Antialkoholiker gemobbt: Betrieb droht Zahlung

16.12.2012 | 18:44 |  PHILIPP AICHINGER (Die Presse)

Wenn der Arbeitgeber nicht rasch gegen das Fehlverhalten von Mitarbeitern vorgeht, haftet er für Schäden, die ein diskriminierter Kollege erleidet. Es reicht nicht, eine Mediation in ein paar Monaten zu versprechen.

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Wien. Gerade vor Weihnachten ist Alkohol am Arbeitsplatz ein Thema. Wenn ein Mitarbeiter aber von Kollegen gemobbt wird, weil er nicht mittrinkt, muss der Arbeitgeber rasch einschreiten. Das zeigt ein aktuelles Urteil.

Geklagt hatte ein Mann, der in einem Rehabilitationszentrum arbeitete. Er übte dort verschiedene Tätigkeiten aus, zuletzt war er Hausarbeiter und Portier. Doch der Mann fühlte sich von seinen Kollegen schlecht behandelt. Beschimpfungen, Computermanipulationen und weitere Schikanen sollen an der Tagesordnung gewesen sein. Den Grund ortete das Mobbingopfer darin, dass er im Gegensatz zu seinen Kollegen keinen Alkohol trank. Bei Feiern war der Mann unerwünscht. Der Alkohol schien in dem Rehabilitationszentrum aber auch während der Arbeit eine Rolle zu spielen. Als der Mann das einmal dem Verwaltungsleiter des Betriebs sagte, veranlasste dieser eine Prüfung: Dabei wurden leere Flaschen gefunden. Wer konkret Alkohol während der Arbeit trank, konnte nicht ermittelt werden. Der Gemobbte suchte sodann im Spätsommer 2008 den Werkmeister auf, der für die Diensteinteilung zuständig war. Der Mitarbeiter erzählte, er könne nicht mehr schlafen, weil er in der Arbeit schikaniert werde. Darauf teilte der Werkmeister den Mann für Arbeiten ein, die er entweder allein oder mit einem Kollegen, mit dem er sich gut verstand, ausüben konnte.

Der Mann sah sich aber wegen des Klimas am Arbeitsplatz im September 2008 veranlasst, ein E-Mail an den Verwaltungsleiter zu schreiben. Darin schilderte er sein schweres Vorleben, das „aus sechs Pflegeplätzen bestand“, und seine Schussvertäubung, deretwegen er Hörgeräte tragen müsse. Aber „in keinem Betrieb habe ich solche Intrigen – hinterhältige Aktionen – erlebt“, schrieb der Mann, der um eine Versetzung bat.

 

„Schwein, Kameradensau, Verräter!“

Im Herbst kam es zu zwei Besprechungen im Betrieb, an dem neben dem Mobbingopfer u. a. auch der Verwaltungsleiter und der Werkmeister teilnahmen. Dabei sagte man dem Mann, dass es keine Möglichkeit für einen Arbeitsplatzwechsel gebe. Man werde sich aber um eine Mediation bemühen, da die Situation zwischen den Hausarbeitern anders nicht mehr lösbar sei, hieß es im November. Die Mediation fand jedoch nie statt. Begründet wurde dies damit, dass der angefragte Mediator erst im Jänner 2009 einen Termin frei habe. Zu Beginn dieses Jahres ging der betroffene Mann aber bereits in den Krankenstand. Denn das Mobbing hatte sich verschärft. Die Mitarbeiter bekamen Wind davon, dass der Mann den Verwaltungsleiter über die Zustände informiert hatte. Deswegen hatte der Betrieb begonnen, vermehrt Alkoholkontrollen durchzuführen. Die Kollegen rächten sich: Als „Schwein, Kameradensau, Verräter, und A...“ wurde das Mobbingopfer bezeichnet. Wenn der Gemobbte als Portier arbeitete, wurde er nie abgelöst und konnte keine Pause machen.

Ein Jahr war der Mann in Krankenstand. Akute Kreuzschmerzen und ein Ausschlag, der auf Stress sowie auf die Medikamente und Spritzen zurückzuführen sei, würde ihn arbeitsunfähig machen, erklärte der Mann. Schließlich trat er aus dem Arbeitsverhältnis aus und ging in Pension. Im nun folgenden Prozess klagte der Mann rund 7000 Euro von seinem Ex-Arbeitgeber ein. Darin enthalten waren unter anderem 5000 Euro Verdienstentgang, tausend Euro Schmerzengeld sowie Kosten für Ärzte. Die beiden ersten Instanzen, das Landes- und das Oberlandesgericht Graz, wiesen die Klage ab. Der Arbeitgeber habe immer angemessen reagiert.

Der Oberste Gerichtshof (OGH) sah die Sache anders: Die Richter betonten, dass den Arbeitgeber die Fürsorgepflicht für seine Mitarbeiter treffe und er schnell handeln müsse, wenn er von Mobbing erfährt. Ansonsten mache sich der Arbeitgeber schadenersatzpflichtig. Bis hin zum Angebot der Mediation habe sich der Betrieb korrekt verhalten, meinten die Höchstrichter (9 Ob A 131/ 11x). Doch diese Mediation hätte man wegen der Brisanz nicht erst fürs kommende Jahr ansetzen dürfen, erklärten die Richter. Daher erhalte der Arbeitnehmer Schadenersatz, sofern seine Erkrankung tatsächlich auf das Mobbing zurückzuführen ist. Ob dies der Fall ist, müssen nun aber noch die Unterinstanzen klären.

 

Gemobbte Ostdeutsche klagte erfolgreich

Schadenersatzansprüche könnten bei Mobbing nicht nur auf das Gleichbehandlungsrecht, sondern auch auf das allgemeine Schadenersatzrecht gestützt werden, erklärt Gert-Peter Reissner, Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Uni Innsbruck. Dadurch sind höhere Klagssummen möglich, weil man die Summe nicht bloß am immateriellen, sondern am tatsächlichen Schaden bemessen kann. Reissner verweist gegenüber der „Presse“ auch auf einen Fall aus dem Vorjahr, in dem eine Frau ihre Ersatzansprüche durchsetzt habe: Sie ist in einem Kärntner Betrieb wegen ihrer Herkunft aus Ostdeutschland gemobbt worden (9 Ob A 132/10t). [iStockphoto]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)

 
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24 Kommentare
Alpha3
27.12.2012 15:50
3

Was geschieht wenn ganze Berufsgruppen von den zuständigen

Ministern öffentlich gemobbt werden?

Hans-Joachim Fuchs
22.12.2012 09:58
9

na endlich

Österreichischer Hausärzteverband / 24.01.2009 / 10:28 / OTS0021 5 II 0150 NEF0001 CI Sa,Österreichischer Hausärzteverband urgiert Gesetzgebung gegen Mobbing am Arbeitsplatz = Wien (OTS) - Das Mobbing in Betrieben und Institutionen stiftet unter den Beschaeftigten gesundheitlichen Schaden in grossem Ausmass. Wir Hausaerzte koennen das bestätigen. Wir sind stets bemüht, den Schaden für unsere Patienten zu verringern. Daher möchten wir auch die Öffentlichkeit über Ursachen und Folgen informieren: Es ist eine Form des Machtmissbrauchs mit zahlreichen Menschenrechtsverletzungen mit teils verheerenden gesundheitlichen Folgen: Beunruhigung, Verstörung, Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit, Erschoepfung, Burnout Depression, Panikattacken, Sozialphobie, Alkoholismus , Infektanfaelligkeit, Magenschmerzen, Rueckenschmerzen, Unfaelle. Um die Mobbing- Umtriebe (gezielte Unfreundlichkeiten, Unhöflichkeiten, Einschüchterungen, ueble Nachrede, Feindseligkeiten, absichtliche Überforderungen oder Unterforderungen durch Aufgabenzuteilungen,ueberzogener Kritizismus bis zur Hinrichtung zum Ausschluss aus den Informationsprozessen und Kommunikationsprozessen der Arbeitsgruppen, manchmal sogar bis zur existentiellen Vernichtung) wirksam zu bekämpfen und zu unterbinden, bedarf es auch einer entsprechenden Gesetzgebung durch den Nationalrat.

Österreichischer Hausärzteverband
Präsident Dr.Christian Euler

rrrn
18.12.2012 08:06
23

negativ

Ich bin an einer Uni mehr als 20 Jahre gemobbt worden.
Ich habe 100-e Briefe, E-mails ... geschrieben, wurde aber nie angehoert.
Wurde in Burnout und Depression getrieben. Am Ende wurde ich vom Opfer zum Taeter gemacht und gekuendigt.

Antworten zylex
31.12.2012 13:03
4

Re: negativ

arbeite selbst an einer uni ... um dort gekündigt zu werden muss man sich schon sehr anstellen ... gratulation!

Antworten Hans-Joachim Fuchs
22.12.2012 10:02
11

Re: negativ

Sie haben mein vollstes Mitgefühl.
In meiner ärztlichen Praxis sind mir viele von Mobbing betroffene Menschen begegnet.
Es ist an der Zeit, daß die Rechtspflege adäquat auf solche Fälle einstellt.

katzigiannis
17.12.2012 14:42
30

Mobbing

ist immer ein Zeichen von Führungsschwäche in einem Unternehmen. Selber schuld, wenn die alte Methode, das Opfer anstatt der Täter rauszuwerfen, mal nicht geklappt hat.

Charon
17.12.2012 11:47
8

Am besten,...

...man schafft es als Unternehmer, ohne fremdes Personal auszukommen.

peter widzky
17.12.2012 09:17
6

aber sicher doch...

Als der Mann das einmal dem Verwaltungsleiter des Betriebs sagte, veranlasste dieser eine Prüfung: Dabei wurden leere Flaschen gefunden.

und dann wundern wenn er nicht gemocht wird...

Antworten katzigiannis
17.12.2012 14:46
30

Re: aber sicher doch...

hier verwechseln Sie wohl Ursache und Wirkung. Er hatte ja nichts dagegen, dass die anderen trinken. Die aber, dass er nicht trinkt. Dann sind sie aber selber schuld, wenn er sich gegen das Mobbing wehrt und die heimliche Sauferei nicht mehr mitträgt.

Antworten Antworten cougar
18.12.2012 17:43
3

Re: Re: aber sicher doch...

Also ich würde dazu gerne mal die Version des Chefs und der Kollegen erfahren, denn irgendwie hört sich diese Geschichte seltsam an.

Für mich liest sich das eher so, als wäre der Herr ein ziemlicher Querulant, der die Schuld ausschließlich bei den anderen gesucht hat (das es mit den Kollegen nicht geklappt hat, lag sicher nicht nur an der Alkoholabstinenz).

Der Hinweis auf das Alkoholproblem im Betrieb war sicher auch kein sachlicher sondern diente lediglich der Rache. So gesehen ist die Reaktion der Kollegen in gewissem Maße verständlich. Mal abgesehen davon, dass regelmäßiger Alkoholkonsum am Arbeitsplatz nichts verloren hat (Was ist das eigentlich für ein seltsames Reha-zentrum?).

Antworten Antworten Antworten Revolutionärer Geist
18.12.2012 19:25
0

Re: Re: Re: aber sicher doch...

Selbstverständlich müssen beide Seiten überprüft werden. Fakt ist, dass Antialkoholiker oder Leute, die an einem Glas Wein zwei Stunden trinken einbißchen "anders" (vor allem vor festlichen Betriebsanlässen) behandelt werden.

Antworten Antworten Antworten katzigiannis
18.12.2012 18:44
20

Re: Re: Re: aber sicher doch...

Also du sprichst wie eine typische Mobberin. Das Opfer ist schuld...

Antworten Antworten Antworten Antworten Aliasa
30.12.2012 17:35
1

Re: Re: Re: Re: aber sicher doch...

Das ist leider auch gar nicht so selten der Fall (nicht im Sinn von dass der Gemobbte etwas Verbotenes tut, sondern dass er die Kollegen durch irgendeine schwer nervende, aber in keinen Verbotskatalog fallende Eigenheit so fertigmacht, dass sie ihn einfach nicht aushalten). Lose-lose Situation.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten katzigiannis
31.12.2012 17:19
3

Re: Re: Re: Re: Re: aber sicher doch...

Dann handelt es sich aber um Intoleranz der Kollegen für die diese selbst verantwortlich sind, wie derFall zeigt.

right_way
17.12.2012 08:24
12

Entmüdigung geht munter weiter!

Wenn ich demnächst was böses Sage dann haftet meine Mutter oder wie? Alles nur noch Sch.weine, die das Volks auf Schritt und Tritt bevormunden und enteignen!

Antworten erquadrat
19.12.2012 18:35
4

Re: Entmüdigung geht munter weiter!

Ganz dieser Meinung !
Wenn nicht bald Gesetzgeber solchen Richtersprüchen entgegenwirken, werden wir bald alle Unternehmer eingesperrt haben so Sie nicht von sich aus dem zuvorkommen und nichts mehr "unternehmen" um nicht gegen irgendwelche Gesetze zu verstossen.

Antworten Antworten right_way
20.12.2012 15:01
2

Re: Re: Entmüdigung geht munter weiter!

Wie man an der Bewertung Ihnen und mir sieht, sind lauter Verrückte unterwegs die es mehr als verdient habe enteignet und entmündigt zu werden! Die sind eben nicht fähig, selbst für sich zu denken!

Antworten Antworten Antworten katzigiannis
20.12.2012 18:08
14

Re: Re: Re: Entmüdigung geht munter weiter!

Naja, wenn einem auf der Autobahn nur noch Geisterfahrer entgegen kommen, sollte man seinen Kurs überdenken :-)

Antworten Antworten Antworten Antworten right_way
20.12.2012 20:47
1

Re: Re: Re: Re: Entmüdigung geht munter weiter!

Achso? Wenn alle Nachbarn für das töten von Aus ländern sind dann sollte man auch seinen Kurs überdenken?

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten katzigiannis
21.12.2012 11:45
12

Re: Re: Re: Re: Re: Entmüdigung geht munter weiter!

Immerhin, Sie haben es schon zur Hälfte begriffen. Jetzt bitte noch den kleinen Schritt machen von "Töten von Ausländern ist nicht ok" zu "Dulden oder Mitmachen bei Mobbing ist nicht ok" und ich zähle Sie zu denen, die selbständig denken können :-)

Antworten Antworten katzigiannis
19.12.2012 19:03
20

Re: Re: Entmüdigung geht munter weiter!

Manchen Unternehmern, welche die Fürsorgepflicht regelmäßig verletzen oder gar am Mobbing mitwirken, könnte ein wenig Haft nicht schaden...

Thronfolger
17.12.2012 07:38
4

Decke statt Mobbing

Und a Ruah is.

Fintofanto
16.12.2012 22:36
5

Es gibt angeblich sogar Bürgermeister, denen sowas nie passieren könnte...



Tangens1
16.12.2012 21:31
3

War das im toleranten Saudiarabien?


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