

Vor allem für Österreich unnötig da mitzumachen. Es kostet nur Geld und bringt nichts - zumindest sehe ich nicht den Gewinn darin.

ganz einfach

Das Lied war grottenschlecht!

Re: ganz einfach

Liebe Ninotschka,

in der Wissenschaft geht es oft darum, mehrere Erklärungsmöglichkeiten gegeneinander abzuwägen....'einfach' gibt es da leider nicht ;-)

Einen Grund sehe ich auch im Vorfeld, bei der Organisation der deutschen Vorentscheidung: Sie war schlichtweg undemokratisch. Hier sollten institutionelle Veränderungen stattfinden.

Liebe Grüsse,
Justina Fischer

Die bessere Antwort dazu hat die dt. Sängerin Katja Ebstein: Mit Liedern zum Wettbewerb zu fahren, die zu sehr am Vorjahressieger anglehnt sind, das ging und geht meistens schief.

Das Problem liegt also bei der innerdeutschen Auswahl und das hat sich Europa nicht aufwärmen lassen.

Hingegen ziemlich aufgewärmt, aber den meisten wohl nicht bewusst, ist der Siegertitel von heuer vgl. dazu K-Otic - I

https://www.youtube.com/watch?v=1ZFPbjlVyHY

Re: Die bessere Antwort dazu hat die dt. Sängerin Katja Ebstein: Mit Liedern zum Wettbewerb zu fahren, die zu sehr am Vorjahressieger anglehnt sind, das ging und geht meistens schief.

Ich glaub' nicht, dass sich die Zuschauer das Gejohle eines jeden Landes gemerkt haben. Ob das jz angelehnt war oder nicht ... ich merk' mir meist bis zum nächsten Jahr nicht mal, welches Lied für Ö angetreten ist. Liegt aber sicher auch daran, dass es meist so ein nichtssagendes, schlechtes Geträllere ohne Substanz und Wiedererkennungswert ist. Ja, wir könnten uns die Teilnahme wirklich sparen - meist scheiden wir ohnehin vorzeitig aus.

Re: Die bessere Antwort dazu hat die dt. Sängerin Katja Ebstein: Mit Liedern zum Wettbewerb zu fahren, die zu sehr am Vorjahressieger anglehnt sind, das ging und geht meistens schief.

Lieber Jerome

auch Sie setzen hier zwei Effekte gleich: den allgemeinen negativen Qualitätseffekt (Kopie, schlechte Performance) und den gruppenspezifischen Eurokriseneffekt.

Im Prinzip könnten beide parallel existieren (Multikausalität).
Meine Frage war, kann ich, neben dem Qualitätseffekt, einen zusätzlichen Eurokriseneffekt in den PIGSCI-Ländern nachweisen?
Nun, kann ich nicht!

Anscheinend gewinnt also der bessere Künstler, unabhängig von der makroökonomischen Politik seines Landes.

Richtige Methode für Frage (@Eldarion)

Lieber Eldarion,
Sie verwechseln eine allgemeine Stimmabnahme mit den gruppenspezifischen Unterschieden in der Grösse der Abnahme (Tabelle 2). Das heisst
1) die Differenzen in Tabelle 2 sind alle negativ - generell wurde also der Beitrag von 2013 schlechter bewertet als der in den Vorjahren (zu Recht). Das sehen Sie richtig, und das zeigen die Daten.
2) Ein 'Angela-Merkel-Effekt' sollte durch einen höheren Punkteverlust (gegenüber 2011 oder 2012) in der PIGSCI-Gruppe gegenüber den anderen beiden Gruppen nachweisbar sein (dort sollte die absolute Differenz wesentlich grösser ausfallen). Mein Test zeigt, dass eine solche höhere Differenz besonders im Vergleich zu 2011 oder zum Durchschnitt 2011-2012 jedoch nicht zu beobachten ist.
Justina A.V. Fischer

Adäquate Methode (@Eladarion)

Kernstück meiner Analyse ist der Vergleich der Differenzen 2011-2013 bzw. 2012-2013 zwischen den einzelnen Gruppen.
1.) Diese sind alle negativ. Die Interpretation ist folgende: es gibt (offensichtlich) einen allgemeinen Stimmenverlust in 2013 gegenüber den Vorjahren - dies ist dann wohl der Qualitätseffekt des Beitrags an sich (wie von Ihnen postuliert).
2.) Ein 'Angela-Merkel-Effekt' für die PIGSCI-Länder würde sich aber als relativ grössere Differenz nachweisen lassen: der Punktezahlverlust (pro Land) müsste in dieser Gruppe grösser sein (absolut) als in den anderen beiden Gruppen. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Feine Analyse zum falschen Thema

Schöne Idee und prinzipiell durchaus gut analysiert. Leider aber meines Erachtens de facto völlig am Thema vorbei. Ländersympathien mögen zwar beim ESC durchaus auch eine Rolle spielen, Die Qualität der Songs (oder eben deren Massentauglichkeit) ist aber weit wichtiger. Um Lena gab es damals einfach einen unglaublichen Hype, deshalb war es wenig verwunderlich, dass sie gewinnt. Heuer hat Deutschland einen Electro-Abklatsch des Siegerlieds vom Vorjahr gebracht. Das Lied hätte selbst bei größter Sympathie keine gute Platzierung verdient. Nicht unbedingt weil es schlecht war (ich enthalte mich eines Urteils darüber), sondern weil es eine fantasielose Kopie war und das kommt (zu Recht) beim ESC nie gut an.

Re: Feine Analyse zum falschen Thema

Lieber Eldarion,
Sie verwechseln eine allgemeine Stimmabnahme mit den gruppenspezifischen Unterschieden in der Grösse der Abnahme (Tabelle 2). Das heisst
1) die Differenzen in Tabelle 2 sind alle negativ - generell wurde also der Beitrag von 2013 schlechter bewertet als der in den Vorjahren (zu Recht). Das sehen Sie richtig, und das zeigen die Daten.
2) Ein 'Angela-Merkel-Effekt' sollte durch einen höheren Punkteverlust (gegenüber 2011 oder 2012) in der PIGSCI-Gruppe gegenüber den anderen beiden Gruppen nachweisbar sein (dort sollte die absolute Differenz wesentlich grösser ausfallen). Mein Test zeigt, dass eine solche höhere Differenz besonders im Vergleich zu 2011 oder zum Durchschnitt 2011-2012 jedoch nicht zu beobachten ist.

Re: Re: Feine Analyse zum falschen Thema

Ich habe mich misverständlich ausgedrückt. Es muss heissen:
2) Ein 'Angela-Merkel-Effekt' sollte durch einen höheren Punkteverlust in der PIGSCI-Gruppe im Vergleich zu den Verlusten in den anderen beiden Gruppen nachweisbar sein (in der PIGSCI-Gruppe sollte also die absolute Differenz wesentlich grösser ausfallen). Mein Test zeigt jedoch, dass eine solche höhere Differenz besonders für das Jahrespaar 2011-2013 oder für das Jahrespaar 2011/2012-2013 nicht zu beobachten ist.
Die Hypothese eines Eurokrisenländer-spezifischen Vertrauensverlustes ist damit widerlegt.

Re: Re: Re: Feine Analyse zum falschen Thema

@JAVFischer
Danke für Ihre umfassende Antwort, Sie haben natürlich Recht.

Ich habe diese klare Unterscheidung zwischen dem allgemeinen Punkteniveau auf Basis der Qualität und Beliebtheit des Musikstücks und möglichen zusätzlichen Abweichungen zwischen Ländergruppen aufgrund von Sympathieveränderungen wegen der Eurokrise im Artikel nicht ganz erkannt, so kam ich zu meinem verfrühten Urteil.

So wie sich die Sache nun dank Ihrer Erklärung und einer nochmaligen aufmerksamen Lektüre darstellt, macht die Analyse natürlich auch tatsächlich Sinn. Dass sie gut durchgeführt wurde hab ich ja bereits in meinem ersten Kommentar erwähnt.

Danke für Ihre Antwort und gratuliere zu dieser Arbeit. Fakten die solche Länder-gegen-Länder Legenden widerlegen, relativieren oder zumindest in den richtigen Kontext stellen, sind immens wichtig.

Mit freundlichen Grüßen

Re: Re: Re: Re: Feine Analyse zum falschen Thema

Herzlichen Dank für Ihr Kompliment!

Nachdem die ersten Meldungen üder die Dolchstosslegende kursierten, habe ich sofort alles stehen und liegen lassen, um diese wissenschaftlich-fundiert zu analysieren und bestenfalls zu widerlegen. Es war mir ein echtes Herzensanliegen.

Bitte entschuldigen Sie das dreimalige Posten - das System hier war etwas langsam....

Mit freundlichen Grüssen,

Justina Fischer

 
12

Meinung

Wirtschaftskolumnen auf DiePresse.com »

AnmeldenAnmelden